Ich will’s real! Warum Ehrlichkeit nicht gleich Ehrlichkeit ist

Da liegst du, zwischen Leinenbettwäsche, lang ausgestreckt, nackt und an mich geschmiegt. Die Augen geschlossen, ab und zu gibst du ein zufriedenes Brummen von Dir, wenn meine Finger durch deine Haare fahren. Im schönsten Dämmerzustand. Neben dem Bett stehen die Rotweingläser, in der Küche noch ein kleiner Rest Chaos vom gemeinsamen Kochen. Alles ist okay, wie es ist.

Und dennoch kann ich nicht ganz abschalten. Das Gespräch, das wir früher an diesem Abend geführt haben, geht mir durch den Kopf. Wir sprachen darüber, dass dieses Wir, das grade bis zum Rand voll mit Endorphinen im Bett liegt, kein Beziehungs-Wir werden wird. Diese Tatsache ist erstmal in Ordnung. Aber die Worte, mit denen du diese Tatsache ausgesprochen hast, sind es nicht.

Ich bin grade kein Boyfriend-Material.

Was bitte soll das heißen? Gut, im Grunde verstehe ich, was du sagen wolltest. Bevor dieser Satz fiel, erzähltest du von gesundheitlichen Problemen, persönlichen Unzulänglichkeiten und lang andauernden Auslandsaufenthalten. Du wolltest sagen, dass in dein Leben grade keine Beziehung passt.

Indem du aber sagst, du seist kein Beziehungs-Material, entscheidest du etwas, das ich eigentlich entscheiden sollte. Ob du das Material bist, mit dem ich eine Beziehung eingehen möchte, liegt doch bei mir. Selbst wenn du sagst, du seist grade ein beschädigtes Exemplar, liegt es immer noch bei mir, zu entscheiden, mit eben diesen Mängeln arbeiten zu wollen.

Es gibt genug Gründe, sich im Detail mit Menschen auseinanderzusetzen, die sich selbst (oder ihre aktuelle Lebenssituation) momentan als mangelhaft bewerten würden. Nur weil die Gesundheit grade nicht mitspielt oder andere Umstände Stress versprechen, bedeutet das nicht, dass das jeweilige Gegenüber das Interesse verliert.

Es ist nicht unfair, sich anderen Menschen zuzumuten, egal in welchem Zustand man sich befindet.

Wichtig ist, dass Kommunikation stattfindet, um etwaigen Überraschungen aus dem Weg zu gehen. Wenn die andere Person sich aber dafür entscheidet, trotz der Situation Energie und Emotionen zu investieren – dann sträube dich nicht, sondern nimm es an. Auch wenn das wahnsinnig schwer ist. Du kannst kommunizieren, dass es dir schwerfällt. Aber Beziehungen sind nun mal Arbeit, manchmal auch auf dieser Ebene.

Sag nicht ‚Du hast was Besseres verdient‘.

Aber mal abgesehen von dem Fall, dass im Grunde doch eine Beziehung gewünscht wird. Sag nicht „Es liegt nicht an dir, es liegt an mir“. Sag nicht „Du hast was Besseres verdient“. Sag nicht „Das Timing stimmt nicht“. Diese Sätze sind nicht nur „nett“, sie lassen auch einen Interpretationsspielraum offen. Und in diesem Raum sind schon viele Herzen gebrochen, glaub es mir. Steh zu dir und der Ehrlichkeit, die du dir selbst versprochen hast. Auch wenn sie manchmal ein bisschen hart klingt.

Sag mir nicht, du seist kein Material für eine Beziehung, wenn du keine Beziehung (mit mir) willst. Damit implizierst du, dass ich dich nicht will. Und so ist das nun mal nicht. Wenn du mich nicht willst, sag mir das. Genau so. Simple as that.

Headerfoto: Stockfoto von JKstock/Shutterstock. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

ALEX ist überall und nirgendwo zuhause. Mag südafrikanischen Rotwein, Schallplatten und Kurzgeschichten von Heinz Strunk.

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