Schönheits-OPs – unnötiger Schnickschnack oder Akt der Selbstliebe? Eine persönliche Bilanz

Ich erinnere mich noch gut an den ersten Artikel, den ich hier auf im gegenteil veröffentlichen durfte. Darin habe ich von dem Recht gesprochen, sich bei aller Selbstliebe auch mal schlecht mit dem eigenen Körper fühlen zu dürfen.

Die Selbstliebe-Bewegung hat in den letzten Jahren und Monaten immer mehr Fahrt aufgenommen. Und das ist eine schöne Entwicklung. Vorbildfiguren wie Melodie Michelberger oder Louisa Dellert zeigen der Welt auf ihren Social-Media-Kanälen, dass niemand das Recht hat, einer anderen Person ein schlechtes Gefühl bezüglich des eigenen Körpers zu vermitteln.

Aber was ist, wenn die Selbstliebe Grenzen hat? Wenn man so schon ganz okay mit sich ist, aber bestimmte Dinge einen daran hindern, sich wirklich zu lieben?

Aber was ist, wenn die Selbstliebe Grenzen hat? Wenn man so schon ganz okay mit sich ist, aber bestimmte Dinge einen daran hindern, sich wirklich zu lieben? Dann entscheidet sich manch einer für eine OP. Und ich finde das nur allzu verständlich.

Ästhetische OPs: Wenn die Selbstliebe nicht mehr weiterkommt

Zunächst muss einmal festgehalten werden, dass ich hier nicht für die Leute spreche (oder sprechen kann), die wöchentliche Meetings mit Chirurg*innen haben und deren Hobby es ist, den Körper in einer Art und Weise zu perfektionieren, dass nur Teile von ihnen 50 Jahre alt werden. Ich rede auch nicht von Menschen, die zum Beispiel eine Liposuktion (Fettabsaugung) für eine effektivere Methode (als gesunde Ernährung und Sport) halten, den gewünschten BMI zu erreichen. Auch diese Menschen werden ihre Gründe und Fürsprecher*innen haben.

Ich hingegen spreche von und für Menschen, deren Psyche und Selbstwertgefühl maßgeblich durch eine Schwachstelle an ihrem Körper beeinträchtigt werden. Die tagtäglich beim Blick in den Spiegel mit sich selbst kämpfen und unglücklich sind – und denen eine Therapie nicht das Gefühl von Lebensqualität vermitteln kann, wie es eine gut überlegte OP tun kann.

Mit 25 entschied ich mich nach einer jahrelangen Quälerei und vielen Stunden Therapie, noch mehr Stunden im Fitnessstudio und einer Ernährungsumstellung für eine Liposuktion.

Ich habe diese Erfahrung gemacht. Mit 25 entschied ich mich nach einer jahrelangen Quälerei und vielen Stunden Therapie, noch mehr Stunden im Fitnessstudio und einer Ernährungsumstellung für eine Liposuktion – und zwar an den Beinen, meiner persönlichen Schwachstelle an meinem Körper.

Und jedem, der das für Schummelei bezüglich des Selbstwertgefühls hält, kann ich nur entgegensetzen, dass ich es bis heute nicht bereue und es in der gleichen Situation immer wieder täte. Denn es ist mein Körper und ich habe das Recht, mich darin wohlzufühlen ­– oder es wenigstens und mit allen Mitteln zu versuchen.

Es wäre mir auch lieber gewesen, meine Beine so zu mögen, wie sie nun einmal waren. Aber das war für mich nicht zu erreichen. Selbstakzeptanz oder gar Selbstliebe sind kein leicht umsetzbares Unterfangen – auch das wird Melodie Michelberger sehr gut wissen. Das ist jahrelange Arbeit, mit vielen Rückschlägen und manchmal funktioniert es eben auch gar nicht.

Es wäre mir auch lieber gewesen, meine Beine so zu mögen, wie sie nun einmal waren.  Selbstakzeptanz oder gar Selbstliebe sind kein leicht umsetzbares Unterfangen.

