Mit Sexisten unterm Sternenhimmel: Lasst mir doch bitte meinen Feminismus

„Boah, hör auf mit deiner Scheiße, ich hasse Feminismus!“, schreit mich meine Freundin an. Zuvor habe ich einem fremden Typ, der sich auf einer Feier neben mich legt, gesagt, er solle mich in Ruhe lassen. Dieser verschwindet glücklicherweise, obwohl meine Freundin mir in den Rücken fällt und ich tue es ihm gleich – in eine andere Richtung.

Mann trägt Koffer, Frau trägt BH

Solche Situationen kenne ich: Viele meiner Freundinnen schauen mich an als wäre ich einer Sekte beigetreten, wenn ich das Verhalten von Männern auch dann kritisiere, wenn es gerade nicht um den einen Arsch geht, der einer von ihnen oder mir das Herz gebrochen hat oder sich seit drei Tagen nicht meldet.

Wenn es um Männer geht, die man gar nicht kennt und sie auch nicht kennenlernen möchte, gelangen wir schnell zum „Scheiß-Feminismus“. Meistens geht es dann um männliches Verhalten und die Sexyness, die von aufgehaltenen Türen und getragenen Koffern ausgeht und die man unter gar keinen Umständen bereit ist, aufzugeben. Wozu auch? Nur, damit Feministinnen keine Bügel-BHs mehr tragen müssen?

Ich will noch nicht einmal bekommen, was ich will, sondern nur das ablehnen dürfen, was ich nicht will.

Die sind mit oder ohne BH zickig, hysterisch und verkrampft. Ich auch. Die Männer, um die es geht, sind locker und aufgeschlossen. Das Gegenteil von prüde, weil sie sich einfach nehmen, was sie wollen. Und ich? Ich will noch nicht einmal bekommen, was ich will, sondern nur das ablehnen dürfen, was ich nicht will. Zum Beispiel diesen fremden Kerl, der sich neben mich legt, während ich mir Sterne anschaue und mit meiner Freundin über irgendwas fern von Feminismus philosophiere.

Mann ist Feminist, Frau ist es nicht

Ich kann den Hype um männliche Feministen – irgendjemand hat mir mal gezwitschert, dass echte Feministen auf dieses Label verzichten – dann schon verstehen. Schon krass, dass sich jemand, der Vorteile aus diesem ganzen Sexismus zieht, ausgerechnet positioniert. Obwohl ihn seine Freunde – falls er auch so Freunde hat wie ich – dann vielleicht für schwach halten. So ein Weichei, echt.

Dann kriegt so ein Kerl für die Leistung so krassen Applaus, weil oh Wunder, sogar ein Mann hält es für richtig, dass Frauen genauso viel wert sind wie Männer und auch so behandelt werden.

Und meine Freundinnen werden angefasst, auf ihre Brüste oder ihren Po reduziert. (Was ist dir eigentlich wichtiger an ’ner Frau?) Über die kann man sich als „humorvoller“ Typ immer wieder lustig machen, zwischen den Kumpels und Bierflaschen, wenn das Fußballthema schon durch ist. Lückenfüller, aber bitte schöne. In Gesprächen, zwischen den gescheiterten Beziehungen und einsamen Nächten.

Wäre Sexismus ein Theaterstück, gäbe es nicht nur die Hauptakteure: Den Freund, der mich prüde nennt, weil ich mich nicht ausziehen will. Den Typ, der mich Fotze nennt, weil ich nicht mit seinem Kumpel reden will. Den Partytyp, der mich Schlampe nennt, weil ich ihn nicht küssen will. Den Bekannten, der mich anfasst, nachdem ich „Nein“ sage und weitermacht – auch beim zweiten „Nein“.

Über Frauen kann man sich als „humorvoller“ Typ immer wieder lustig machen, wenn das Fußballthema schon durch ist. Lückenfüller, aber bitte schöne. In Gesprächen, zwischen den gescheiterten Beziehungen und einsamen Nächten.

Wieder geht es doch nur darum, was ich nicht will und noch gar nicht um irgendeine Idee dessen, was ich denn eigentlich möchte. Ich möchte nur, etwas nicht wollen zu dürfen. Ohne, dass ich danach Gewalt erfahre – verbal oder physisch.

Neben den Hauptakteuren gibt es die klatschenden „Zugabe!“ schreienden Fans, die sich vor Begeisterung nicht mehr halten können. Darunter Frauen, die auch dabei sein wollen. Wenn schon keine Frauenquote auf der Bühne, dann wenigstens doch im Publikum. Die Bravo hatte früher nicht ganz unrecht, wenn sie behauptete, Männer wollen sich besonders fühlen und um die Aufmerksamkeit und Liebe (?) von ihnen zu bekommen, müsse man ihnen zeigen, dass sie unersetzlich sind.

Dumm nur, dass sie sich jetzt das größte Mainstream-Ding ausgesucht haben und doch nur billige Sprüche über ihre Mütter und Alten klopfen. Wenn das anders wäre und der Druck des Sich-Über-Frauen-Lustig-Machen-Weil-Das-Einfach-Mein-Schwarzer-Humor-Ist-Lol schwindet, würden sie sich vielleicht auch ganz alleine besonders fühlen. Bis dahin gibt es Applaus, ein warmes Essen und jemand, der im Bett auf sie wartet. Aber wehe, sie hat Kopfschmerzen.

