Ich bin demisexuell und das nervt

Disclaimer: Die Perspektive unserer Autorin ist eine mögliche Perspektive auf Demisexualität, die aber nicht repräsentativ für alle Perspektiven steht. Sexualität ist ein Spektrum und wird von jedem Mensch unterschiedlich (stark) wahrgenommen.
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Neulich Nacht, unterwegs im Internet, auf geheimer Mission impossible, stieß ich in fernen Weiten auf unbekannte Seiten und dort auf dieses Wort.

Demisexuell.

Das klingt gut, fand ich. Irgendwie cool. Irgendwie mondän. Wie kam ich auf mondän? Na, weil ich bei demi sofort an dèmi-monde dachte, die Halbwelt, der ich mich ja gerne zurechne. Warum? Weil ich ein Nachtmensch bin, also eine Mondsüchtige, also eine Mondäne.

Ich weiß jetzt, was ich vorher noch nicht wusste: Ich bin demisexuell.

Jedenfalls sehe ich mich gern so, in romantischer Selbstverklärung und deswegen habe ich das Wort gegoogelt, vermute ich, und daher weiß ich jetzt, was ich vorher noch nicht wusste: Ich bin demisexuell. Demisexuell.

Das erklärt einiges.

Was bedeutet Demisexualität?

Anm. d. Red.: Wer sich als demisexuell identifiziert, empfindet nur sexuelle Anziehung zu Menschen, mit denen bereits eine emotionale Beziehung besteht. Demisexualität befindet sich daher auf dem Spektrum zwischen Asexualität und Allosexualität.

Was bedeutet es, demisexuell zu sein?

Wir Demisexuellen können nur mit Leuten schlafen, zu denen wir emotionale Beziehungen haben. Wir haben sogar unsere eigene Pride Flag. Das heißt, ich bin ab jetzt, also seit dieser Entdeckung, sogar Teil der LGBTIQIA+ – Community, also Teil einer Randgruppe. Und als solcher ab jetzt offiziell diskriminierbar. Beziehungsweise offiziell dazu berechtigt, mich diskriminiert fühlen zu dürfen. Was aber eher nicht passieren wird.

Ich bin ab jetzt sogar Teil der LGBTQIA+ – Community. 

Demisexuelle gehören, entgegen meiner ursprünglichen Assoziation, eher weniger zur démi- monde. Im Gegenteil. Demisexualität ist Halb- Sexualität. Ist gar dem Spektrum der Asexuellen zuzurechnen. Ich! Dem Spektrum der Asexuellen zurechenbar. Wer hätte das gedacht? Demisexualität ist anständig, löblich, wünschenswert. Sex: Nur in Verbindung mit Gefühl. Nicht mit irgendeinem Gefühl. Nur mit dem höchsten der Gefühle natürlich.

Wenn es Demisexualität gibt, muss es auch Vollsexualität geben

Gerade bei Frauen gilt die demisexuelle Heterosexualität seit Jahrhunderten als Ideal und Standard. Oder? Ganz im Gegensatz, zu der an dieser Stelle, von mir als Begriff eingeführten “Pleinsexualität”, -also der Vollsexualität. Welche ja wegen der Existenz der Demisexualität, logischerweise existieren muss.

Vollsexuelle sind demnach fähig, sich sexuell von anderen Personen angezogen fühlen, unabhängig davon, ob sie zu diesen emotionale Bindungen empfinden.

Voll-, also Pleinsexuelle, sind demnach fähig, sich sexuell von anderen Personen angezogen zu fühlen, unabhängig davon, ob sie zu diesen emotionale Bindungen oder gar Liebe, empfinden, oder nicht.

Die Vollsexuellen haben es im Leben leichter, sollte man meinen, jedenfalls was ihre Chancen, zur Befriedigung ihres Sexualtriebes angeht. Weil für diese, bei ausreichender Durchschnittsattraktivität potentiell viel mehr Sexualpartner in Frage kommen, als für Demisexuelle. Wohingegen die Demisexuellen (ich) auf Sex verzichten müssen, wenn sie nicht verliebt sind. Was total nervt.

Ich will total viel Sex haben – aber nicht mit irgendwem

Um es klarer auszudrücken: Ich will natürlich unbedingt total viel Sex haben, aber nicht mit irgendwem und nicht einmal mit irgendwem eigentlich ganz okayen, „nur für Sex komplett ausreichenden, nicht weiter Wichtigen“.

Weil ich eben demi- also halbsexuell bin, also ich nicht sexuell genug bin, um auf jemanden heiß zu sein, in den ich nicht verknallt bin, egal, wie heiß ich auf die Sache an sich sein mag.

Ich bin nicht sexuell genug, um auf jemanden heiß zu sein, in den ich nicht verknallt bin. 

Ich weiß es, denn ich habe es natürlich oft genug versucht. Warum ich es versucht habe? Weil ich ja Sex haben wollte, auch als Single. Aber die Phase ist vorbei. Es klappt nicht und interessiert mich nicht und es bringt mir nichts und ich steh nicht drauf und ich habe da keine Lust drauf. Was bedauerlich ist und, wie gesagt, nervt.

