Lassen Dich nicht hängen: 6 Tipps, die Sextherapeutinnen ihren Freund*innen geben


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Ob es um medizinischen, rechtlichen oder emotionalen Beistand geht: Manchmal erweist es sich als extrem praktisch, Freund*innen zu haben, die beruflich anderen Leuten helfen. Denn mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit würden sie auch dich nicht hängen lassen, wenn du ihren Rat oder ihre Unterstützung brauchst.

Eine Ärztin* oder eine Anwältin* im Freundeskreis zu haben wäre auf jeden Fall nicht schlecht. Aber wie cool wäre es bitte, mit jemandem befreundet zu sein, der sich auf das Thema Sex spezialisiert hat? Ich meine, sie/er hätte sicher so einige Tipps und Tricks auf Lager. Schließlich helfen Sextherapeut*innen täglich Menschen, die ihr Sexleben gerade stört oder sich mehr, weniger oder besseren Sex wünschen. Es gibt vermutlich keine peinliche Frage, die sie noch nicht gehört haben – und sie kennen auch noch die Antwort darauf.

Was sagen solche Experten also ihren Freund*innen, wenn die mit einem extrem persönlichen Problem zu ihnen kommen? Genau das habe ich sechs Profis gefragt.

Laurie Watson ist zertifizierte Sextherapeutin, Autorin des Buchs Wanting Sex Again und hat einen eigenen Podcast namens FOREPLAY.

Das Problem:

Als in ihrer Beziehung alles noch ganz frisch war, kam meine Freundin ständig zum Orgasmus, weil sie „so glücklich und aufgeregt war“ (ihre Worte). Aber sie sagte ihm nie wirklich, was sie mag und worauf sie steht und mit der Zeit fiel es ihr immer schwerer, zu kommen. Als sie dann gar keinen Orgasmus mehr hatte, nahm auch die Lust auf ihren (jetzt) Ehemann ab und irgendwann machte sie einfach dicht.

Der Ratschlag:

Als Erstes riet ich ihr, es ihm wie folgt zu erklären: Es ist so, als würden zwei Leute auf eine Party gehen. Wenn klar ist, dass nur eine davon Spaß haben wird, wird die andere wahrscheinlich gar nicht erst hingehen wollen. Diese Metapher räumt mit dem Missverständnis auf, dass weibliche Orgasmen „einfach kein regelmäßiges Ding sind“ – das dachte nämlich auch ihr Ehemann, weshalb er das Problem nicht wirklich ernst genommen hatte und irgendwann aufhörte, während des Sex auf sie zu „warten“.

Außerdem kaufte ich ihr einen Vibrator (FYI: Ich habe all meinen Freundinnen Vibratoren geschenkt), der bis tief ins Becken hineinreicht und alle wichtigen Nervenenden stimuliert.

Der Vibrator erinnerte meine Freundin daran, dass sie klitorale Stimulation brauchte und je öfter sie ihn benutzte, desto mehr steigerte sich ihre Lust.

Sechs Monate später rief mich ihr Ehemann an und beschwerte sich, weil sie immer nur den Vibrator benutzt und kein Interesse mehr daran hat, ihn zu beglücken. Ich hätte ihn beinahe angeschrienen, weil er so egoistisch war, aber ich sagte zu ihm, er solle geduldig sein, weil ich glaubte, sie würde gerade erst wieder das Vertrauen in ihren Körper aufbauen. Und das tat sie auch. Der Vibrator erinnerte meine Freundin daran, dass sie klitorale Stimulation brauchte und je öfter sie ihn benutzte, desto mehr steigerte sich ihre Lust.

Aber sie brauchte auch eine emotionale Verbindung mit ihrem Ehemann: Er musste sich die Zeit nehmen wollen, sie zu befriedigen. Sie begannen, den Vibrator in ihr Liebesspiel mit einzubinden und obwohl das heutzutage wirklich nicht mehr überraschend sein sollte, lernte er, dass die Klitoris – und nicht die Vagina – das Zentrum ihres sexuellen Universums ist.

