Liebe ist leise – Wie ich durch das Hollywood-Narrativ fast verlernt habe, ihr zuzuhören

Was wird sie gepriesen, geliebt, gehasst, sich ausgemalt und dargestellt: Die Liebe. Groß, laut, bunt, aufregend, exzessiv. Und immer mit einem großen Knall, einem übertrieben riesigen Haufen Schmetterlinge und großer Gesten. Hollywood, Romane und weitere Medien stellen immer noch gern den verklärten Blick auf die große Liebe, den einen Menschen, die überbordende Romantik des Kennen- und Liebenlernens in den Fokus. Ist ja auch schön. Und der Soundtrack dazu darf vor Pathos triefen. Hach. Herrlich.

Erwartungen an die Liebe

Aber was macht diese Darstellung eigentlich mit uns und unserer Erwartungshaltung? Ich schließe mal von mir auf andere: Das Ganze erschafft ein unrealistisches Bild der Liebe. Das ist wirklich nicht pessimistisch gemeint. Im Gegenteil. Ich selbst glaube, grade die Liebe gefunden zu haben. Aber durch die überhöhte Darstellung, die ich durch jahrelange Prägung unweigerlich verinnerlicht habe, hätte ich sie vielleicht fast übersehen. Ich glaube, manchmal ist die Liebe ganz schön leise. Und unspektakulär. Und kaum aufregend. Und genau das verleiht ihr in manchen Fällen eine ganz besondere Kraft.

Ich glaube, manchmal ist die Liebe ganz schön leise. Und unspektakulär. Und kaum aufregend. Und genau das verleiht ihr in manchen Fällen eine ganz besondere Kraft.

Ich will es nicht leugnen: Es gibt knisternde, aufregende Begegnungen, zum Zerreißen gespannte Nerven, ein klischeehaftes Feuer der Leidenschaft. Aber wer Feuer sagt, sagt auch Finger verbrennen. Denn sind wir ehrlich, an solchen Geschichten verbrennt man sich wesentlich häufiger die Finger (oder das Herz), als dass sie gut ausgehen. Ich will nicht ausschließen, dass das passiert – u go people, ich beneide euch! Aber wenn ich mit Freund:innen über solche Geschichten spreche, folgt meistens nicht allzu lange Zeit danach ein gebrochenes oder zumindest angekratztes Herz.

Mir selbst geht es nicht anders. Das größte Kribbeln, die größte Spannung erlebte ich bisher mit Menschen, von denen ich im Vorhinein eigentlich schon wusste, dass das Ganze schief gehen würde. Dass irgendwer verletzt würde. Vermutlich ich.

Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich ihn nicht genießen würde, diesen Knall. Das Knistern. Die kaum auszuhaltende Spannung.

Rückblickend sehe ich einen Haufen Red Flags. Wenn man allerdings vor einer solchen Person steht und es einfach knallt, dann nimmt man die roten Flaggen höchstens und wälzt sich in ihnen, als wären sie frische Bettlaken. Man möchte sie in dem Moment nicht sehen. Oder redet sich ein, dass man sie überinterpretiert. Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich ihn nicht genießen würde, diesen Knall. Das Knistern. Die kaum auszuhaltende Spannung. Das Ganze macht unbestreitbar einen Riesenspaß. Nur zahlt man im Nachhinein meistens leider einen hohen Preis.

Ein Plädoyer für die leise Liebe 

Was schreibe ich jetzt hier? Ein Plädoyer für genau das Gegenteil eigentlich. Auch wenn das auf den ersten Blick eigentlich wahnsinnig unspektakulär scheint. Und auf den zweiten. Und fünften. Im Endeffekt bleibt es das. Unspektakulär. Und trotzdem ganz besonders wertvoll.

Denn ein Mensch, den man kennenlernt, langsam, vorsichtig, ohne den verschleierten Blick der unnatürlich überhöhten Spannung, hat die Chance, viel ehrlichere und tiefere Nähe aufzubauen. Zuneigung, die nicht aus auf den ersten Blick unbegründeter Spannung resultiert, sondern daraus, dass man erste Gemeinsamkeiten, Ansichten und Erlebnisse teilt. Und diese Zuneigung ist manchmal kein Knall. Keine Liebe auf den ersten Blick. Auch nicht auf den zweiten. Liebe aus dem Prozess, wenn man das so sagen möchte.

Ich habe immer geglaubt, dass das nicht die Natur der Liebe ist. Ich habe geglaubt, Liebe muss laut sein. Und bunt, viel, zügellos, schmerzhaft, exzessiv. 

Klingt langweilig. Fühlt sich auch manchmal so an. Ich höre mich noch sagen: „Ich bin nicht nervös. Ich habe keine Magenschmerzen vor Aufregung. Ich spiele keine wer-meldet-sich-zuerst-Spielchen. Kann ich mich dann also überhaupt in diesen Menschen verlieben? Wenn das alles nicht passiert?“ Und ich glaube mittlerweile, dass genau das eine gesunde Basis ist. (Was nicht bedeuten soll, dass aus einer vor Aufregung platzenden Affäre keine gute Beziehung werden kann. Nur darum geht es mir in diesem Text nicht.)

Ich habe gelernt: Manchmal ist Liebe leise. Und es ist wichtig, dass man das Zuhören nicht verlernt. Sonst könnte man sie überhören.

Die Liebe wird rosa gemalt und aufgeblasen. Sie wird in Glanz gehüllt, auf Throne gesetzt, ihr wird Macht verliehen. Vielleicht ist sie so. An manchen Tagen. Aber manchmal ist sie auch viel kleiner. Beinahe unscheinbar. Der Wunsch, einen Menschen bei sich zu haben. Das Gefühl, sich schon lange zu kennen. Vertrauen. Ruhe.  Ehrlichkeit. Das Wissen, wo man steht. Funktionierende Kommunikation. Von beiden Seiten. All das geht häufig verloren in all dem Knistern.

Ich habe immer geglaubt, dass diese Komponenten sich erst nach langer, langer Zeit der Unsicherheit und zum Teil auch des Leides einstellen. Dass sie nicht selbstverständlich, natürlich und leicht sein können. Dass das nicht die Natur der Liebe ist. Ich habe geglaubt, Liebe muss laut sein. Und bunt, viel, zügellos, schmerzhaft, exzessiv. Ich habe gelernt: Manchmal ist Liebe leise. Und es ist wichtig, dass man das Zuhören nicht verlernt. Sonst könnte man sie überhören.

Headerfoto: Kenzie Kraft via Unsplash.com. (Kategorie-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Julia arbeitet in der Redaktion von im gegenteil. Sonst tanzt sie gerne, aber nur wenn danach ausgeschlafen werden darf. Und sonst? Viel Kaffee, viel Lyrik, viel Konzerte, viel Zimt, viel Action.

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