Heute tut’s weh und morgen wachs ich daran – mein Freund, der Schmerz

Vom Leben gebeutelt. Allein gelassen. Nicht erfolgreich gewesen, Ziel nicht erreicht. Schon wieder nicht. Herz gebrochen, wahrscheinlich müssen wir uns trennen. Meine Eltern werden mich nie verstehen. Wann werde ich mir endlich keine Sorgen mehr um Geld machen müssen? Ich wünschte, ich könnte. Oh mann. Wir leben, wir leiden. Und das finde ich fantastisch – neuerdings.

Hauptsächlich danke ich dafür dieser fiesen Depression Ende Zwanzig. Sie hat mich nicht nur freundlicherweise ein knappes Jahr aus dem alltäglichen Leben katapultiert und mir somit die damals notwendige Zeit für mich geschenkt, sondern mir gefühlt auch alle Lebensweisheiten vermittelt, die sich mir seitdem offenbart haben.

Es geschah so magisch und überraschend, wie wir es sonst nur von David Copperfield kennen.

Es geschah so magisch und überraschend, wie wir es sonst nur von David Copperfield kennen. Mit einem »Zack« riss mir das Leben den Boden unter den Füßen weg und ich musste mich entscheiden: fallen oder fliegen? Ich nahm Tor zwei und seien wir mal ehrlich: Als Muggel ohne Zaubertricks hieß das in aller erster Linie: Lernen. Das alte Konstrukt von mir hatte mich gegen die Wand gefahren. Zeit für ein Upgrade und zwar allerhöchste Eisenbahn.

Zurück also zu der absurden Idee, das Leid zu glorifizieren. Jeder emotionale Schmerz ist ein Alarmsignal und tut auch genauso weh wie die Sirene vom Krankenwagen, wenn dieser direkt neben unserem Ohr vorbei rauscht. Es sind unfassbar unangenehme Gefühle. Wir sind traurig, enttäuscht, einsam, verloren, hoffnungslos, die größten Loser. Und das manchmal monatelang. Darin jetzt etwas Gutes zu sehen, fällt schwer, aber es ist nicht unmöglich. Dass ich jetzt im Februar 2019 an diesem Punkt in meinem Leben stehe, verdanke ich hauptsächlich dieser Einsicht.

Für mich sind emotionale Schmerzen mittlerweile Möglichkeiten.

Für mich sind emotionale Schmerzen mittlerweile Möglichkeiten. In keinem Fall fühlen sie sich deswegen auch nur eine Spur weniger schlimm an, aber sie bekommen eine andere Bedeutung – und zwar eine positive. Das wiederum gibt mir eine Perspektive. Eines der wichtigsten Dinge, die wir brauchen, wenn wir am Boden liegen. Die Aussicht darauf, dass es wieder besser wird.

„Lieg mit dem Staub in der Ecke, in meinem Bett um die Wette.“

Bleiben wir mal bei der verkehrten Welt und zäumen das Pferd von der anderen Seite auf – der positiven. Man könnte also sagen, dass der emotionale Schmerz das Ende von dem ist, was passiert ist, aber auch der Anfang von etwas Neuem. Und – wenn wir es in die Hand nehmen – von etwas Besserem. Etwas, das uns nicht wieder zu so einem Schmerz führt. Das zumindest zeigt meine Erfahrung.

Die miserable Emotion ist also der Peak der Katastrophe und mit unserem Willen auch der Turning Point. Darin liegt definitiv der Knackpunkt. Wir müssen daraus etwas machen wollen. Leiden und warten, sich dramatisch seinem Gefühlselend hingeben, bringt leider keine Besserung.

Ich sage nicht, dass wir sofort die Beine in die Hand nehmen müssen, wenn es uns wie ein Blitz trifft, aber irgendwann. Spätestens dann, wenn unser Leben immer dunkler wird. Erschöpfung, Angstzustände, Pessimismus, Argwohn, Neurosen.

Wenn das Leben blass und seine Augenringe immer schwärzer werden. Und wenn wir immer wieder bei dem gleichen emotionalen Schmerz landen. Believe it or not – für mich ist das ein klares Zeichen. Um nicht zu sagen, fast schon eine Aufforderung!

Der Mensch ist eben blöderweise so gestrickt, dass er im Leid besser lernt, als wenn er glücklich ist.

