Gestrandete Seelen – über das jahrelange Reisen und das Nie-Ankommen-Können

„Ich bin seit 10 Jahren hier“, sagt er und nippt an seinem Bier. „Wie kommt’s?“, frage ich mit einem Lächeln. „Ich weiß nicht. Ich war reisen und bin hier irgendwie steckengeblieben. Und nun sind es 10 Jahre.“ Er lacht und schaut verlegen in die Weite.

Man sah ihm die 10 Jahre durchaus am Körper an. Er war sowohl gealtert als auch jung geblieben. Braun gebrannt, aber voller sichtbarer Narben. Jede Narbe eine eigene Geschichte. Jede Geschichte mit ihren unverheilten Wunden. Er wollte jünger wirken als er war. Stärker als er je sein würde.

Ich meine, zu Hause würde ich einen 9-to-5-Job haben, mein Geld verdienen und dann auch nur mit Kumpels rumhängen, die auch nur einen 9-to-5-Job haben.

Wir schweigen kurz. Mein Blick folgte seinem und wanderte über den Strand. Ich verlor mich in der Tiefe.

„Ich meine, zu Hause würde ich einen 9-to-5-Job haben, mein Geld verdienen und dann auch nur mit Kumpels rumhängen, die auch nur einen 9-to-5-Job haben und abends in der Kneipe würden wir uns dann vermutlich auch nur über unseren 9-to-5-Job unterhalten.“ Voller Erwartung schaut er zu mir.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ist das Leben zu Hause wirklich denn so trist, denke ich mir nur. Und als ob er in mich hinein sehen könnte, antwortet er: „Es ist doch besser hier, als in der Kälte zu Hause.“ Er lacht wieder. Dieses Mal ist es ein deutlich lauteres Lachen. Das stimmt, denke ich wieder. „Und danach?“

Ich weiß, wann der Traum enden würde. Nach genau 30 Tagen, ich habe mein Rückticket. Das Ticket zurück in die Realität.

„Muss es ein Danach geben?“ Nein, muss es nicht. Klar. Wir schweigen wieder. Ich fühle mich seltsam. So als hätte ich etwas Falsches gefragt. So, als wäre es unangemessen von mir, an die Zukunft zu denken.

Ein paar Tage später stelle ich fest, dass ich die Einzige bin, für die es nach ein paar Wochen zurück nach Hause geht. Für alle anderen zieht es sich für etliche Monate oder Jahre fort.

Es sind immer dieselben Fragen: Wo kommst du her? Wo reist du hin? Wann geht es zurück? Und so antworte ich geduldig. Unzählige Male. Es ist, als ob sie mich fragen: Wie lange wirst du noch träumen? Wann wirst du aufwachen?

Tattoos bedecken ihren ganzen Körper. Wie Souvenirs sammelte sie sie aus jedem Land. Andenken an das Paradies. Fetzen von unverwirklichten Träumen.

Ich weiß, wann der Traum enden würde. Nach genau 30 Tagen, ich habe mein Rückticket. Das Ticket zurück in die Realität. Als der Tag immer näher rückt, sehe ich ihre mitleidigen Blicke.

„Nur noch 2 Tage?“. Eine Frau schaut mich mit aufgerissen Augen an. Ich lächle. „Wow, ich könnte das nicht. Das wäre so seltsam zu Hause.“ Sie zündet sich ihre Zigarette an und schmeißt die Packung auf den Tisch.

„Ich war seit Jahren nicht mehr dort. Ich weiß gar nicht, ob ich alle überhaupt wiedererkennen würde.“
„Du hast kein Heimweh, nehme ich an?“ Eigentlich nur eine rhetorische Frage, aber etwas Besseres fiel mir nicht ein. „Heimweh? Um Gottes Willen, ich bin froh, dass ich da weg bin und niemanden mehr sehen muss.“ Und als ob sie das nochmals unterstreichen müsste, sagt sie: „Um Gottes Willen.“

Dieses Mal sage ich nichts. Sie ist auch braun gebrannt, fast schon zu dunkel. Tattoos bedecken ihren ganzen Körper. Die Farbe war bei vielen schon fast weggeblichen, einige waren noch ganz frisch. Wie Souvenirs sammelte sie sie aus jedem Land. Andenken an das Paradies. Fetzen von unverwirklichten Träumen.

Sie lebten in einem Traum. Mag sein, dass es ein schöner Traum war. Aber alle schönen, langen Träume müssen irgendwann ein Ende finden, sonst verlieren sie ihre Magie.

Sie beide wollten nicht aufwachen. Sie dachten, sie würden so leicht reisen, dabei trugen sie die Altlasten die ganze Zeit mit sich. Ich wusste nicht, warum beide nicht zurück wollten. Warum der eine so panische Angst vor einem “9-to-5-Job” hatte und sich auf diese Weise seine Zukunft ausmalte.

Und ich wusste auch nicht, warum sie ihr Zuhause nicht vermissten. Ich wusste jedoch, dass sie davonliefen. Vor der Wahrheit und vor sich selbst. Sie lebten in einem Traum. Sie haben sich einen idealen Raum geschaffen, um nicht mehr an ihre Altlasten zudenken. Und mag sein, dass es ein schöner Traum war und ein ziemlich langer sogar. Aber alle schönen, langen Träume müssen irgendwann ein Ende finden, sonst verlieren sie ihre Magie.

Momente werden erst besonders, wenn wir fühlen, dass sie nicht mehr reproduzierbar sind. Vermutlich werden die beiden lange dort bleiben, wenn nicht sogar für immer. Sie werden in andere Träume fliehen, auf ein anderes Paradies zurückgreifen.

Nur was sie nicht wissen, ist, dass sie überall hin fliehen konnten, nur nicht vor sich selbst.

Headerfoto: Kristopher Roller via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

MARIA a.k.a. MASHA ist Autorin, Kolumnistin und Drehbuchautorin. Berlin liebt und genießt sie in vollen Zügen. Manchmal aber, überkommt sie dann doch das Fernweh und dann kommt sie auf verrückte Ideen, wie in Mexiko couch zu surfen oder alleine im Dschungel rumzuwandern. Why not? Wenn sie dann allen Müttern dieser Welt reichlich einen Herzinfarkt beschert hat, ist sie sonst ganz vernünftig schreibt für Neon, mit Vergnügen oder Refinery 29 oder arbeitet bei Filmproduktionen mit u.a für Constantin Film. Mit ihrem Freund zusammen hat sie ein Herzensprojekt realisiert und ein Deutsch/Englisches Online Magazin Literaa Poetry gegründet. Ganz nach dem Motto: Geschichten mit Herz und Tiefgang.

1 Comment

  • Auch ich reise viel und teilweise mehrere Wochen am Stück. Und auch ich treffe diese Seelen, bei denen ich spüre oder von denen ich erfahre, dass sie vor etwas flüchten.
    Aber es gibt auch die anderen – so wie mich. Diejenigen, die erst beim Reisen und Entdecken wieder bei sich selbst ankommen, sich spüren und erfahren, was sie wirklich wollen.
    Vor ein paar Wochen sind mir diese Zeilen dazu zugeflogen:
    https://someoneslife.de/blog/die-reisende

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