Mit Tango Argentino zur Analogisierung – Wie ich neuerdings Menschen im echten Leben begegne

Ich bin das Digital-Werden meiner sozialen Kontakte manchmal so leid. Meine Freunde sind allesamt selbstständig oder in den Medien, immer busy und im Urlaub zugleich, über ganz Berlin verteilt, sodass man sich niemals zufällig trifft. Deswegen kommunizieren wir hauptsächlich über Sprachnachrichten und Emojis, liken unsere Storys, quatschen nachts um 1:00 übermüdet und kaugummikauend am Telefon und das höchste der Gefühle sind oft nur die schnelli-propelli Flatwhites zwischen Lunch und dem nächstem Meeting.

Doch seit November letzten Jahres ist alles besser geworden. Ich treffe neue Menschen aller Couleur und jeden Alters, meine Nase lernt so ziemlich sämtliche Parfumnoten der Welt kennen, meine Hugrate ist um etwa 400% gestiegen und ich führe Gespräche über Brötchen, Pollenflug und Krankenversicherungen. Ich habe ein Hobby. Ich tanze Tango.

Ich bin es manchmal so leid, das Digital-Werden meiner sozialen Kontakte. Deswegen kommunizieren wir hauptsächlich über Sprachnachrichten und Emojis.

Nur wenige Leute wissen, dass Berlin weltweit die zweitgrößte Tango-Argentino-Szene nach Buenos Aires hat. Mehr als ein Dutzend Tanzschulen befinden sich allein innerhalb des S-Bahnrings und als Anfänger*in kann man in so ziemlich jeden Kurs marschieren und einfach anfangen. Dabei ist es scheißegal, welche Schuhe man anhat, wie groß oder sportlich man ist oder welchem Geschlecht man angehört.

Jeder kann beide Rollen lernen, Führen sowie Folgen. Täglich gibt es verschiedene sogenannte Milongas, also Veranstaltungen, wo sich ein Haufen bunter Leute zum Tanzen trifft. Da sitzt man dann rum, in der Mitte wird getanzt, und alle paar Lieder wird getauscht oder eine Pause gemacht.

Da Tango ein improvisierter Tanz ist, bei dem es zwar Figuren gibt, diese aber nicht zwangsweise aufeinander aufbauen, geht es viel mehr um das Einlassen auf die Energie des Gegenübers und das Bewusstwerden der eigenen Körperspannung. Wer nachdenkt, fliegt raus. Und das ist das Schöne daran.

Feierabend, raus aus dem Büro, rein in die Schuhe und ab zur Milonga. Ich sehe einen Mann auf mich zukommen. Carlos ist irgendwas zwischen 80 und 110 Jahre alt. Das lese ich daran, dass er wahnsinnig große Ohren und buschfeuerartige Augenbrauen hat und für den Weg von Tisch 2 zu mir eine gefühlte Ewigkeit gebraucht hat. Er spricht brockenartig Deutsch, aber es reicht, um mich sehr charmant zum Tanzen aufzufordern.

Da Tango ein improvisierter Tanz ist, geht es viel mehr um das Einlassen auf die Energie des Gegenübers. Wer nachdenkt, fliegt raus.

Er hält mich fest im Arm und tanzt mit mir in Dauerschleife immer wieder dieselbe langsame Schrittfolge. Ich überlege kurz, ob mir langweilig ist. Dann merke ich, wie fröhlich und entspannt wir sind. In den längsten 9 Minuten meiner Tangochronik springt von diesem Mann so viel Wertschätzung, Glück und Freude in die einfachen Schritte, dass ich mich härter entspanne als nach 2 Stunden Vinyasa Flow Yoga.

In der kurzen Pause zwischen zwei Liedern grinst er mich so breit an, dass er nur noch aus Gebiss und Ohren besteht und sagt: „Ich habe damals 2017 einen Kurs gemacht, weil da war eine Schule bei mir nebenan. Tango ist mein Leben jetzt.“ #cutenessoverload. Ich umarme ihn so fest, wie ich noch nie einen Mann über 70 umarmt habe und grinse ihm ein heftiges Danke ins Gesicht. Im Laufe des Abends schafft es Carlos, mit sämtlichen Frauen auf der Milonga getanzt zu haben.

Zwischen zwei alten Sesseln und vor einem Sektglas Fanta zwinkert mir Demet zu. Sie ist einen guten Kopf kleiner als ich, non-binär, hat ein Motorrad, ist wahnsinnig schlau und (wahrscheinlich deswegen) gerade arbeitslos. Ich nenne sie mittlerweile liebevoll meinen „Walzritter“, weil Demet einfach so unverschämt gut Tango Vals führt, dass es mir vorkommt wie die mathematische Formel für Glückseligkeit höchstpersönlich.

