Mein erstes Treffen mit der Schwiegermutter: Ein Blick hinter die Kulissen meines Partners

Wir alle kennen das Gefühl des fehlenden Puzzlestückes. Ein noch unvollständiges Gesamtbild wartet darauf, endlich entschlüsselt, ja vor allem aber verstanden zu werden. So erging es mir hier auch in meiner Beziehung zu dem Mann an meiner Seite, seinen Stimmungsschwankungen und uneindeutigen Mustern.

Zwar ließ er immer ähnliche Verhaltensweisen aufblitzen und mit den Monaten erahnen, wann er wie auf mich, eine Situation oder Phase reagieren würde, doch unter welchen Voraussetzungen bestimmte Trigger sich schneller als andere auslösten, blieb mir unklar. Bis jetzt. Denn ich lernte seine Mutter kennen.

Dieser sehr kurze Moment, nicht einmal vierundzwanzig Stunden Dreisamkeit, davon abzüglich die üblichen acht Stunden Schlaf, die uns nochmals trennten, waren so erhellend wie wohltuend für unsere Beziehung.

Eine Frau wie eine Erscheinung. Eine Frau, die mir das Gefühl gab, wieder Kind zu sein.

Eine Frau wie eine Erscheinung. Eine Frau, die mir das Gefühl gab, wieder Kind zu sein. Einmal, weil ich selbstverständlich nervös und angespannt ob der Größenordnung dieses Kennenlernens war und einmal, weil sie in ihrem ganzen Sein etwas unbeschreiblich Distanziertes bewahrte.

Sie siezte mich, sie reichte mir die Hand – zur Begrüßung wie auch zum Abschied – und in ihrer Präsenz als Mutter des Mannes, den ich liebe, aber auch in der Rolle, die sie für sich selbst auserkoren hatte, fühlte ich mich erstaunlich unterlegen.

Eine Frau, die nonstop von sich, ihrem Leben, ihren Bekanntschaften aus höchsten Kreisen, ihren Erfolgen und ständigem Tätigwerden sprach, als handele es sich nicht um ein ungezwungenes Treffen dreier Erwachsener, sondern ein Diktat ihrer Memoiren.

Ich schrieb gedanklich fleißig mit und nickte, lächelte, staunte auch was das Zeug hielt.

Ich schrieb gedanklich fleißig mit und nickte, lächelte, staunte auch was das Zeug hielt. Meinen Kopf stützte ich hierfür mit meinen Händen ab, weil er unter der Schwere ihrer Lebensgeschichte zur Last wurde. Ich saugte jede Anekdote auf wie ein wissbegieriger Schwamm und verstand.

Neu gefundenes Verständnis

Ich verstand, warum es meinem Partner manchmal unglaublich auf die Nerven ging, wenn ich Alltagsbeobachtungen zu ausufernden Erlebnissen verdichtete. Ich verstand, warum sich Kritik für ihn mitunter wie Vorwürfe anhörten und ein Ungleichgewicht drohte, sobald er im Unrecht war und ich einfach in einigen Situationen verdammt nochmal Oberwasser hatte. Ich verstand auch, dass dieser Mann nicht nur stundenweise Zeit mit eben dieser Frau verbracht hat, sondern sein Leben hart geprägt war.

Hatte ich sie aus Erzählungen stets verteidigt und ihn beschworen, weniger hart mit ihr ins Gericht zu gehen, empfand ich plötzlich den Drang, ihn in die Arme zu schließen und Trost zu spenden. Nach nur einem gemeinsamen Abend war ich so erschlagen von ihr, dass es mir schwerfiel, meiner inneren Haltung aus Respekt, dem Wunsch nach einer guten Beziehung und natürlich meiner moralischen Verpflichtung nachzukommen.

Ich wollte da weg. Ich wollte ihn mit mir nehmen, ihn streicheln und sagen „Du bist einmalig toll geworden – trotz allem.“

Ich wollte da weg. Ich wollte ihn mit mir nehmen, ihn streicheln und sagen „Du bist einmalig toll geworden – trotz allem.“

Tatsächlich war das Gefühl jedoch ein anderes. Dieser bittere Geschmack auf der Zunge, wenn man sich bewusst wird, dass eben jene Frau, seine Mutter, vermutlich nicht grundlos ist, wie sie ist. Ihre Entbehrungen, ihre Kämpfe: Einer Generation entsprungen, von der ich nur aus Büchern weiß und natürlich all die ungesagten Geschichten, die sich nicht bei einem ersten Aufeinandertreffen erzählen lassen.

Einen Blick in ein Leben vor uns, einen Eindruck dessen zu gewinnen, was uns als Mensch geprägt hat.

Es fiel mir schwer, sie abzulehnen, es fällt mir schwer, sie anzuerkennen. Einzig eine gute Sache hatte dieses Schauspiel jedoch. Als Paar sind wir wieder stärker zusammengewachsen. Verständnis für den anderen zu entwickeln, erfordert manchmal einen Schritt in die Vergangenheit. Einen Blick in ein Leben vor uns, einen Eindruck dessen zu gewinnen, was uns als Mensch geprägt hat.

Headerfoto: cottonbro (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

Laurine Lauretta, ein Perpetuum Mobile. Zwischen alleinerziehender Mutterschaft, pädagogischer Arbeit und Frausein, bleibt noch genug Zeit sich viele Gedanken um die Liebe, das Leben und allerlei Unsinn zu machen. Hier in Wort und Text.

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