Demisexuell sein nervt 

Es ist so, als ob man in einer fremden Stadt unterwegs ist und riesigen Hunger hat, aber man kann sich eben nicht einfach in ein nettes kleines Restaurant setzen und sich auf der Speisekarte etwas Appetitliches aussuchen. Erst recht kann man sich keinen Döner holen, oder zu McDonalds gehen, oder wenigstens eine Packung Haferkekse von Rossmann hinunterschlingen.

Nein! Trotz riesigem Hunger können einen nur Pfirsiche aus einem norwegischen Gewächshaus sättigen und zwar nur rot-gelbe, um Mitternacht bei Vollmond im August geerntete. Und die nur mit Kefir aus meinem eigenen Kühlschrank.

Aber der Kühlschrank ist kaputt und ich bin weit weg zu Hause und ich habe kein Zuhause.

Ich bin mittlerweile viel zu wählerisch, um mich einfach ständig Hals über Kopf zu verlieben.

Denn ich bin mittlerweile viel zu wählerisch, um mich wenigstens einfach ständig Hals über Kopf zu verlieben, wie damals vor tausend Jahren… Früher konnte ich mich kaum entscheiden, zwischen all den vielen jungen und süßen Typen und jetzt will ich von Alten und Sauren nichts mehr wissen. Und umgekehrt… Demisexuell sein. Ja, es nervt.

Es ist, als wäre man am Verdursten, obwohl man im strömenden Regen an einem kristallklaren Bergbach sitzt, an einem Brunnen, neben einer Pumpe, umzingelt von tropfenden Wasserhähnen und Mineralwasserkästen. Aber das Einzige, was den Durst stillen kann, wäre Champagner und zwar nur Dom Pérignon und von dem auch nur ein ganz bestimmter Jahrgang.

Vollsexuelle haben es auch nicht leicht

Demisexuell sein ist ein schweres Schicksal und eine harte Bürde. Die Pleinsexuellen, also die Vollsexuellen haben es ebenfalls nicht leicht. Zwar könnten sie ihren Hunger an jeder beliebigen Straßenecke an jedem beliebigen Ort, mit Chips, Gummibärchen, Lakritze, Keksen, Hamburgern, Cheeseburgern, Pommes, Frozen Joghurt oder Bubbletea stillen. Sich jederzeit, kaum hat man sich mal kurz umgedreht, irgendwas reinstopfen, wo sie auch gehen und stehen. Und gleichzeitig Stammgäste in mehreren netten Restaurants mit appetitlicher Speisekarte sein.

Aber sie werden dafür, sowohl von der Allgemeinheit, als auch von enttäuschten demisexuellen Sexualpartner:innen, seit Jahrhunderten standardmäßig diskriminiert und herabgewürdigt.

MIR ist es NICHT egal, mit wem ich schlafe! 

“MIR ist es NICHT egal, mit wem ich schlafe!”, schleuderte ich entgegen. Tief war die Verletzung, hoch die Moral. Und die emotionale Bindung? Zerstört. Oh nein, da war kein Champagner mehr. Nur noch Flasche. Das muss aufhören.

Umpolung funktioniert nicht 

Auch Homosexualität galt lange Zeit als schädlich, unmoralisch und unsittlich. Also sollte man auch die tatsächliche, oder aufgrund krankhafter Eifersucht, vermutete Promiskuitivität seines Partners, nicht mehr moralisch bewerten, oder gar abwerten wollen. Weil im Fall der Fälle davon auszugehen ist, dass es sich um einen Pleinsexuellen, (von französisch: plein- voll) also einen “Vollsexuellen” handelt. Der, aufgrund der Abwertung seiner Sexualität, dann eben von Pleinophobie betroffen wird.

Die Wissenschaft geht mittlerweile davon aus, dass homo-, bi-, heterosexuelle usw. usf. Orientierungen, mehr oder weniger angeboren sind. Demzufolge ist es nicht möglich, Homosexuelle “umzupolen”, wie es in finsteren Zeiten versucht wurde. Ich vermute daher, ebenso wenig ist es möglich, Demisexuelle zu promisken Hallodris umzupolen und umgekehrt.

Es ist nicht möglich, Demisexuelle zu promisken Hallodris umzupolen und umgekehrt. 

Ich habe im letzten Satz ganz bewusst den für Pleinsexuelle herabsetzenden Begriff “Hallodri” verwendet. (Weibliche Pleinsexuelle werden hingegen als “Schlampen” bezeichnet.) Der Herabwürdigung und Diskriminierung der Pleinsexuellen ist jedoch unbedingt entgegenzutreten.

Niemand sollte mehr sagen: “Der Mistkerl hat mich betrogen. Wie konnte er nur? Ich hasse ihn. Es ist aus!” Sondern: “Sabine hat sich als vollsexuell geoutet. Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll.”

 

Den kompletten Text findet ihr auf Ruths Blog unter dem Titel “Demisexuelle sucht Dom Pérignon”.

Headerfoto: Yaruslav Shuraev (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

RUTH HERZBERG ist Autorin aus Berlin. Manchmal zeichnet sie auch. Webseite: frauruth.de und Facebook-Fanpage: www.facebook.com/FrauRueth. Jeden Mittwoch findet man sie zusammen mit Jacinta Nandi und Clint Lukas ab dem 21.08. bei Schuld und Bühne in der Kohlenquelle in der Kopenhagener Straße. Die Live-Talks gibt es hier als Podcast hier. // Autorinnenfoto: Hannah Herzberg.

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