Mein Leidensweg war bis zu dem Punkt, an dem ich mich dafür entschied, meine Beine operieren zu lassen, lang. Und für mich mit vielen Entbehrungen verbunden. Obwohl es für meine Mitmenschen von außen nicht unbedingt nachvollziehbar war, haderte ich viel mit mir.

Ich traute mich nicht, im Sommer kurze Hosen zu tragen und nahm eher in Kauf, dass mir in meiner Jeans viel zu heiß war, als dass ich meine Beine gezeigt hätte. Ich traute mich nicht ins Freibad und wenn doch, konnte ich keine Freude an einem schönen Tag in der Sonne haben, sondern sah mich ständig mit meinem Makel konfrontiert. Ich traute mich nicht einmal, mich nach dem Duschen nackt im Spiegel zu betrachten. Jahrelang.

Ja dann mach’s halt, wenn es dir hilft

Natürlich blieb mein Leiden auch meiner Familie und meinem damaligen Freund nicht verborgen. Positives Zureden hat allerdings wenig geholfen. Denn, wenn man ein bestimmtes Bild von sich hat, das nicht dem entspricht, was man gerne wäre – dann nützt auch positives Feedback nicht viel. Nur kurzzeitig, vielleicht. Aber dann raubt einem der Anblick des eigenen Spiegelbildes wieder das unbekümmerte Gleichgewicht.

Ich wusste auf einer rationalen Ebene, dass ich extrem kritisch mit mir selbst war. Kritischer, als ich hätte sein müssen – sollen. Aber überdimensionierte Selbstzweifel, wie ich sie bis heute mit mir herumschleppe, sind selten rational. Meine gelebten Einschränkungen durch diese Selbstzweifel waren indes handfest und hinderten mich durch meine Beine an meiner so sehr verzweifelt erwünschten Lebensqualität und Bewegungsfreiheit.

Die Entscheidung, mir diese Lebensqualität mittels chirurgischer Hilfe gewissermaßen zu erkaufen, war für mich ein erlösendes Gefühl.

Die Entscheidung, mir diese Lebensqualität mittels chirurgischer Hilfe gewissermaßen zu erkaufen, war für mich ein erlösendes Gefühl. Eines, das mir Therapie bisher nicht hatte geben können. Mein eindeutiges „Ja“ zu dieser Maßnahme, Selbstliebe für mich zu ermöglichen, ließ mich trotz aller Risiken, die mit einer solchen OP einhergehen, nicht mehr an meiner Entscheidung zweifeln. Und Risiken gibt/gab es, viele.

Es hätte sein können, dass mein Gewebe sich von dem traumatischen Eingriff nicht mehr an meinen Körper anpasst und ich danach zwar schlankere, aber auch deutlich unebenere Beine bekomme. Von dem Narkose-Risiko ganz zu schweigen. Eine OP ist niemals ungefährlich. Aber ich wollte mich endlich so sehr akzeptieren, dass ich ohne Wenn und Aber all diesen Risiken zustimmte. Ich hätte alles getan, wollte mich endlich in meinem Körper wohlfühlen.

Hilfe mit kritischer Herangehensweise

Meine Odyssee führte mich zu fünf verschiedenen Fachärzt*innen für ästhetische Chirurgie, die mein Problem aus verschiedenen Blickwinkeln und mal mehr und mal weniger kritisch beleuchteten. Der erste Arzt sagte mir deutlich, dass er mir in einem privaten Rahmen davon abraten würde. Aber er sehe sich als Dienstleister und würde mir durchaus helfen, wenn ich es dennoch machen wollen würde.

Ich habe es wenigstens versucht, und ob ich nun unberechtigt oder berechtigt meine Beine nicht zeigen würde, war mir egal, denn es wäre auf dasselbe hinaus gelaufen.