In den Minuten springt von diesem Mann so viel Wertschätzung in die einfachen Schritte, dass ich mich härter entspanne als nach 2 Stunden Vinyasa Flow Yoga.

Zum Schluss liegt mir immer ein passionierter Heiratsantrag auf den Lippen, den ich mir nur verkneifen kann, weil nach dem Beenden einer Tanda (ein Set aus 3-5 Liedern, die hintereinander weg gespielt werden) immer die albernsten Cortinas (eine Zwischenmusik, die gespielt wird, um einen Partnertausch anzuregen) gespielt werden, die DJ-Sei-Dank die dramatische Romantik zu Boden bassen.

Ich bin schon etwas müde, schwitzig und meine Ferse juckt. Ein Tanz noch, denke ich mir, und fordere den nächstbesten Norbert um die 50 in irgendeinem zerlotterten Herrenblouson auf. Ich sehe in ein Gesicht, das mir nichts sagt. Niemals wäre mir so ein Mann auf der Straße aufgefallen. Er könnte Busfahrer sein oder Diplomat oder Aquarienpfleger.

Whatever – Hirn aus, Körper an, denn er nimmt mich in den Arm und bleibt erstmal mit mir stehen. Und wir atmen zusammen. Und fließen perfekt los. Als wären wir nicht Zwei, sondern ein einziges Tummelmonster. Wir gleiten, treten, schreiten über die Tanzfläche und die Zeit fängt an zu rasen. Es ist der alleroberschönste Tanz seit langem. Wir bewegen uns lit as fuck, mal turbo, mal langsam – ich fühle mich herrlich festgehalten und trotzdem fliegeleicht und stark.

Die meiste Zeit sind meine Augen zu und es fühlt sich an, als würden wir uns gegenseitig voll labern, ohne Worte, nur mit kleinen Schritten, flirrenden Drehungen und blinzelndem Lächeln. Die schönsten Momente sind die, in denen wir für ein paar Atemzüge stillstehen und miteinander auf den nächsten Akzent der Musik warten, um weiterzugehen.

Schmeißt die Achtsamkeits-Apps von euren Handys! Wenn ihr jemanden in Tanzumarmung habt, müsst ihr 90% Aufmerksamkeit auf euer Gegenüber lenken.

Als die Tanda vorbei ist, schaue ich einem Mann in die Augen, der mir vor paar Minuten noch fremd war und jetzt gerade mein bester Freund ist. Wir versprechen uns, dass wir noch ein Set zusammen tanzen, dann erklären wir uns etwas berauscht, wie cool wir uns finden, gehen auseinander und sehen uns nie wieder. Warum sollten wir auch? Besser wird es nie werden können.

Man lernt beim Tango viel weniger Schrittfolgen, als das Sich-Einlassen-Können auf neue Energien. Schmeißt die Achtsamkeits-Apps von euren Handys! Wenn ihr jemanden in Tanzumarmung habt, müsst ihr mindestens 90% Aufmerksamkeit auf euer Gegenüber lenken. Das ist anfangs ähnlich stockig wie Fahrschule, aber nach nur ein paar Stunden wird es einfacher und schön. Versprochen.

Mit jedem Partner geht man eine neue Beziehung ein. Wenn man dazu kommt, sich zu unterhalten, wird man sich schon mal im Arm gehalten haben. Einen besseren Einstieg ins Kennenlernen gibt es nicht.

Falls meine Begeisterung nur ein Fitzelchen auf euch überspringt und ihr überlegt, gleich loszulegen, hier noch ein Ratschlag von Feministin zu Feminist*in: Besucht als erstes die Milongas der beliebtesten Tanzschulen (in Berlin zum Beispiel Tangotanzen macht schön in der Oranienstraße oder Mala Junta in Schöneberg) oder geht auf queere Milongas, da dort tendenziell große Offenheit und Liebe gegenüber Newbies kultiviert und viel gelacht wird. Ihr braucht dafür weder einen festen Tanzpartner noch viel Geld.

Einfach hingehen, Leute. Los geht’s!

Headerfoto: Stockfoto von Velimir Isaevich/Shutterstock. („Wahrheit-oder-Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

FRIDA SCHWALBE hat nichts gelernt, aber viel erlebt. Was sie antreibt, sind ein wütender Feminismus, die Gier nach finanzieller Unabhängigkeit und der Kampf um die Liebe. Ihre Texte drehen sich rund um Toleranz und zwischenmenschliche Eskapaden. Ihr Herz gehört Berlin Kreuzberg, das sie am liebsten mit ihrer Vespa vollröhrt.

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