Leben für das Internet: Kunst und Kreativität auf Social Media

Dieser Text entsteht nach 30 gescheiterten Versuchen, mein Handy aus dem Fokus Modus dieser bescheuerten Screen-Time App zu befreien, welche das komplette Gerät für weitere 2 Stunden lahmgelegt hat. Kurz vorm Durchdrehen wird mir dann bewusst, dass ich doch eigentlich genau das erzielen wollte: das Handy aus der Hand zu legen. Kann ich aber nicht so einfach. Es ist mehr als bloß eine Routine, es ist eine Sucht.

Ob man es sich nun eingestehen will oder nicht. Süchtig sind wohl mittlerweile die meisten von uns danach, egal in welcher Form. Ob es meine Mama ist, die diverse WhatsApp Stati und Pinterest leer-scrollt, meine 13-jährige Großcousine, die TikTok besser bedienen kann als ich oder ich selbst, die zwischen Instagram, Twitter und YouTube hin und herspringt, um dann gleich wieder von vorne anzufangen.

Das allein ist ja schon frustrierend. Bei „nur“ ca. 3 Stunden Bildschirmzeit pro Tag verbringe ich schon 21 Stunden pro Woche, 93 Stunden pro Monat, 1116 Stunden im Jahr und bei hoffentlich 70 folgenden Jahren weitere 78120 Stunden meines Lebens vor dem Bildschirm.

Das sind 3255 Tage, 465 Wochen, 107 Monate, 8 Jahre, die meine Nasenspitze nahezu in diesem dämlich leuchtenden Display steckt.

Das sind 3255 Tage, 465 Wochen, 107 Monate, 8 Jahre, die meine Nasenspitze nahezu in diesem dämlich leuchtenden Display steckt. Für Rechenfehler übernehme ich an dieser Stelle übrigens keine Verantwortung, denn ich war von meinem Handy abgelenkt.

Was mich noch viel mehr frustriert, ist, dass ich diese Zeit nun mal nicht ausschließlich in meine Weiterbildung oder andere sinnvolle Dinge stecke. Ein Großteil endet in sinnlosem Scrollen und der Suche nach dem nächsten Dopamin-Kick durch irgendeinen roten Punkt, der mir sagt, dass es etwas Neues gibt.

Was die anderen machen, interessiert mich dabei noch nicht einmal so sehr wie die Frage danach, wie sehr es die anderen interessiert, was ich so mache. Und obwohl ich mir all dessen bewusst bin, scheint es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, aus diesem Teufelskreis auszusteigen.

Wer kann, der zeigt – besonders im Internet

Schließlich bin ich einer dieser kreativen Menschen, die auf irgendeine Weise ihren Kram auf Social Media unter die Leute zu bringen versuchen. Heutzutage kommt man ja kaum noch drumherum. Egal ob du nun eine Käsekuchen-Konditorei oder einen Braut-Friseursalon eröffnest, einen Töpfer-Etsy-Shop oder Online-Häkelkurse anbietest, Aquarell-Landschafts-Malereien oder Architektur-Fotografie anfertigst: Ohne das Internet wirst du (gefühlt) niemanden mehr erreichen. Jedenfalls nicht mehr gezielt und effektiv.

Du brauchst social Media Präsenz und Reichweite. Fluch und Segen für viele Kreative. Denn während es anfangs noch um das Teilen an sich ging, es einfach war, Reaktionen und Feedback zu bekommen, geht es heute um Schnelligkeit und vor allem um Geld.

Du brauchst social Media Präsenz und Reichweite. Fluch und Segen für viele Kreative. Denn während es anfangs noch um das Teilen an sich ging, es einfach war, Reaktionen und Feedback zu bekommen, geht es heute um Schnelligkeit und vor allem um Geld.

Nicht darum, dass die kleinen, kreativen Geld verdienen, sondern die großen Unternehmen, die für Werbung die richtige Kohle bezahlen, und nicht bloß 5 € alle drei Monate in einen Post investieren. Wir sind nicht die Kunden, wir sind das Produkt. Aber ich schweife von meinem eigentlichen Beweggrund, diesen Text zu schreiben, ab.

Kommen wir also endlich zu mir, dem Punkt, um den sich mein gesamtes Social Media-Universum zu drehen hat. Ich teile also meine Fotos und meine Kunst und bin dabei mittelmäßig erfolglos. Wahrscheinlich liegt das nicht einmal daran, dass meine Fotos nicht gut sind, sondern eher daran, dass ich schlicht und ergreifend keinen Bock und auch keine Energie habe, mich den sich ständig ändernden Funktionen von Social Media-Apps zu ergeben.

Schneeballsystem Social Media

Anfangs war es genug, nur ein Foto mit ein paar Hashtags auf Instagram zu posten, irgendwann musste man dann schon mehr Bilder teilen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und nicht unterzugehen. Storys kamen hinzu, welche sehr viel mehr „Engagement“ erzeugen (ich tue mal so, als hätte ich Ahnung von all dem, ok?), welche mittlerweile von Videoformaten und Reels abgelöst wurden.

