“Langweilige Beziehungen”: Ich brauche kein Drama mehr in der Liebe

Sex and the City, Hollywoodkomödien, Krieg und Frieden, sie alle haben etwas gemeinsam: Drama um die Liebe. Man müsste meinen, die moderne Liebe hätte sich nur dahingehend in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt, dass sie schwerer zu bekommen und noch schwerer zu halten ist.

Unser Streben, Suchen und Zweifeln verhält sich jedoch noch immer wie das letzte Jahrhundert und unser Hang zu dramatischen Liebschaften und überbordenden Erwartungen nimmt nicht ab. Was gibst du mir? Was darf ich erhoffen? Wo soll ich mich stärker bemühen oder gar verändern?

Unser Streben, Suchen und Zweifeln verhält sich noch immer wie das letzte Jahrhundert und unser Hang zu dramatischen Liebschaften und überbordenden Erwartungen nimmt nicht ab.

Ratgeber überschlagen sich auf Spotify in Form von Therapiepodcasts oder in der Selbstzerfleischung junger Pärchen, genau wie die Brigitte noch immer nicht müde wird, die Top Ten der erfolgreichsten Verführungskünste an die Frau zu bringen und mein Jahreshoroskop mir erklärt, warum es unter dem Einfluss von Mars im August stürmisch in meinem Liebesleben werden könnte.

Selbstbestimmtes Miteinander

Tatsache ist jedoch: Mit zunehmendem Alter kehrt so etwas wie Ruhe in meine Beziehungslust. Nicht, weil der Partner jetzt endlich der richtige ist oder meine Antidepressiva wirken, nein, sondern eher, weil ich es müde bin, fremdbestimmt zu leben und eben auch zu lieben.

Mit zunehmendem Alter kehrt so etwas wie Ruhe in meine Beziehungslust. Nicht, weil der Partner jetzt endlich der richtige ist oder meine Antidepressiva wirken, nein, sondern eher, weil ich es müde bin, fremdbestimmt zu leben und eben auch zu lieben.

Ich möchte mich nicht mehr mit Carrie vergleichen und auf Mr. Big lauern, der mir einen absurd teuren Ring an den Finger steckt … oder war es ein Schuh an den Fuß? Ich möchte auch keine Hörbücher mehr hören, in denen die unglückliche Feministin nur wieder gesundet, weil sie im Sommerurlaub auf dem Lande der großen Liebe begegnet.

Meine Idee einer zufriedenstellenden Beziehung beginnt in dem Wissen darum, dass ich sie tatsächlich nicht brauche, um glücklich zu sein, aber eben genau dieser Typ da zehn Tramstationen von mir entfernt eine echt coole Socke ist, die mich hin und wieder derbe zum Lachen bringt. Nicht mehr und nicht weniger.

Meine Idee einer zufriedenstellenden Beziehung beginnt in dem Wissen darum, dass ich sie tatsächlich nicht brauche, um glücklich zu sein.

All die Illusionen, der Partner könne mich aus dem Stimmungstief holen wie aus meiner finanziellen Not, habe ich aufgegeben, denn ich spüre, die Abhängigkeit ist nicht mein erklärtes Lebensziel. Statt mir allerdings jetzt Vorwürfe zu machen, einst anders gedacht und gelebt zu haben, habe ich für mich dieses altersmilde Zwinkern übrig. „Hey jüngeres Ich, was war das denn bitte für ein geiler Reinfall damals?“ Meine Jugendsünden und begriffsstutzigen Dämonen heben das Glas besseren Rotweins und prosten mir zu. „Joa, war nicht klug, aber unterhaltsam!“

Keine Sicherheit, aber Stabilität

Wir leben jetzt so mehr oder weniger im Einklang. Die Ängste, eine Beziehung hätte nur dann Wert, wenn sie in einer Verlobung enden und wir uns gemeinsam bald in einer Eigentumswohnung in der Stadtmitte wiederfinden, sind verflogen. Heute sitze ich in meinen eigenen vier Wänden, mit dem selbst bezahlten Kühlschrank, den von mir so liebevoll allmonatlich neugemalerten Wänden und so vielen Büchern, wie das Regal tragen kann.

Wir leben jetzt so mehr oder weniger im Einklang. Die Ängste, eine Beziehung hätte nur dann Wert, wenn sie in einer Verlobung enden und wir uns gemeinsam bald in einer Eigentumswohnung in der Stadtmitte wiederfinden, sind verflogen.

Und er sitzt in seiner Wohnung vor der Portion Biomüsli mit Trockenobst, seinem Waschmittel, das die Wohnung so nach ihm riechen lässt, und dem Kinderzimmer, in dem seine Tochter all ihre Probleme an seinen Kopf schmeißt – nicht an meinen.

Wir leben unser eigenes Leben und verknüpfen es hier und da ohne Zwang und Druck. Ich schmachte auch viel weniger nach meinem Smartphone, wenn er nicht in der Nähe ist und bin erleichtert, dass ich heute keine selbstzerfleischenden Tagebuchromane mehr verfasse, die ausloten, warum er mir gestern keinen virtuellen Gute-Nacht-Kuss schickte. Lieber freue ich mich auf den Moment, in dem wir bei einem Bier im Park sitzen und über die neuesten Vokuhila-Trends frotzeln. Wir sind jetzt alt, wir dürfen das.

Wir leben unser eigenes Leben und verknüpfen es hier und da ohne Zwang und Druck.

Es ist schön, rückblickend auf Veränderungen schauen zu können, insbesondere die positiven. Diese Entwicklung war noch vor Jahren nicht abzusehen. Da war in mir diese Unruhe und das unbedingte Gefühl, mich mit anderen vergleichen zu müssen. Der Drang bestimmte Ziele zu erreichen, die ich für erstrebenswert und nobel hielt. Heute sind sie blass und müde neben dem, was mir die Wirklichkeit, meine Wirklichkeit, zu bieten hat. Stabilität, keine Sicherheit, aber eine Gelassenheit, die gut tut.

Stabilität, keine Sicherheit, aber eine Gelassenheit, die gut tut.

Eventuell bin ich auch zum ersten Mal seit langer Zeit nicht darauf angewiesen, eine Beziehung zu führen, dem Status und meiner Umwelt zuliebe, sondern habe wirklich Bock auf eben genau diese Partnerschaft und eben diesen Partner. Dieses Gefühl ist fast ein bisschen langweilig, ja. Es ist aber auch extrem gut für mein Herz.

Headerfoto: Toa Heftiba via Unsplash. (Kategorie-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

Laurine Lauretta, ein Perpetuum Mobile. Zwischen alleinerziehender Mutterschaft, pädagogischer Arbeit und Frausein, bleibt noch genug Zeit sich viele Gedanken um die Liebe, das Leben und allerlei Unsinn zu machen. Hier in Wort und Text.

1 Comment

  • Wow! Deine Worte fühlen sich total gut an.. Diese Gelassenheit, die ich auch unbedingt erreichen will – ich kann sie schon erahnen 🙂 leider schwingt immer noch so eine gewisse Unsicherheit mit…hmm

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