Schmerz macht Dich nicht stärker, sondern kaputt

Man sagt, ohne Schwere gäbe es keine Leichtigkeit. Man sagt auch, dass schlechte Zeiten immer auch etwas Gutes haben. No rainbow without rain. Traurige Zeiten machen einen kreativ und lassen einen Kunst erschaffen. Sie sollen einen auch die glücklichen Zeiten mehr wertschätzen lassen. Vor allem sollen sie einen stärker machen als vorher. What doesn’t kill you makes you stronger. Jaja.

What doesn’t kill you macht dich kalt. What doesn’t kill you lässt Dich fragen, ob es nicht besser wäre, tot zu sein.

Bullshit. What doesn’t kill you verletzt Dich so sehr, dass Du glaubst, nur noch existieren zu können. What doesn’t kill you macht Dich kalt. What doesn’t kill you lässt Dich fragen, ob es nicht besser wäre, tot zu sein.

Jemandem, der gerade operiert wird, erzählt man doch auch nicht, dass danach alles noch viel besser funktionieren wird als vor dem Zeitpunkt, an dem die Schmerzen begonnen haben. Wer ein gebrochenes Bein hat, dem sagt man doch nicht, dass das Bein nach der Heilung noch stärker ist als vor dem Bruch?

Nein, erstmal wird wochenlange Physiotherapie verschrieben, Sportlern wird Geduld mit sich selbst verschrieben und Mitleid gibt es gratis obendrauf.

Künstler trösten sich damit, dass sie schlechte Zeiten brauchen, um ihre Kunst zu schaffen. „Thank you for the tragedy. I need it for my art“, hat Kurt Cobain gesagt. Ich habe mich auch lange damit getröstet, es wenigstens fürs Kreativ-Sein nutzen zu können, wenn es mir schon scheiße geht. Aber was, wenn das nicht klappt?

Ich will nicht mehr glauben, Tiefpunkte wären gut oder notwendig, um kreativ zu sein. Oder Tiefpunkte wären generell immer für irgendetwas gut.

Dann bleibt der Frust darüber, dass man nun noch nicht einmal das schafft. Sondern einsam, alleine, traurig, unkreativ, uninspiriert, unproduktiv, nutzlos dasitzt und einfach nur noch vegetiert. Dann ist der Schmerz komplett umsonst, zwecklos, unbrauchbar. Ich will deswegen nicht mehr glauben, Tiefpunkte wären gut oder notwendig, um kreativ zu sein. Oder Tiefpunkte wären generell immer für irgendetwas gut.

Man könne, müsse daraus lernen, man könnte sich selbst dadurch nur verbessern oder generell könne so vieles danach ganz anders werden. Manchmal bringt das auch was, ja. Manchmal erkennt man, dass die Beziehung, in der man sich befindet, scheiße ist, die Freunde, die man hat, einem nicht gut tun, man den Job eigentlich hasst oder sich in der Wohnungssituation unwohl fühlt.

Dann zieht man vielleicht um, macht Schluss, meldet sich bei Tinder an oder kündigt. Oder alles gleichzeitig. Das wäre dann richtig gut und vielleicht wird man danach auch so richtig glücklich. Im neuen Job, in der neuen Beziehung, in der neuen Stadt oder mit einer neuen Sportart.

Vielleicht ist man auch kreativ, wenn man leidet. Vielleicht passiert von alldem aber auch nichts und man liegt im Bett und wartet und wartet bis es irgendwann von selbst besser wird.

Es ist okay, zu leiden, ohne das Leid in Produktivität zu verwandeln.

Und das ist vollkommen in Ordnung. Das ist okay. Es ist okay, zu leiden, ohne das Leid in Produktivität zu verwandeln. Ohne das Leid zu Lebensentscheidungen zu nutzen. Es ist okay, zu leiden und dabei nichts zu tun, außer es auszuhalten.

Ich glaube aber nicht daran, dass Schmerz unmittelbar zu besseren Umständen im Anschluss führt. Ich weigere mich zu glauben, dass die Romantisierung von Schmerz uns gut tut. Aus jeder Scheiße was Schönes machen zu wollen, treibt uns in falsche Hoffnungen und in ein viel tieferes Loch, wenn sie nicht aufgehen.