Geh live, sei präsent, poste täglich (wann, weiß nur auch keiner mehr so genau). Und verdammt nochmal, ich will doch einfach nur meine Fotos posten!

Geh live, sei präsent, poste täglich (wann, weiß nur auch keiner mehr so genau). Und verdammt nochmal, ich will doch einfach nur meine Fotos posten! Poste ich einfach nur meine Fotos, sieht sie keine:r und ich bekomme kaum Feedback. Und so ungern ich es mir eingestehe: Das ist doch der Grund, aus dem ich das tue – oder etwa nicht?!

Nachdem ich mich nun seit mittlerweile Jahren (ja, so traurig ist es) mit diesem Thema auseinandersetze, stelle ich fest, dass immer wieder aufs neue der Reichweite und den Likes hinterherzujagen nicht das Wahre sein kann. Nicht als Künstler:in. Denn das bedeutet nicht nur sinnloses Scrollen, sondern auch sinnloses Posten.

Es geht nicht mehr um Qualität, sondern nur noch um Quantität. Kunst und Kreativität funktioniert so aber allzu oft nicht. Denn es sind Dinge, welche wirken und Raum zur Entwicklung haben müssen. Mit dem Gedanken, morgen wieder abliefern zu müssen, habe ich, hat meine Kunst, das nicht.

Es wird zu einem bedeutungslosen Bild unter Milliarden und ich weiß, egal wie viel Zeit und Mühe ich dennoch in den Instagram-Post stecke, auch nur annähernd dieselbe Zeit, ihn wirken zu lassen und ihn durchzulesen, nimmt sich sowieso niemand mehr. Das ist sehr frustrierend und demotivierend.

Nun habe ich also die Wahl zwischen: mich Social Media dennoch zu ergeben und mitzumachen oder einen neuen Weg und eine neue Definition zu finden.

Nun habe ich also die Wahl zwischen: mich Social Media dennoch zu ergeben und mitzumachen oder einen neuen Weg und eine neue Definition zu finden.

Muss ich überhaupt Reichweite und Likes erzielen? Muss ich mit meiner Kunst, meinem Projekt online erfolgreich werden und viral gehen? Sagt man das überhaupt noch so, oder ist das schon wieder Schnee von vorgestern?

Digitaler Kapitalismus

Sollte ich schlussendlich nicht einfach viel mehr Zeit in meine Kunst und sehr viel weniger Zeit in die digitale Form von Kapitalismus stecken, um vergeblich darauf zu warten, es dort doch noch irgendwie zu schaffen? Am Ende läuft es, egal ob im kreativen, privaten oder beruflichen Kontext, wohl auf die eine Frage hinaus: Möchte ich fürs Internet leben und produzieren?

Wenn ich mir all die Lebenszeit, die ich investiere, all die Bilder und Texte, die ich schon veröffentlicht und wieder gelöscht habe, all die Energie, Mühe, Liebe und Zeit, die in vergängliche, unwichtige Pixel umgewandelt wird, anschaue, dann lautet die Antwort doch eigentlich ganz klar und deutlich: Nein. Und doch schreibe ich diesen Text, damit er im Internet veröffentlicht und geteilt wird. Verdammt.

Ich versuche nun also, nachhaltigere Wege zu finden, meine Bilder langfristig und mit Bedeutung zu teilen. Dabei muss ich vielleicht aber auch akzeptieren, dass in unserer heutigen Welt alles schneller und sich alles ständig und immer wieder verändern wird.

Eine Balance zu finden, ist nicht leicht. Es gibt sie schließlich, die positiven Seiten von Social Media. Die Communitys, die Inspiration, die Vernetzung. All das aus eigener Kraft als Einzelkämpfer:in aufzubauen, ist jedoch verdammt kräftezehrend und schwierig. Vielleicht stelle ich mich auch einfach nur zu blöd an, denn das wird mir nur allzu oft und allzu eindrücklich auf eben diesen Plattformen vermittelt.

Ich versuche nun also, nachhaltigere Wege zu finden, meine Bilder langfristig und mit Bedeutung zu teilen. Dabei muss ich vielleicht aber auch akzeptieren, dass in unserer heutigen Welt alles schneller und sich alles ständig und immer wieder verändern wird. Und vielleicht habe ich mit meinen sagenhaften 24 Jahren auch schon ein Alter erreicht, in dem es schwieriger wird, das zu akzeptieren und mitzuhalten. Verdammt.

Headerfoto: Nataliya Vaitkevich (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

felinelyart macht Selbstportraits und findet Worte für Selbstreflexion und Akzeptanz. Ein Versuch, Leidenschaft und Weiblichkeit in Worte und Bilder zu fassen. Der Wunsch, Sensibilität und Sehnsucht, Krativität und Kraft, Verlangen und Verlust zu leben und zu lieben. Irgendwo zwischen Selbstverwirklichung und Sinn-des-Lebens-Suche.  

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