Liebe macht blind – Warum wir uns von Menschen blenden lassen

Marie sieht gut aus. Sie ist hübsch, sie ist schlank, sie hat Kurven und lange blonde Haare. Dazu hat sie ein zauberhaftes Lächeln, das Herzen schmelzen lässt. Marie lacht oft, obwohl ihr eigentlich eher zum Weinen zumute ist. Sie zeigt es aber nicht. Sie will anderen nicht zur Last fallen.

Ihr Vater hat die Familie schon früh verlassen. Ihre Mutter verfiel dem Alkohol. Sie kam einerseits nicht damit klar, dass ihr Ex-Mann sie für eine Jüngere verließ, andererseits gab sie sich aber auch die Schuld dafür, ihrer Tochter keine heile Welt vorspielen zu können. Maries Mutter wollte es besser machen als ihre Mutter, die ebenfalls alleinerziehend war.

Als ich jünger war, so um die 20, kannte ich viele Frauen wie Marie. Und ich dachte einerseits, dass Frauen wie Marie total oberflächlich wären, eben weil sie so hübsch sind. Andererseits dachte ich aber auch, dass sie jeden haben könnten.

Ich hielt es aber nicht für möglich, dass ein strahlendes Lächeln nur Fassade ist, damit niemand sehen kann, wie es in Marie wirklich aussieht.

Ich hielt es aber nicht für möglich, dass Frauen wie Marie auch Selbstwertprobleme haben und dass ihr hübsches Aussehen und ihr strahlendes Lächeln nur Fassade sind, damit niemand sehen kann, wie es in ihr wirklich aussieht.

Hätte ich Frauen wie Marie immer noch attraktiv gefunden, wenn ich damals gewusst hätte, wie es in ihr aussieht? Möglicherweise ja. Dann wäre ich durch ihr Aussehen aber geblendet worden. Zumindest hätte ich ihr das unterstellt. Dabei war ich doch derjenige, der es ausgeblendet hat, dass sie nicht nur aus ihrer Hülle besteht, sondern möglicherweise auch aus verletzlichen Anteilen, die sie versucht, durch ihr Make-Up zu verdecken.

Und weil ich so dachte, war ich auch nie für Frauen wie Marie interessant. Denn Marie sehnte sich nach Geborgenheit, nach Nähe, nach Liebe und nicht nach jemandem, der sie auf ihr Äußeres reduziert.

In meiner Welt hatten attraktive Menschen keine Probleme. Ich dagegen hatte Minderwertigkeitskomplexe und projizierte meine eigene Minderwertigkeit auf Frauen wie Marie, indem ich sie als oberflächlich abstempelte. Ich war neidisch auf Menschen, die scheinbar mehr hatten als ich. Ich war im Mangel-Denken.

Gleichzeitig fühlte ich mich aber als Opfer, geblendet durch ihr äußeres Erscheinungsbild. Aber habe ich mich jemals getraut eine Frau wie Marie anzusprechen? Nein. Ich hielt sie ja für unerreichbar.

In meiner Welt hatten attraktive Menschen keine Probleme. Ich dagegen hatte Minderwertigkeitskomplexe.

Max wuchs in einem wohlhabenden Elternhaus auf. Seine Eltern lobten ihn in den Himmel. Er war ihr ganzer Stolz und sie erfüllten ihm jeden Wunsch. Sie setzten ihm kaum Grenzen und nahmen ihn ständig in Schutz. Er wurde sozusagen verwöhnt. Ihm fiel alles in den Schoß. Er hielt sich auch selbst für groß, weil er ja alles hatte. Er hatte einen einwandfreien Leumund (dank seiner Eltern), er hatte Geld und er schien glücklich.

Leider hatte er nie gelernt, sich in andere hinein zu versetzen. Auch konnte er nicht lernen, Konflikte selbstständig zu lösen. Er kannte weder disziplinarische Konsequenzen, noch kannte er die natürlichen Folgen seines Handelns. Er dachte, ihm gehöre die Welt. Jetzt fährt er Porsche und ist scheinbar erfolgreich im Leben, auch wenn er kaum etwas davon sich selbst zu verdanken hat. Aber immerhin wirkt er glücklich.

Dann lernten sich Max und Marie kennen. Er konnte ihr alles bieten. Und er glaubte nicht, dass Marie in ihrem Innersten einen Berg Probleme mit sich trug. Probleme, die er nicht kannte, Probleme, die ihm stets andere abnahmen. Er ließ sich also von Marie blenden. Weil auch er nicht ahnte, dass Marie mehr hat als nur ihr attraktives Aussehen. Er glaubte, weil sie so hübsch sei, dass sie glücklich wäre und dass Leben mit ihr einfach nur ein Traum wäre.

Geld war seine Problemlösungsstrategie. Dass er damit nur seine Eltern kopierte, vielleicht auch kompensierte, das war ihm nicht bewusst.

Marie dagegen fühlte sich aufgewertet. Sie fühlte sich sogar geliebt. Entweder machte er ihr viele Geschenke, er lud sie zum Essen ein oder sie verbrachten das Wochenende nur im Bett. Auch sie ließ sich von seinem Reichtum blenden.