Dr. Jenny Taitz ist klinische Psychologin und Autorin des Buches How To Be Single And Happy.

Das Problem:

Die eine Sache, die mich alle meine Freundinnen und Freunde ständig fragen, ist: Wie schaffe ich es, mir keine Sorgen mehr darüber zu machen, was mein*e neue*e Partner*in beim Sex über mich denkt? Eine Freundin sorgte sich deswegen so sehr, dass ein Typ mitten beim Sex mir ihr auf einmal innehielt und sie fragte, ob alles okay sei, weil sie so gestresst aussähe.

Der Ratschlag:

Ich sage immer, es ist komplett normal, wenn die Gedanken beim Sex mal abdriften oder du dich verletzlich fühlst. Doch wenn sich alles nur noch darum dreht, ob die/der andere Spaß hat und man sich selbst dabei vergisst, läuft etwas falsch. Dann solltest du lernen, deine Gedanken umzuwandeln.

Es ist komplett normal, wenn die Gedanken beim Sex mal abdriften. Doch wenn sich alles nur noch darum dreht, ob die/der andere gerade Spaß hat, läuft etwas falsch.

Das ist eine Technik der Verhaltenstherapie, die wie folgt funktioniert: Sobald du dir eine nicht hilfreiche Frage stellst wie „Mache ich das gerade richtig?“ oder „War sein/ihr letztes Tinderdate besser im Bett als ich?“ verdrängst du sie nicht, sondern nimmst sie bewusst wahr und akzeptierst sie. Dann lenkst du deinen Fokus auf etwas, das gerade in diesem Moment passiert – zum Beispiel darauf, wie sie/er deinen Körper berührt.

Wenn wir versuchen, negative Gedanken zu ignorieren und aus unserem Kopf zu verbannen, holen sie uns irgendwann wieder ein. In dem du sie akzeptierst und dich anschließend wieder neu konzentrierst, trainierst du dein Gehirn, wieder zurück zur Gegenwart zu kommen. Das hilft dir dabei, dich darauf zu fokussieren, wie sich der Sex für dich anfühlt.

Kate Moyle ist Beziehungstherapeutin und Partnerin bei der PillowApp für Paare.

Das Problem:

Ich hatte einen Freund, der Probleme damit hatte, beim Sex mit seiner Freundin die Erektion aufrecht zu erhalten. Sie waren seit einem Jahr zusammen und als es das zweite Mal passierte, stritten sie sich deswegen. Sie war überzeugt davon, er würde sie nicht mehr attraktiv finden, aber das war nicht der wahre Grund. Er machte gerade eine stressige Zeit auf der Arbeit durch, wodurch sein Selbstvertrauen im Keller war.

Außerdem führte es dazu, dass er sich auf irrationale Art und Weise Sorgen um bestimmte Sachen machte – wie, nicht schlaff zu werden. Nach dem Streit war er sehr nervös und traute sich nicht, den ersten Schritt zu machen und mit ihr zu schlafen. Einen Monat später rief er mich an, weil er dachte, seine Freunde hätte vielleicht doch recht.

Der Ratschlag:

Ich brach die Sache für ihn herunter und ging das Thema ganz nüchtern an: Fand er seine Freundin immer noch attraktiv? Ja. Ist es nur zwei Mal passiert? Ja. Hatte er immer noch einen Ständer, wenn er nicht darüber nachdachte – zum Beispiel am Morgen? Ja. Ich erklärte ihm, dass viele Sexprobleme durch Ängste entstehen.

Viele Sexprobleme entstehen durch Ängste, die unser Gehirn priorisiert – also der Erregung vorzieht – weil es denkt, etwas Schlimmes könnte passieren.

