In Pandemien funktionieren wir anders: Corona, meine Beziehung und ich

Nun ist es also passiert, trotz aller Vorsicht und der sogenannten Boosterimpfung habe ich mich mit Corona angesteckt. Anders als viele meiner Freundinnen und Bekannten hatte ich wenigstens das Glück, nach Weihnachten, Silvester und Urlaub krank zu werden und somit einen kurzen Moment absoluter Unbeschwertheit zu genießen – frei von Quarantäne, Isolation und absurd vielen Symptomen.

Ich bin froh geimpft zu sein, denke ich dieser Tage, weil mich der Husten, das Fieber und die eigenen vier Wände daran erinnern, wie hart es hätte kommen können.

Ich bin froh geimpft zu sein, denke ich dieser Tage, weil mich der Husten, das Fieber und die eigenen vier Wände daran erinnern, wie hart es hätte kommen können.

Doch leider ist es in meinem goldenen Käfig angefüllt mit Lebensmitteln (Dank geht raus an meine Mama und die besten Freundinnen) eben nicht immer nur kuschelig warm und sicher, sondern mitunter frustrierend einsam.

Mit mir eingeschlossen sind aktuell meine zwei Kinder und unser Kater, was mir einen gewissen Bonus verschafft, der sich aber für mich als Alleinerziehende nicht danach anfühlt.

Während ich nämlich den Haushalt schmeiße und mich vorbeuge, um in meinen Bademantelärmel zu husten, verfluche ich diese Pandemie. Ich verfluche die Ängste und Sorgen, meinen schwachen Körper und meinen Hang zu viel nachzudenken.

Krank und kein Trost in Sicht

So habe ich es in den ersten vier Tagen geschafft, meine Beziehung auf eine harte Probe zu stellen. Er – schreibt nicht gerne Nachrichten – und ich – die ich äußerst ungern telefoniere – können uns aktuell ja nicht treffen.

Unser eben hinter uns gebrachter Liebesurlaub fühlt sich darum auch längst verblasst an. Und die Tatsache, dass wir danach wie verknallte Teenager miteinander umgingen, spielt heute schon keine Rolle mehr.

Stattdessen werfe ich ihm gedanklich vor, mich hier in dieser Einöde verrecken zu lassen und schluchze ins Telefon viel härter als versprochen von diesem Virus betroffen zu sein. Dass ich als chronisch Nierenkranke nun einmal ein sowieso geschwächtes Immunsystem habe und manche unter uns einfach etwas mehr Pech als andere, spielt dabei dann keine Rolle. Ich versteife mich auf die negativen Aspekte dieser Zeit und reagiere trotzig auf die Sonne, die durch unsere Fenster scheint.

Letztlich ist es doch so, hier in unserem Mikrokosmos, bestehend aus mir, den Kindern, der Katze und den Millionen Viren, existiert noch die Kluft zwischen seiner und meiner Realität. Er bewältigt da draußen seinen Alltag und ich hier drinnen.

Seine Angst bleibt vorerst ein diffuser Druck, meine ist es, nicht ganz gesund wieder herauszukommen.

Er sorgt sich darum, sich und seine Lieben weiterhin gefährden zu können und ich gehöre bereits zu den Betroffenen. Seine Angst bleibt vorerst ein diffuser Druck, meine ist es, nicht ganz gesund wieder herauszukommen. Wenn wir uns dann in den Zwischenmomenten online schreiben, habe ich schleichend langsame drei Stunden meines Tages bewältigt und er drei dahinrasende Sekunden zwischen Einkauf, Schulstress, Arbeitspensum.

Wenn wir uns dann online schreiben, habe ich schleichend langsame drei Stunden meines Tages bewältigt und er drei dahinrasende Sekunden zwischen Einkauf, Schulstress, Arbeitspensum.

So reagiere ich unfair, er spiegelt mein Verhalten, wir drehen uns im Kreis und immer liegt der Finger in der Wunde auf sowieso existierende Krisen im Hinterkopf. Vor wenigen Wochen noch hatte ich Angst, an Corona zu erkranken, in Quarantäne zu müssen und ohne meinen heißgeliebten Lieblingsmenschen auszukommen.

Mit den ersten Symptomen wurde die Angst real und auch wenn ich weiß, zwei Wochen ohne einander sind aushaltbar, schmeckt mir dieser Zustand der Abhängigkeit eben nicht. Keine Ablenkung, keine Gesellschaft, keine tröstliche Umarmung. Es bilden sich Gefühle der Scham, weil ich ihm so manche Freiheit da draußen nicht gönnen will, und der Ohnmacht, weil ich nachts hustend echte Panik in mir spüre, aber nichts dagegen tun kann.

(In) Pandemien funktionieren (wir) anders

In einer idealen Welt würde ich mir (abgesehen von einer Pandemielosigkeit) wünschen, er würde mich jetzt in einem Blumenmeer ertränken, sich trotz der Verbote in meine Wohnung schleichen und mich beschützen vor den eigenen Dämonen. Aber genau darum geht es. Nicht die Erkrankung ist das Problem oder sein Umgang mit mir, sondern meine Bedürfnisse und Erwartungen. Was ich mir wünsche, sind nicht selten Luftschlösser und er ist nicht dafür da, mir diese zu erfüllen.

Meine Ängste, ob irrational oder nicht, brauchen gerade eine starke Schulter, aber diese Pandemie sieht andere Maßnahmen vor.

Meine Ängste, ob irrational oder nicht, brauchen gerade eine starke Schulter, aber diese Pandemie sieht andere Maßnahmen vor. Ich bin nicht die einzig Betroffene, werde nicht die letzte Person sein, die sich ein wenig stärker quält und deshalb etwas häufiger jammert, aber wenn all das vorbei ist, möchte ich, dass wir uns noch in die Augen sehen können.

Ich möchte nicht abgestraft werden, weil ich weinerlich war oder ihm etwas vorwerfen, was unter anderen Umständen gar nicht in Erscheinung getreten wäre. Wir funktionieren wunderbar da draußen. Hier, jetzt, getrennt und im Ausnahmezustand eben nicht.

Heißt das, wir scheitern an meinen Ansprüchen? Vielleicht. Heißt das, wir müssen uns deshalb Gedanken machen? Wohl kaum. Denn wenn mich das hier etwas lehren möchte, dann die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, dass nichts perfekt ist – schon gar keine Beziehung in der Pandemie.

Headerfoto: Alena Shekhovtcova (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

Laurine Lauretta, ein Perpetuum Mobile. Zwischen alleinerziehender Mutterschaft, pädagogischer Arbeit und Frausein, bleibt noch genug Zeit sich viele Gedanken um die Liebe, das Leben und allerlei Unsinn zu machen. Hier in Wort und Text.

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