Nie zu spät: Wie meine fünfzigjährige Mutter der Liebe eine zweite Chance gab

Eine Frau sondergleichen: Geboren in Nordrheinwestfalen, nach Bayern umgesiedelt, Selbstständigkeit und Familienleben unter einen Hut gebracht und dann der Liebe wegen nach Tirol ausgewandert. Als meine Mama Mitte zwanzig war, war sie im Skiurlaub in Tirol und verliebte sich in ihren Skilehrer.

Das passiert wahrscheinlich einigen jungen Mädels auch heute noch, hier sind allerdings wirklich die Funken geflogen. Die beiden hatten eine wunderbare Zeit, jedoch entscheidet man natürlich nicht ganz so einfach nach ein paar Wochen Liebesaffäre das Leben umzukrempeln und während dem Studium aus dem Nordwesten Deutschlands nach Tirol umzuziehen.

Gut so, sonst gäbe es mich nämlich nicht und das wäre schließlich sehr, sehr schade.

Die Trennung meiner Eltern

Ihr Leben ging also weiter, sie lernte meinen Vater kennen, mein Bruder wurde geboren und dann trafen sie die Entscheidung, nach Bayern umzusiedeln. Mein Vater hatte ein tolles Jobangebot in München bekommen und dort erblickte dann auch ich endlich das Licht der Welt.

Ein Haus auf dem Land wurde gebaut und meine Mutter eröffnete ihre eigene Apotheke in dem wohl schönsten niederbayerischen Ort der Welt. Allein dafür und für unsere wunderbare Kindheit haben beide meiner Meinung nach einen Orden verdient.

Heute weiß ich, dass eine Liebesbeziehung aus mehr als nur Zusammenleben bestehen sollte.

Der große Tag der Veränderung kam immer näher. Ein überraschender Moment kam für uns Kinder, als es hieß: Mama und Papa lassen sich scheiden. Ehrlich gesagt traf uns die Überraschung mehr als die Nachricht. Unsere Kindheit verlief naturnah und vor allem ohne Streit oder Auseinandersetzungen, die uns hätten vermuten lassen, dass da irgendwas nicht stimmt.

Heute weiß ich, dass eine Liebesbeziehung aus mehr als nur Zusammenleben bestehen sollte. Wir hatten jedoch nie das Gefühl, dass die beiden todunglücklich waren. Auch dafür bin ich sehr dankbar.

Zweite Chance für die Skiromanze?

Natürlich ging auch an uns die Scheidung nicht spurlos vorbei, jedoch erfuhren wir ziemlich bald den Hintergrund bzw. den Auslöser der Geschichte:

Der Skilehrer von damals hatte nach 23 Jahren – nach 23 Jahren!!! – einen Brief an die alte Adresse meiner Mutter gesendet, wo, Gott sei Dank (der katholische Einschlag Bayerns ging nicht spurlos an mir vorbei), immer noch meine Tante lebte, die den Brief weiterleitete.

In dem Moment, als meine Mutter den Brief öffnete, wäre ich gern dabei gewesen. Es muss bewegend gewesen sein. Er schrieb, er hätte sie nie vergessen können und ob sie sich nicht wiedersehen möchten. Das haben sie und sind heute 12 Jahre verheiratet.

Was meine Mutter mich lehrt

Ich bin stolz, dass meine Mutter den Mut hatte, Entscheidungen zu treffen, die ihr sicher nicht leichtfielen, und ehrlich zu sein. Zu sich, zu uns, zu meinem Vater. Ich bin beeindruckt von all der Stärke, die sie aufbrachte, um ihr ganzes Leben umzukrempeln, die Apotheke zu verkaufen und mit fünfzig Jahren einen Ferienbauernhof zu übernehmen, den sie heute noch gemeinsam führen.

In dem Moment, als ich das erste Mal mit auf den Hof fuhr, sah ich meine Mutter so richtig und aus ganzem Herzen glücklich.

Es ist nie zu spät für die Liebe. Es ist nie zu spät, das zu tun, was dein Herz dir sagt.

Als ich ein paar Monate später mit dem neuen Partner meiner Mutter – inzwischen mein zweiter Papa – über einen geeigneten Heiratsantrag nachgrübelte, dachte ich nur: Mädels, es ist nie zu spät für die Liebe. Es ist nie zu spät, alles neu zu machen. Es ist nie zu spät, das zu tun, was dein Herz dir sagt. Wie viel Überwindung es auch kostet, wie viel Mut du auch brauchst, am Ende lohnt es sich, für deine Ziele einzustehen.

Niemand kennt mich wie sie. Niemand hat mich so sehr gelehrt, mein Ding durchzuziehen, wie sie. Niemand hat mich je so beeindruckt wie sie: meine Mutter. Danke Mama und danke an all die starken Mamas da draußen, die jeden Tag so viel mehr leisten als alle Manager auf dem gesamten Planeten zusammen.

Headerfoto: Photo by Anthony Tran via Unsplash („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

ANNENURANNE fand als gebürtige Münchnerin ihren Herzensort in Berlin. Hauptberuflich ist sie HRlerin, in welcher Position sie ihre Passion, Menschen zu fördern, jeden Tag leben kann. Nebenbei schreibt sie begeistert Texte über Sex, Drugs, die Liebe, wahrer Dienstleistung und der Selbstverwirklichung im Beruf.

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