Unser Gehirn priorisiert Ängste – sprich, zieht sie der Erregung vor – weil es denkt, etwas Schlimmes könnte passieren. Der Schlüssel ist, den Knackpunkt zu finden und das war für meinen Freund penetrativer Geschlechtsverkehr. Deshalb schlug ich vor, die beiden sollten einen Monat lang keinen Sex haben und stattdessen kreativ werden was andere Zärtlichkeiten und Spiele angeht. Durch Berührungen schüttet der Körper nämlich Oxytocin aus, das „Kuschelhormon“, durch das wir uns verbunden und nah fühlen.

Mein Freund sagte, es war für ihn unglaublich erleichternd, mit seiner Freundin darüber zu reden. Sie entschuldigte sich dafür, dass sie überreagiert hatte und sie teilten sinnliche Erlebnisse miteinander – ohne Sex zu haben. Sie zogen sich gegenseitig aus oder schliefen nackt mit ineinander verschlungenen Beinen ein. Nachdem sie das einige Male gemacht hatten, waren sie angeturnt vom Sexverbot, dass sie es schließlich brachen.

Dr. Debra Laino ist zertifizierte Sexwissenschaftlerin, Therapeutin und nationale Sprecherin für menschliche Sexualität und Gesundheit.

Das Problem:

Vor ein paar Monaten furzte eine Freundin laut beim Sex. Das war ihr vorher noch nie geschehen und sie schämte sich tagelang.

Der Ratschlag:

„Das passiert halt manchmal“, beruhigte ich sie und erklärt, wenn diese komplett natürliche Körperreaktion ihren Partner für immer abturnt, lebt er in einer Fantasiewelt und ist ihre Zeit nicht wert. Außerdem sagte ich ihr, Sex würde sehr unangenehm für sie werden, wenn sie ab jetzt ständig darauf achten würde, ja nie wieder zu pupsen – das würde schließlich bedeuten, sie wäre ständig angespannt und könnte gar nicht relaxen.

Niemand ist perfekt. Wir sind alle nur Menschen. Wir furzen alle.

Es klingt einfach, aber das Beste, was du in so einer Situation machen kannst, ist gemeinsam darüber zu lachen. Wir sind nur peinlich berührt, weil wir uns selbst zu ernst nehmen oder weil wir zu hohe Erwartungen haben, die unrealistisch sind.

Es wird häufig so dargestellt (in Pornos zum Beispiel) als wäre nur perfekter Sex guter Sex. Aber das ist Quatsch, denn niemand ist perfekt. Wir sind alle nur Menschen. Wir furzen alle. Also lacht gemeinsam darüber und dann sorgt der kleine Pups am Ende vielleicht sogar dafür, dass ihr euch noch verbundener fühlt.

Dr. Tanisha M. Ranger ist lizensierte Psychologin, zertifizierte Psychologin und Sexsuchttherapeutin.

Das Problem:

Ich werde oft von Leuten gefragt, ob sie sexsüchtig sind, weil sie jeden Tag masturbieren, Pornos schauen oder Spaß an BDSM haben.

Der Ratschlag:

Bei Sexsucht geht es nicht darum, was du machst, sondern was der Sex mit dir macht. Wenn dich dein Sexverhalten nicht davon abhält, gesunde Beziehungen zu führen, deinen Pflichten (auf Arbeit) nachzukommen oder dich in deiner Haut wohlzufühlen, dann bist du wahrscheinlich nicht sexsüchtig.

Masturbieren ist nichts schlimmes!

Ich erinnere meine Klient*innen auch immer daran, das Masturbieren nichts schlimmes ist! Es ist eine fantastische Möglichkeit, den eigenen Körper zu erkunden und zu befriedigen. Doch wenn du ein negatives Muster in deinem Sexverhalten entdeckst – du beispielsweise masturbierst, um dich nicht mit einer Emotion auseinandersetzen zu müssen oder du so viele Pornos schaust, dass du wichtige Dinge verpasst oder du nur noch Sex haben kannst, wenn Gewalt im Spiel ist – dann wird das Ganze problematisch.