Die Neue des Ex’ ist die Schlampe, er wird nur verführt

Mit einer Freundin, die nicht dieselbe ist wie die wütende Anti-Feministin (ja, die gibt es auch), spreche ich über ihren Liebeskummer. Egal, was passiert, der Mann macht nichts falsch. Er kann auch eigentlich gar nichts dafür, dass er jetzt mit einer anderen Frau zusammen ist. Er wird von dieser Schlampe beeinflusst. Diese Frau hat sich nicht im Griff, ist manipulativ und eigentlich mag er sie gar nicht, da ist sich meine Freundin sicher.

Ich wende kurz ein, dass dieser Mann seine eigene Entscheidung getroffen hat und das sein Recht ist. Als ich im nächsten Satz wieder das Wort „Bitch“ höre, sehe ich ein, dass mein Versuch, dem Mann in ihrer Geschichte etwas Eigenverantwortung zuzusprechen, gescheitert ist. Ich versuch es beim nächsten Mann nochmal.

Vermutlich standen wir alle schon einmal auf der Bühne des Sexismus. Ich mit 15, als ich die Beine meiner Mutter mit gerunzelter Stirn ansah und ihr peinlich berührt und doch energisch sagte, sie müsse sich entweder ihre Beine rasieren oder keine Kleider tragen. Haarige Beine sehen zu können ist kein Zustand. Bei Frauen. Das hatten mir wahrscheinlich irgendwelche Schuljungen erzählt, die in der Bravo zwischen den Pornoseiten gelesen hatten, dass sich Frauen rasieren müssen, wenn ihnen schon Haare wachsen müssen.

Partyklos: Der Ort der Solidarität

Denke ich an Solidarität unter Frauen, fällt mir eine Party vor zwei Jahren ein. Ironischerweise bin ich in dieser Nacht Teil des Awareness-Teams, weil der Club kurz vorher aufgrund von vermehrten sexualisierten Gewaltstraftaten seine Richtlinien änderte.

Ich bin alleine dort. Es ist schon morgen, als ich müde tanze. Noch bevor meine erschöpften Augen es sehen, spüre ich, dass ich beobachtet werde. Ich gehe ein paar Meter weg. Es bringt nichts. Ich verlasse den Raum. Ich tanze. Ich werde erneut von demselben Kerl beobachtet. Ich gehe raus und setze mich auf eine Bank und lehne mich gegen die Wand. Er setzt sich neben mich. Ich gehe auf Toilette. Danach ist er immernoch da.

Er versucht, ein Gespräch aufzubauen. Ich sage, dass ich kein Interesse daran habe und lieber alleine sein möchte. Er will nicht aufgeben, ich schaue ihn gar nicht mehr an, schaue auf den Boden und schäme mich für die Situation und dafür, in ihr gefangen zu sein. Seine Therapieversuche, warum ich denn so abweisend sei, was ich denn auf einer Party mache, wenn ich alleine sein will und dass es doch viel schöner ist, nicht alleine zu sein, ignoriere ich. Mir fällt nichts ein, das ich noch sagen kann, was ich nicht schon gesagt hätte.

Innerhalb von zwei Minuten schafft es eine Fremde, dass ich mich stark statt hilflos und zugehörig statt allein fühle.

Er schaut mich an, ich schaue weg. Er redet, ich schweige. Dann sehe ich gegenüber von mir eine Frau ungefähr in meinem Alter. Unsere Blicke treffen sich, ich lächle sie zögernd an. Als sie zurück lächelt, gehe ich ohne zu zögern auf sie zu. Ich sage ihr in der Begrüßung mit einem Lachen im Gesicht, als würden wir über die coole Party sprechen, dass dieser Typ mich nicht in Ruhe lässt, obwohl ich ihn mehrfach darum gebeten hatte.

Sie weiß sofort, um wen es geht. Sie nimmt mich am Arm und wir gehen auf die Toilette. (Damit ist das frage.net-Thema, was Frauen gemeinsam auf der Toilette machen, endlich gelöst.) Wir reden, als würden wir uns kennen. Diese Verbundenheit durch übergriffige Männer ist kein lustiges Meme mehr, sie ist der zaghafte Beginn, die Taubheit zu verlieren.

Innerhalb von zwei Minuten schafft es eine Fremde, dass ich mich stark statt hilflos und zugehörig statt allein fühle. Das macht mich glücklich und traurig zugleich. Traurig, weil diese weibliche Solidarität nicht nur betrunken auf dem Klo stattfinden darf und glücklich, weil diese Situation mir jederzeit und überall wieder passieren könnte und es überall Frauen gibt, die mich ohne ein einziges Wort verstehen werden. Vielleicht schauen wir uns dann in Ruhe die Sterne an.

Headerfoto: Etty Fidele via Unsplash. (“Gesellschaftsspiel”-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

DEBBIE wollte eigentlich was mit Medien machen, ist dann aber doch im Steuerberatungsbüro gelandet. Wenn ihr sie da nicht trefft, versuchts mal bei amazed oder ze.tt – dort schreibt sie über Gefühle und das Erwachsenwerden. Auf Instagram gibts ihre Fotografien: Portraits & ab und zu (immer) Videos von ihrem Hund. Foto der Autorin: Karina Kortlüke.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.