Der Mensch ist eben blöderweise so gestrickt, dass er im Leid besser lernt, als wenn er glücklich ist. Das mag zum Einen daran liegen, dass wir am Glück gern festhalten und dementsprechend am liebsten auch die Luft und die Zeit anhalten wollen, damit sich bloß nichts verändert. Zum Anderen, dass wir in diesem Zustand einfach bereiter sind, etwas zu verändern, weil wir dem Elend entkommen wollen.

Sogar Dinge, an denen wir vorher sehr gehangen haben. Auch, wenn wir sie nicht bewusst auf dem Schirm haben, wir alle haben Leidenschaften, Hobbys und emotionale Muster, die nicht unbedingt zu unserem Wohl beitragen.

Emotionale Schmerzen sind somit unsere ehrlichsten Ratgeber. Sie weisen uns darauf hin, dass etwas nicht gut ist. Und weil sie so zwicken, sind sie der deutlichste Hinweis, den wir bekommen können. Es liegt an uns, ihn als solchen anzunehmen, uns die Augen öffnen zu lassen und noch mal genauer hinzuschauen. So etwas braucht Zeit, aber es ist eine Win-Win-Win-Situation. Wir werden da raus kommen. Wir werden daran wachsen. Wir werden dahin nie wieder zurückkommen.

„In meinen rauen Phasen, frag ich die Raufasern, was sie zu sagen haben, ich schreib alles auf und verdau besser. Ey, es gibt kein Problem, ich sammle gerne Trophäen. Will mehr als erwachsen werden, will erwachen und stell mich dem Unangenehm’“

Auch Nietzsche wusste schon: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.

Auch Nietzsche wusste schon: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Soweit, so gut. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass Stärke mit Verdruss und ich-baue-mir-eine-emotionale-Wand-dann-kann-mir-nie-wieder-jemand-etwas-anhaben verwechselt wird.

Ich glaube nicht, dass es das Ziel ist, nach, zum Beispiel, mehreren gescheiterten Beziehungen oder Heartbreaks aufzugeben, sich emotional nicht mehr einzulassen, oberflächlich und ausschließlich körperlich zu werden, nicht mehr lieben zu können oder sich selbst als nicht liebenswürdig oder beziehungsunfähig hinzustellen.

Ich glaube nicht, dass emotionale Schmerzen den Sinn haben, uns zu Zombies zu machen. Im Gegenteil – ich glaube, wir können dadurch noch viel lebendiger werden. Alles andere wäre doch auch aufgeben – oder?

In Danke, dass du wieder gegangen bist erzähle ich von dem schlimmsten Heartbreak meines Lebens und wie er mich zu einer viel größeren Liebe geführt hat – zu mir. Zu der Einsicht, dass Selbstliebe der Anfang von einem guten Leben ist. Dass sie mir die Kraft gibt, jeden Sturm zu überstehen und überhaupt erst die Kapazitäten gibt, auch für andere mit ganzem Herzen da sein zu können.

All dieses Wissen, von dem man zwar überall lesen, es aber nicht verstehen kann, bis man es selbst erlebt hat, hat mir emotionale Schmerzen geschenkt.

Dass sie mir den Mut gibt, für mich einzustehen, um meinen Weg gehen zu können, egal, wie absurd er für andere klingt. All dieses Wissen, von dem man zwar überall lesen, es aber nicht verstehen kann, bis man es selbst erlebt hat, hat mir emotionale Schmerzen geschenkt. Und jetzt soll noch mal einer kommen und sagen, dass schlechte Tage nicht auch gute Tage sein können.

Am Ende ist es eine Aufwärtsspirale, die mich immer optimistischer macht. Durch meine emotionalen Abgründe bekomme ich neue Erkenntnisse und ein immer besseres Leben. Das sind richtig gute Erfahrungen. Sie geben mir Kraft, in jeder schlimmen Situation immer wieder das Gute zu suchen.

Das Schöne ist, dass man es auch immer findet, wenn man sich darauf fokussiert. Je öfter man das macht, desto leichter wird es. Leider genauso andersherum bei den Pessimisten. Sie finden in allem Guten das Schlechte. Jetzt noch mal die Frage: fallen oder fliegen?

Headerfoto: Karlie Apriori fotografiert von Alexandra Lehti.

KARLIE APRIORI ist Singer/Songwriterin und Autorin. Bei einem Heartbreak empfiehlt sie: Sei traurig, nimm dir Zeit für dich, lass los, verlieb dich in dich selbst und dann verlieb dich neu. Die Themen „Selbstliebe“ und „Der Mut für die Reise zum Glück“ hat ihr das Leben aufgetischt und seitdem möchte sie der Welt davon erzählen.

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