In dem Fall wäre es besser, wenn du dich an eine*n Therapeut*in wendest. Sie/er kann dir dabei helfen, mit deinen Emotionen umzugehen und die Strategien und Hilfsmittel an die Hand geben, mit denen du die negativen Assoziationen, die du zu Sex hast, überwinden kannst.

Dr. Jennifer Gunsaullus ist eine Soziologin, Sexwissenschaftlerin und Beziehungs-, Intimitäts- und Sex-Coach.

Das Problem:

Einige Freundinnen kamen zu mir, weil sie beim Sex unter Schmerzen leiden, was leider relativ häufig bei Menschen mit einer Vagina vorkommt. Laut Studien wird geschätzt, dass es weltweit etwa 60 Prozent aller Frauen schon einmal so ging.

Der Ratschlag:

Nachdem ich ihnen versichere, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind, erzähle ich meinen Freundinnen, dass es viele verschiedene Gründe für die Schmerzen geben kann. Sorgen machen, muss man sich deswegen nicht gleich, aber wenn Sex jedes Mal unangenehm ist, wäre es besser eine Frauenärztin* oder einen Frauenarzt* zu konsultieren.

Es könnte beispielsweise Vaginismus sein (die Vagina zieht sich zusammen oder verengt sich, wenn etwas eingeführt wird) oder Vulvodynie (Schmerzen im äußeren Bereich ohne erkennbare Ursache). Doch eine der häufigsten Ursachen ist tatsächlich Reibung – weil kein oder zu wenig Gleitgel verwendet wird oder die Erregung nicht groß genug ist.

Also fragte ich auch meine Freundin, ob es sein könnte, dass sie und ihr Mann sich genug Zeit fürs Vorspiel nehmen würden. Ihre Antwort: Innerhalb von ein paar Minuten geht es bei den beiden direkt zur Sache. Autsch! Oft glauben wir, wir könnten es kaum erwarten, doch auch wenn dein Kopf schon super erregt ist, braucht das Blut eine Weile, bis es in deinen Genitalien angekommen ist und sich natürliches Gleitmittel bildet.

Vorspiel ist kein optionales Add-on. Es ist essenziell für die weibliche Befriedigung.

Ohne Warm-up – es kann etwa 20 Minuten dauern, bis deine Vagina bereit aka. feucht ist – kann Penetration sehr schmerzhaft sein. Es klingt simpel, aber die Lösung für dein Problem kann also sein, es langsamer angehen zu lassen und erst Mal nur ein bisschen zu teasen, bevor es richtig zur Sache geht. Vorspiel ist kein optionales Add-on. Es ist essenziell für die weibliche Befriedigung.

Dann fragte ich meine Freundin, was sie anturnte und wie sie gern berührt wird. Sie sagte, sie mag es, wenn sie im Vorhinein schon weiß, dass ihr Mann Lust auf Sex hat. So kann sie sich gedanklich schon darauf vorbereiten und fantasieren. Außerdem mag sie es, wenn er sie langsam am Hals und an den Brüsten küsst und dabei sagt, was er an ihr attraktiv findet. Dadurch fühlt sie sich sexy und relaxt.

Ich sagte ihr, sie solle das ihrem Ehemann erzählen, damit sie genau das zusammen als Team ausprobieren können. Als wir uns das nächste Mal sahen, erzählte sie, dass sie sich jetzt mehr nach der Geschwindigkeit ihres Körpers richten würden. Sie konzentrieren sich auf ihren Atem und achteten darauf, ob sie erregt oder verkrampft ist. Nach ein paar Monaten ersetzte die Lust den Schmerz.

Headerfoto: Stockfoto von Photographee.eu/Shutterstock. („Körperliches“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Text: Lisa Harvey.

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