Andere Ärzte versuchten, mir neben den Beinen noch OPs am Po und Bauch anzudrehen – zum Paketpreis gewissermaßen. Ich entschied mich für den ersten, da er dazu bereit war, mir das zu ermöglichen, wonach ich gefragt hatte, und nicht mehr.

Natürlich hatte ich Angst vor der OP. Was würde sein, wenn ich danach immer noch nicht glücklich wäre oder wenn gar alles schief gehen und es am Ende womöglich noch schlimmer werden würde? Die Antwort auf alle diese Fragen war ein und dieselbe: Ich habe es wenigstens versucht, und ob ich nun unberechtigt oder berechtigt meine Beine nicht zeigen würde, war mir egal, denn es wäre auf dasselbe hinaus gelaufen.

Beine gut, alles gut?

Nach der OP musste ich noch lange auf das ersehnte sichtbare Ergebnis warten. Als ich allerdings vier Monate später die Vorher-Nachher-Bilder bei meinem Arzt sehen durfte, fiel mir ein unglaublich großer Stein vom Herzen. Der Arzt hatte mir das gegeben, was ich seit Einsetzen meiner Pubertät nicht mehr zu erreichen geglaubt hatte: Beine, mit denen ich wirklich leben konnte und wollte.

Bis heute sind meine Beine nicht die einer Kate Moss oder einer Claudia Schiffer. Aber das ist okay. Das war nicht das gesetzte Ziel. Ich habe jetzt Beine, bei denen ich nicht mehr weinen will, wenn ich sie im Spiegel betrachte. Mit denen ich mich in kurzen Hosen und Kleidern im Sommer auf die Straße traue und wieder das Leben einer jungen Frau führen möchte, mein Leben. Und das war alles, was ich wollte und zu bekommen erhofft hatte. Lediglich zwei kleine punktförmige Narben an den unteren Innenseiten meiner Oberschenkel erinnern mich heute noch an die OP. Damit kann ich leben.

Man kann mir vorwerfen, dass ich mich von meinem Äußeren sehr hab einschränken lassen. Auch wenn das nicht nur mein Problem ist, sondern ein gesellschaftliches.

Man kann mir nach diesem Artikel vorwerfen, dass ich mich von meinem Äußeren so sehr hab einschränken lassen, dass ich den Spaß an meinem Leben verlor. Dass Aussehen für mich eine größere Rolle spielt, als es gut für mich wäre. Auch wenn ich denke, dass das nicht nur mein Problem ist, sondern ein gesellschaftliches. Insbesondere in Bezug auf den weiblichen Körper, von dessen (Er-)Lösung wir noch sehr weit entfernt sind. Aber man kann mir nicht vorwerfen, dass ich mich in meinem Körper wohlfühlen wollte.

Die Moral von der Geschichte ist nicht die, dass man sich bei jedem kleinen Selbstzweifel unters Messer legen sollte, damit man sich besser fühlt. Aber man darf Maßnahmen ergreifen, wenn das Leiden zu stark ist. Und natürlich insbesondere dann, wenn die physische und/oder psychische Gesundheit beeinträchtigt sind.

Ob eine OP dafür der richtige Weg ist, muss und sollte jede*r für sich selbst entscheiden. Für mich war sie das – und ich verurteile niemanden, dem es genauso geht. Denn auch die (bewusste) Entscheidung zu einer OP kann ein Akt im Rahmen der Selbstliebe sein, wenn man sich sonst nicht lieben kann.

Headerfoto: Khaled Ghareeb via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

LINDA hat an Heiligabend Geburtstag, kommt aus dem Rheinland, ist aber im Herzen Hamburgerin. Sie hat Literatur in Bonn und Hamburg studiert und mit einer Arbeit über die Liebe abgeschlossen. Für die Liebe ist sie auch nach Berlin gezogen. Bei im gegenteil liest sie deswegen auch Liebesbriefe und sorgt dafür, dass diese hübsch gemacht sind für dieses Internetz.

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