„Hast du Kapazität, mir zuzuhören?“ – Warum Konsens über Sex hinausgehen sollte

Erst seit einigen Jahren führen wir, besonders in feministischen Kreisen, lang benötigte Debatten über Konsens. Mit Konsens meinen wir die Zustimmung unseres Gegenübers zu einer Handlung, also zum Beispiel die Einvernehmlichkeit einer Berührung.

Konsens muss geübt werden.

Konsens ist wichtig, finden wir, und Konsens ist leider immer noch nicht selbstverständlich. Deshalb muss Konsens geübt werden, erfragt werden, rückgemeldet werden.

Konsens ist sexy!

Wenn wir über Konsens sprechen, meinen wir meistens Konsens bezüglich einvernehmlichem Sex. Wir lernen zu fragen „Darf ich dich küssen?“ und machen weiter mit „Darf ich dich dort berühren?“. Wir lernen, was unser:e Partner:in (oder Partner:innen) mag und wir lernen, dass eine deutliche Kommunikation beim Sex nicht ab-, sondern antörnend sein kann. Wir lernen, dass es ein gutes Gefühl ist, zu wissen, was unserem Gegenüber gefällt und wir lernen, dass es ziemlich nice sein kann, wenn unser Gegenüber weiß, was uns gefällt. Wir lernen, dass es wichtig ist, über besondere sexuelle Vorlieben oder Kinks zu sprechen und die unserer Partner:innen zu erfragen.

Und vor allem lernen wir, wie wichtig es ist, ein „nein“ zu akzeptieren.

„Darf ich dich umarmen?“

Es gibt viele Gründe, warum Menschen nicht einfach so berührt werden möchten.

So langsam erlangt das Fragen nach Konsens auch dort Wichtigkeit, wo es nicht um sexuelle körperliche Handlungen geht: „Darf ich dich umarmen?“, „Möchtest du festgehalten werden?“ oder „Ist es für dich okay, wenn ich deine Hand halte?“, sind Fragen, die wir vor allem dann stellen können, wenn bestimmte Situationen es erfordern oder wenn es um Menschen geht, die wir nicht sehr gut kennen und/oder nicht so richtig einschätzen können. Oder wenn wir uns gerade zufällig in einer Pandemie befinden, die körperlichen Abstand erforderlich macht! Es gibt viele Gründe dafür, warum Menschen nicht einfach so berührt werden möchten und warum es sehr wichtig ist, persönliche Räume und Grenzen zu erfragen und zu respektieren.

Konsens weiterdenken

Ich möchte Konsens gerne noch einen Schritt weiterdenken. Denn wir können nicht nur körperlich in den Personal Space, den Raum anderer, eindringen, sondern auch verbal, durch das, was wir sagen und vor allem dadurch, wie viel wir wann sagen.

Es ist wichtig, zu reflektieren, wie viel Raum ich einnehme.

Ich bin ein sehr lauter, leidenschaftlicher und impulsiver Mensch. Lange war mir nicht bewusst, dass diese Leidenschaft zwar mitreißend, aber nicht immer angemessen ist. Dass es wichtig ist, zu reflektieren, wie viel Raum ich einnehme und wem ich vielleicht sogar Raum wegnehme. Und dass nicht jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt in der Verfassung ist, mir zuzuhören und auf mich zu reagieren. Und das hat mich erkennen lassen, wie wichtig es ist, auch in der Kommunikation mit anderen nach Konsens zu fragen.

Konsens in der Kommunikation

Konsensuelle Kommunikation kann so aussehen: „Ist es okay, wenn ich dir von xy erzähle?“, „Hast du gerade Kapazität für ein Gespräch über meinen richtig blöden Tag?“ oder auch „Möchtest du mit mir über xy sprechen?“.

Wir können nicht davon ausgehen, dass jeder Mensch zu jeder Zeit die Kapazität hat, mit uns zu sprechen.

Das mag sehr ungewohnt klingen, ist aber ein sehr wertschätzender Akt. Denn wir können nicht davon ausgehen, dass jeder Mensch in jeder Situation die zeitliche oder emotionale Kapazität hat, mit uns zu sprechen. Wenn ich gerade keine Kapazitäten habe, lerne ich zu sagen: „Du, ich bin gerade super fertig von der Arbeit, können wir in einer Stunde nochmal sprechen? Dann kann und möchte ich ganz für dich da sein.“ Ich finde das deutlich wertschätzender als ein Gespräch zwischen Tür und Angel, bei dem ich meinem Gegenüber nicht die Aufmerksamkeit schenken kann, die sie:er verdient. Dass gute Kommunikation Arbeit und Übung erfordert, wissen wir aber alle – und auch ich übe noch!

Einmal „ja“ ist nicht immer „ja“

Schön und gut, denkst du dir vielleicht, aber das ist ja irgendwie alles eh klar. Warum ist es trotzdem wichtig, dass wir immer wieder über Konsens in all seinen Formen sprechen? Weil einmal „ja“ nicht automatisch immer „ja“ bedeutet. Weil es deshalb super wichtig ist, Konsens immer wieder aufs Neue zu erfragen, besonders da, wo wir uns nicht sicher sind. So etwas wie „zu oft fragen“ gibt es nicht – und das nicht nur beim Sex.

Es ist wichtig, Konsens immer wieder aufs Neue zu erfragen.

Headerfoto: cottonbro (Kategorie-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Amelie Fischer (sie/ihr) sieht das Politische in den ganz großen und den ganz kleinen Dingen. Sie spricht und schreibt am liebsten über globale Ungerechtigkeiten, Machtstrukturen, intersektionalen Feminismus und die Liebe, immer die Liebe. Um ein wenig Leichtigkeit in den Weltschmerz zu bringen, den sie oft fühlt, liest sie für ihr Leben gerne Romance Novels. Aber nur zu Forschungszwecken, versteht sich! Denn auch die Liebe ist höchstpolitisch. Mehr von Amelie gibt es auf Instagram.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.