Ich bin genug! Warum wir die Standards unseres Herzens in die Höhe schrauben dürfen

Niveauflexibel ­– so witzig wie sich dieser Ausdruck im ersten Moment auch anhören mag, wir sollten ihn aus dem Vokabular unseres Herzens ganz schnell streichen. So richtig mit Edding, damit er nie wieder von einem einsamen Herzen gelesen werden kann. Denn, zumindest in Herzensdingen, bedeutet dieser Begriff nichts als Schmerz, Energie- und vor allem Zeitverschwendung.

Kennen wir es nicht alle? Eigentlich wissen wir ganz genau, was wir wollen. Und was wir nicht wollen. Wir könnten Listen mit unseren Ansprüchen und Vorstellungen füllen, die länger sind als die Brockhaus-Enzyklopädie. In der Theorie ist alles glasklar. Unsere Werte und Standards sind fest formuliert. In Stein gemeißelt wie die zehn Gebote. Und wie sieht es in der Praxis aus? Furchtbar. Es sieht furchtbar in der Praxis aus.

Eigentlich wissen wir ganz genau, was wir wollen. Und was wir nicht wollen.

Die Geschichte geht so: Wir lernen jemanden kennen. Ob im grenzlabilen Zustand an der Bar nachts um halb drei oder in der mysteriösen und von Legenden umwobenen Online-Welt. Ganz nach der Natur der Dinge ist uns das ominöse Gegenüber erst einmal völlig egal. Ein fremder Mensch, der uns vielleicht nur durch sein attraktives Erscheinungsbild oder seinen abgedrehten Humor ins Auge fällt.

Dann lernen wir einen neuen Menschen kennen. Wir öffnen ihm die Tür. Die formulierten Standards und Werte hängen immer noch feinsäuberlich notiert und im großen, goldenen Bilderrahmen eingerahmt an der Wand. Vielleicht deuten wir beim Hereinkommen kurz auf den Rahmen und sagen: “Guck mal, meine Werte. Ich bin stark und frei und unabhängig. Ich weiß ganz genau, was ich will!“ Beeindruckend. Bis die Dinge ihren Lauf nehmen.

Guck mal, meine Werte. Ich bin stark und frei und unabhängig. Ich weiß ganz genau, was ich will!

Mit jedem doofen WhatsApp-Chat, mit jedem erneuten Treffen, mit jedem nachträglichen Analysieren beginnen wir, den Menschen irgendwie zu mögen. Wir mögen und mögen und mögen – es läuft wirklich gut. Potenzial. So viel Potenzial. Diesmal wirklich.

Tage und Wochen ziehen ins Land. Vielleicht zwei oder drei Wochen, in denen der neue Mensch von Tag zu Tag mehr Ressourcen unserer Gedanken für sich beansprucht. Es kommt zu den ersten Verwirrungen, den ersten „Was ist denn auf einmal los?“-Gedanken. Wir schauen nur noch selten, flüchtig, einmal zu unseren einst so penibel aufgestellten Werten und Standards an der Wand.

Potential. So viel Potenzial. Diesmal wirklich.

Nun will es irgendwie nicht mehr weiter gehen. Die Momente, die von Leichtigkeit, Unbeschwertheit und Schmetterlingen geprägt sind, werden immer seltener. Stattdessen der Blick morgens nach dem Aufwachen auf das Smartphone, um festzustellen, dass da doch keine neue Nachricht eingegangen ist. Durch den Tag hinweg begleiten uns ausführliche Analysen von WhatsApp-Nachrichten, die aus maximal fünf Wörtern bestehen, auf die unser Deutschlehrer früher stolz gewesen wäre. Wir lesen den Subtext, den es nicht gibt, in alle Nachrichten und Handlungen hinein.

Unseren Werte-Bilderrahmen an der Wand haben wir längst vergessen. Auf ihm liegt eine dicke Schicht aus Staub. Vielleicht ist er auch einfach irgendwann heruntergefallen und wir haben ihn mit dem Fuß unter das Sofa geschoben. So ganz aus Versehen.

Und genau hier liegt der Ursprung allen Herzschmerzes.