Emotionale Gespräche auf Augenhöhe fanden so gut wie nie statt. Max sah keinen Grund dafür. Und Marie wollte sich ihm nicht aufdrängen.

Er sah sich als Opfer in der Beziehung. Marie dagegen fühlte sich emotional vernachlässigt und fing an, ihrem Mann Vorwürfe zu machen.

Irgendwann jedoch wollte Marie sich mitteilen. Doch Max war dafür nicht empfänglich. Sie konnte es nicht verstehen. Max dagegen fühlte sich genervt. Er war im Grunde überfordert damit. Er kannte das nicht. Er wusste nicht, dass es auch so etwas gibt. Aber das wollte er sich nicht eingestehen. Das passte auch nicht zu dem Bild, das er von seinen Eltern mitbekommen hat.

Er fühlte sich von ihrem Erscheinungsbild geblendet. Er sah sich als Opfer in der Beziehung. Er gab ihr doch alles, so glaubte er.

Marie dagegen fühlte sich emotional vernachlässigt und fing an, ihrem ach-so-tollen Mann Vorwürfe zu machen. Er würde keine Gefühle zeigen. Stattdessen würde er nur mit seinem Reichtum protzen, also das tun, was er zu Beginn ihrer Beziehung auch tat. Aber damals blendete sie die Möglichkeit aus, dass Max so etwas wie Probleme nicht kannte und dass deswegen emotionale Gespräche nicht möglich sind.

Auch Marie fühlte sich als Opfer. Sie fühlte sich geblendet von einem Mann, den sie allerdings so kennen lernte, wie er sich zeigte, also wie er wirklich war.

Wir Menschen sehen oft nur das, was wir sehen wollen, vielleicht auch nur das, was wir sehen können. Wir sehen Menschen meistens so, wie wir uns selbst sehen, meistens, oder wir hoffen zumindest, dass sie zu dem Bild passen, das wir von Menschen haben und das wir kennen gelernt haben, das also unserer Lebenswirklichkeit entspricht.

Wir Menschen sehen oft nur das, was wir sehen wollen, vielleicht auch nur das, was wir sehen können.

Sobald wir erkennen, dass da etwas ist, was wir nicht kennen, was also anders ist, was wir auch nie für möglich hielten, fallen wir gerne in die Opferrolle. Wir fühlen uns geblendet. Wir fühlen uns missbraucht, sobald Vorwürfe ins Spiel kommen. Max fühlte sich finanziell ausgenutzt, Marie emotional und körperlich. Aber er war ja auch ein echt guter Liebhaber.

Aber all das geschieht doch freiwillig oder etwa nicht? Ja, es passiert, weil es passiert. Es passiert auch unbewusst, dass wir uns auf Menschen einlassen, die uns nur auf den ersten Blick sympathisch und attraktiv erscheinen. Ja, wir lassen uns auf sie ein und das tun wir freiwillig. Und etwas, was freiwillig passiert, ist für mich bewusst, also voller Absicht. Der andere hat jedenfalls keine Schuld.

Hätte Marie sich auf Max eingelassen, wenn sie gewusst hätte, dass Max so große Schwierigkeiten hat, sich in andere einzufühlen? Hätte Max sich auf Marie eingelassen, wenn er gewusst hätte, dass Marie emotional so schwer verwundet ist?

Manchmal ist es doch ganz schön, geblendet zu werden. Wir lieben die Wärme, die uns dabei durchflutet, wenn uns Sonnenstrahlen treffen. Liebe macht ja bekanntlich auch blind. Und die Sonne steht für mich sinnbildlich für die Liebe.

Manchmal ist es doch ganz schön, geblendet zu werden. Wir lieben die Wärme, die uns dabei durchflutet, wenn uns Sonnenstrahlen treffen.

Aber das Leben besteht nicht nur aus Sonne. Nein, zum Leben gehört auch Regen, manchmal sogar Schnee, Graupelschauer, Nebel und manchmal auch große Hitze. Und statt auf Petrus zu schimpfen, können wir es ja einfach mal akzeptieren und das für uns Beste machen. Man kann doch dazu lernen oder daran wachsen. Dafür ist es nie zu spät. Oder ist diese Verantwortung zu viel verlangt?

Headerfoto: Jeslyn Chanchaleune via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Leonard Anders wurde im Jahr 2015 eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Kurz nach seiner mittleren Reife hatte er seinen ersten Zusammenbruch und mit ihm begann eine wahre Odyssee. Er war fast ein Jahr durchweg in der Psychiatrie, überlebte drei Suizidversuche, war obdachlos und kämpfte sich von ganz unten wieder nach oben. Nach erfolgreicher Aufarbeitung seiner verletzten inneren Kindanteile arbeitet Leonard Anders heute als Coach und Lebensberater und hilft Menschen dabei, ihre Glaubenssätze und Trigger aufzulösen. Er ist Autor des Buches "Ein Narzisst packt aus" erschienen im Mai 2018 im Tectum- Verlag.

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