OMG, da ist ein Nichtwähler! Wie es sich anfühlt, wenn deine Mutter und dein Freund nicht wählen

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich mit 18 Jahren meine deutsche Staatsbürgerschaft angenommen habe und meinen silbern rosa glänzenden Personalausweis in der Hand halten durfte. Endlich ein Ausweisdokument für den Zigarettenautomaten, endlich wählen können. Seitdem verpasse ich keine Gelegenheit zur Wahl.

Wenn ich einen freien Sonntag habe, hole ich mir feierlich einen guten Flat White, ziehe ein Kleid an und latsche ins nächste Wahllokal. Ich grüße jeden freundlich und stelle mir danach auf dem Smartphone ‘nen Liveticker zur Wahl ein. Damit ich mitkriege, in welcher Stimmung es ist, dieses Europa, das mich in Frieden und gut genährt hat aufwachsen lassen.

Ich kenne nur zwei Europäer, die am Sonntag nicht zur Wahl gegangen sind: meine Mutter und mein Freund. Beide sind Migranten, beide haben die Schule besucht und sogar einen Studienabschluss. Beide poltern regelmäßig gegen korrupte Politiker, gesellschaftliche Probleme und Macht.

Ich stelle mir ‘nen Liveticker zur Wahl ein, damit ich mitkriege, in welcher Stimmung es ist, dieses Europa, das mich in Frieden und gut genährt hat aufwachsen lassen.

Sie traumatisiert vom sozialistischen Regime, das in ihrer Heimat Polen lange Zeit sein Unwesen trieb, er verbittert über das politische Idiotenkarussell, das aktuell in Italien von rechtspopulistischen Kräften angeschubst wird.

Beide haben sie von den offenen Grenzen in Europa profitiert. Beide lieben sie die Natur und erkennen an, dass sie schützenswert ist, haben Kinder und zahlen Steuern. Meine Mama und dieser Typ mit den süßen Knopfaugen sind genau die Menschen, die ich wählen sehen will.  Sie sind klug, kreativ und beide gut in Mathe. Aber sie entziehen sich der Verantwortung. Warum?

Beide gehen nicht zur Wahl, weil sie verpeilt haben, sich mindestens 21 Tage vor der Wahl ins Wählerverzeichnis eintragen zu lassen oder die Briefwahl zu beantragen. Trotz Post. Trotz Wahlplakaten. Trotz emotionalem und ambitioniertem Content, der seit Wochen in ihre Facebook-Timelines gespült wird. Trotz meiner freundlichen Motivationsphrasen per Telefon und im Schlafzimmer.

Es macht mich wahnsinnig und ich möchte ihnen alle Haare ausrupfen. Sie haben Länder verlassen, die für sie unerträglich geworden waren, um es hier in Deutschland besser zu haben. Nun geht es ihnen hier so gut, dass sich ihr Verantwortungsbewusstsein – unserer Demokratie, ihren Kindern und der Welt gegenüber – schlicht irgendwo in die hinterletzte Ecke ihrer Hirne verkriecht.

In Polen lag die Wahlbeteiligung bei der Europawahl 2014 bei 23,8 %, bei den polnischen Parlamentswahlen kurz darauf bei knapp 51%. Und alle wundern sich, wie salonfähig es in Polen geworden ist, ein Nazi zu sein.

Ich hoffe, dass es in Zukunft noch mehr so einfache Wahlverfahren geben wird, sodass niemand mehr eine Ausrede hat.

Ich war begeistert von der Einfachheit der Briefwahl: QR Code eingescannt, keine zwei Klicks später bekam ich die Bestätigung, dass meine Briefwahlunterlagen unterwegs seien. Dem war auch so. Ich hoffe, dass es in Zukunft noch mehr so einfache Wahlverfahren geben wird, sodass niemand mehr eine Ausrede hat.

Während ich meiner Mutter noch halbwegs dadurch verzeihen kann, dass sie einfach eine riesige Phobie vor allem Bürokratischen hat, würde ich meinen Freund am liebsten kopfüber ins Klo tauchen.

In einem besonders leidenschaftlichen Moment der Rage musste ich mich fragen, ob ich mit einem Typen zusammen sein kann, dem die Zukunft unserer Kinder anscheinend egal ist, der Rechtsextremisten toleriert und zulässt, dass Atomkraftwerke unsere Welt in Brand stecken könnten. Ich malte mir aus, ein Weltkrieg würde ausbrechen, und wenn er weinend wegen dem Tod eines Freundes Trost bei mir suchen würde, würde ich ihm sagen, er sei selber Schuld. Irgendwann bemerkte ich, dass all die Wut kaum was anderes angriff als meine eigene Libido.

Es ist wirklich mega unsexy, einen Freund zu haben, der nicht wählen geht.

Es ist wirklich mega unsexy, einen Freund zu haben, der nicht wählen geht. Statt dem gewohnten „Uh Baby!“ werde ich beim nächsten Mal ein verhaltenes „Hm, naja.“ denken, wenn ich ihn sehe. Es wird eine Menge guter Outfits, Vorspiele und romantischer Whatsapp-Nachrichten brauchen, bis er für mich wieder eine 8,5 auf der Punkteskala wird.

Aber nicht nur mein Freund verwundert mich. Ich vermisse nämlich Platz für Meinungen unter uns privilegierten Leuten hier in diesem reichen Land. So transparent es die Likes auf Facebook auch machen, erkennen zu können, wie ein Mensch ungefähr gepolt ist, so sehr verwundert es mich, wie verschüchtert Arbeitskollegen und Freunde im analogen Leben werden, wenn man mal offen fragt, wen sie wählen werden. Die meisten verstecken das hinter einem verschmitzten Verweis darauf, dass es ja auch zu dem Privileg der Wahl gehört, es geheim halten zu dürfen.

Aber Leute, sprecht doch mal miteinander! Wo ist das Problem? Mehr reden, mehr vergleichen, Politik mehr Platz in unserem Selbst einräumen – so könnten wir uns gegenseitig dazu motivieren, unsere Pflichten als Einwohner dieses privilegierten Kontinents wahrzunehmen.

Aber Leute, sprecht doch mal miteinander! Wo ist das Problem? Mehr reden, mehr vergleichen, Politik mehr Platz in unserem Selbst einräumen.

Ich frage mich, wie viele Leute eine Wahl einfach so verstreichen lassen. Und frage mich, ob es Menschen gibt, die vielleicht tatsächlich wahre Hindernisse haben, die ihnen das Wählen aus irgendwelchen Gründen unmöglich machen. Habt ihr solche Kandidaten in eurem Freundeskreis? Erzählt mir gern in den Kommentaren davon.

Jedenfalls ist mir jetzt bewusst geworden, dass ich meinen Auftrag als europäische Bürgerin weiter verstehen muss: Nämlich nicht nur in dem Akt der eigentlichen Wahl, sondern auch als private Botschafterin für die verlorenen Seelen in meinem unmittelbaren Umkreis.

Für die nächste Wahl habe ich schon ein unumgehbares Zwangsprogramm für die beiden Dussel im Kopf. Ich berichte dann davon.

Danke an alle, die gestern wählen waren. Liebe!

Headerfoto: Anton Darius | @theSollers via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

JULIA STEFANSKI hat nichts gelernt, aber viel erlebt. Was sie antreibt, sind ein wütender Feminismus, die Gier nach finanzieller Unabhängigkeit und der Kampf um die Liebe. Ihre Texte drehen sich rund um Toleranz und zwischenmenschliche Eskapaden. Ihr Herz gehört Berlin Kreuzberg, das sie am liebsten mit ihrer Vespa vollröhrt.

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