Und genau hier liegt der Ursprung allen Herzschmerzes. Zumindest dem unnötigen Herzschmerz, mit dem wir unsere Zeit verschwenden. Nur, weil wir etwas verwechselt haben. Nämlich die Realität mit unserer Vision.

Unsere Vision ist das, was uns ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn wir einen neuen Menschen in unser Leben lassen. Das gefährliche „Was-wäre-Wenn“-Gedankenspiel, das uns süchtig werden lässt. Und dann gibt es da die Realität, die wir plötzlich nicht mehr lesen können. Wir sind zu Analphabeten geworden, die sich nur noch an den schönen, bunten Bildern in ihrem Kopf orientieren, anstatt einmal den Blick auf das zu richten, was schwarz auf weiß in dicken Lettern vor ihnen steht.

Wir sind zu Analphabeten geworden, die sich nur noch an den schönen, bunten Bildern in ihrem Kopf orientieren.

Ist das nicht verrückt? Wir vergessen an einem bestimmten Punkt. Nämlich an dem Punkt, an dem wir das erste Mal denken: „Diesmal könnte es wirklich der Eine sein!“, alles, was wir ursprünglich wollten. Die Messlatte sind nicht mehr unsere einst festgemeißelten Ansprüche, Standards und Werte, sondern einfach das aktuelle Verhalten unseres potenziellen Traumprinzen ­– ganz gleich, wie stark diese beiden Dinge voneinander auch abweichen mögen.

Wir verpassen etwas. Etwas, das so simpel ist, dass es sich fast lächerlich anhören mag. Wir verpassen, einfach mal inne zu halten und uns die Frage zu stellen: „Mag ich diesen Mensch mit seinem aktuellen Verhalten eigentlich noch?“ Ich bin mir sicher, mit ein bisschen Ehrlichkeit uns selbst gegenüber würde unsere Antwort ganz klar „Nö.“ lauten. Wir sind besessen von einer Vision, die es niemals in die Realität schaffen wird.

Wir verpassen, einfach mal inne zu halten und uns die Frage zu stellen: „Mag ich diesen Mensch mit seinem aktuellen Verhalten eigentlich noch?“

Dann sitzen wir da, mit der zweiten Flasche Weißwein und heulen der besten Freundin die Ohren voll „Mein Traummann ghostet mich!“ oder „Der zukünftige Vater meiner Kinder hat schon wieder das Date in letzter Minute abgesagt.“ Und glaubt mir, das ist der absolute Schwachsinn.

Dein Traummann ist nicht dein Traummann, wenn er dich ghostet. Und der zukünftige Vater deiner Kinder würde wohl nicht im Traum daran denken, eine Gelegenheit für diese Kinder mit dir zu üben, kurzfristig wegen fadenscheiniger Gründe abzusagen. Das sind ganz einfach Menschen, die offensichtlich keinen Platz in deinem Leben finden werden – und zwar, weil sie keinen Platz für dich in ihrem machen.

Das sind Menschen, die offensichtlich keinen Platz in deinem Leben finden werden – und zwar, weil sie keinen Platz für dich in ihrem machen.

Wir müssen viel öfter den Spieß umdrehen. Warum sollten wir denn jemanden wollen, der nicht den minimalsten Aufwand unternehmen möchte, um Zeit mit uns zu verbringen? Um mit uns zu kommunizieren? Und um mit uns gemeinsame Visionen davon zu entwerfen, was mal sein könnte?

Mit dieser Denkweise können wir uns dann auch direkt das ganze Selbstmitleid à la „Er wollte mich einfach nicht“ oder „Ich war nicht gut genug“ sparen. Denn, es ist genau andersrum: Wir wollten ihn nicht. Er war nicht gut genug.

Und dann nehmen wir das Staubtuch und bringen unseren Bilderrahmen auf Hochglanz. Sodass die Standards unseres Herzens so sehr glänzen, dass wir ihr Strahlen das nächste Mal nicht mehr übersehen können.

Headerfoto: Joanna Nix via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

MADAME FOX schreibt Geschichten aus dem Leben, mal traurig, mal lustig, aber immer echt. Mehr von ihr könnt Ihr auf ihrem Blog lesen.

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