Und das tun sie doch selten, wenn auch die, die das alles so nett meinen, einmal ehrlich zu sich sind. Denn je tiefer man in der Scheiße steckt, desto mehr kann man sich die Zukunft rosarot reden. Morgen ist es besser, morgen wird alles gut. Morgen bin ich glücklich. Vielleicht sogar sehr, sehr glücklich.

Und dann kommt der Morgen und es ist immer noch grau, draußen und drinnen und es hat sich so gar nichts verändert. Die Scheiße ist immer noch genauso scheiße wie vorher, die Kunst ist genauso kunstvoll oder genauso katastrophal wie vorher und meine Gedanken kreisen und kreisen immer noch bis sie fallen.

Die Steine, die das Leben einem sprichwörtlich in den Weg legen, kann man nicht immer zu einer Statue machen.

Die Steine, die das Leben einem sprichwörtlich in den Weg legen, kann man nicht immer zu einer Statue machen. Wenn doch, dann sieht die Statue vielleicht aus wie ein schreiendes Walross. Obwohl ich nicht weiß, ob Walrösser schreien können.

Dann wäre es vielleicht schöner gewesen, die Steine einfach Steine sein zu lassen oder die Zitronen nicht zu Limonade zu machen, weil Limonade ungesund ist und viel zu viel Zucker enthält oder man eine Fruktose-Intoleranz hat oder so, aber dann hätte man eben nichts gemacht mit den Steinen und den Zitronen. Das wär vielleicht auch nicht so gut.

Also lasst uns doch einfach mal sagen, dass man einfach irgendwas machen sollte, nur um weiterzumachen, oder auch mal nichts tun, nur um weiter zu existieren und weil das manchmal schon reicht, ohne den Anspruch zu haben, es muss nachher etwas geschaffen werden oder besser sein, als es vorher war. #Selbstoptimierung.

Manche Dinge sind und bleiben scheiße.

Manche Dinge sind und bleiben scheiße. Und wenn man dann glücklich ist, ist das nicht den schlechten Zeiten zu verdanken, sondern den kleinen Momenten, die Dir trotz allem ein bisschen Mut geben, dass es bald wieder etwas besser sein wird.

Der Busfahrer, der extra auf einen wartet, die alte Dame, die einem ohne Grund zulächelt, die ersten Blätter, die umständlich vom Baum durch die Luft fliegen, bevor sie vor deinen Füßen landen. Der kleine Junge, der in der Bahn Grimassen schneidet und einen angrinst. Gäste, die am Ende des Abends im Restaurant „Es war schön mit Ihnen“ zur Bedienung sagen.

Die Autofahrerin, die extra anhält, damit man die Straße überqueren kann, auch ohne Zebrastreifen. Die Freundin, die einfach vorbei kommt und sich neben einen legt. Der Freund, der anruft und fragt, ob es einem gut geht. Die Oma, die einem mitten beim Einkaufen ein Kuss auf die Wange drückt und sagt, wie sie sich freut, dass man da ist.

Die Bücher, die einem am Ende das Gefühl geben, dass das Leben gut werden kann. Die Lieder, die dieselben Gefühle beschreiben, die man selbst in sich hat. Die leise Stimme, die sagt: „Wir versuchen es noch einmal. Immer und immer wieder.“

Das sind die Dinge, die einen nach vorne bringen. Nicht der Schmerz. Sondern das, was trotz des Schmerzes bleibt, und einen weitermachen lässt.

Das sind die Dinge, die einen nach vorne bringen. Nicht der Schmerz. Sondern das, was trotz des Schmerzes bleibt, einen weitermachen lässt und die Hoffnung auf etwas Gutes danach gibt.

Debbie denkt oft an blöde Floskeln übers Glücklichsein und kommt zu dem Entschluss, dass die meisten kompletter Bullshit sind. Sie ist 20 und fängt bald an, zu studieren. Irgendwas mit Medien oder Kommunikation oder Philosophie oder so.

Headerfoto: Cortney White via Unsplash. (“Wahrheit oder Licht”-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

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