Ewige Sexualisierung, hängende Brüste und patriarchalische Strukturen – Warum ich Feministin bin

Als ich jung war, war mir nicht bewusst, welch große Feministin in mir schlummern würde. Ich ahnte nichts von dem Missverhältnis zwischen Jungen und Mädchen in meiner Grundschulzeit, wollte aber stets selbst aussehen und mich benehmen wie die Jungs meiner Klasse.

Weite Kleidung, 90er-Jahre-Anglerhut, Jeans in den Kniekehlen. Ich tat mich schwer mit Parfums und noch schwerer mit den stereotypen Verhaltensweisen meiner Geschlechtsgenossinnen. Die stereotypen Verhaltensweisen der Jungs fand ich hingegen anziehend und glaubte jahrelang, es handelte sich dabei um eine Art der Bewunderung.

Tatsächlich war das meine Form der Anpassung. Mein Versuch, mich unterzuordnen, in ihrer Masse mitzuschwimmen und eigene aufkeimende Körpermerkmale zu verstecken, da sie mir lästig waren.

Meine Brüste sind nicht dein Problem 

Denn hatte meine Mutter nicht schon im Schwimmbad unter ihren großen Brüsten gelitten? Nein, nicht unter ihren Brüsten, sondern unter den sie antatschenden Männerhänden in der Reifenrutsche und auch unter den Rufen, als wir Kinder mit ihr zur Bushaltestelle liefen. Der Spott, die Sexualisierung und die Herabsetzung ihres Menschseins, hatte mich zutiefst geprägt und ich wollte mich in weiten Pullis und Hosen vor ähnlichen Erlebnissen schützen.

Hatte meine Mutter nicht schon im Schwimmbad unter ihren großen Brüsten gelitten? Nein, nicht unter ihren Brüsten, unter Spott, Sexualisierung und der Herabsetzung ihres Menschseins.

Meine Mutter konnte mir noch so viel Selbstbewusstsein lehren, denn sie war nie auf den Mund gefallen, schlagfertig und sehr laut, ich blieb lieber androgyn hinter meiner Fassade aus Boyfriendjeans und derben Schuhen zurück. Erst mit der ersten Verliebtheit spürte ich: Sich als Mädchen wie ein Junge zu kleiden führte nicht zu meinem ersten Kuss unter der Tischtennisplatte wie bei den anderen Kids.

Ich blieb also der lustige Kumpeltyp und die Ungeküsste, bis ich mit vierzehn eine Diät machte, meinen Kleiderschrank umkrempelte und meine großen Brüste unters Kinn schnallte. Sie sollten sich mir dabei noch eine ganze Weile als Identitätsproblem erweisen.

Ich blieb der lustige Kumpeltyp und die Ungeküsste, bis ich mit vierzehn eine Diät machte, meinen Kleiderschrank umkrempelte und meine großen Brüste unters Kinn schnallte.

Vor drei Jahren sah ich dann einen Instagrampost junger Frauen, die es leid sind, sich und ihre Brüste, die vermeintlich als hängend bezeichnet wurden, zu verstecken. Sie hielten sie in wunderschönen Kleidern auffällig in die Kamera und strahlten, sahen mal stolz und mal provokant oder wütend in die Linse.

Sie erzählten, dass sie es satt hätten – wie auch ich – nicht von Kopf bis Fuß irgendwelchen Schönheitsidealen zu entsprechen, sie aber insbesondere den westlich patriachalen Strukturen den Mittelfinger zeigen wollen, wenn es doch sonst noch viel zu wenige Frauen täten.

Vermeintliche Gleichberechtigung 

Frauen, egal ob biologischen Geschlechts oder nicht, unterliegen so vielen Vorurteilen, Denkmustern und gesellschaftlichen Normen, dass es schwer wird, diese zu durchbrechen, aber Generation um Generation wird genau dies immer und immer wieder versucht und vorangetrieben – wenn auch Lichtjahre zu spät und noch immer eher kleinstschrittig.

Nun saß ich also da, nickte zustimmend und wollte etwas ändern. Weder war ich bereit, meinen Körper kampflos zur Ware zu machen, zu einer Währung unterteilt in “fickbar”, “unfickbar” oder “belanglos” zum Beispiel, noch war ich bereit, meinen Geist brechen zu lassen, von Menschen, die mir erzählten, welcher mir angeblich vorbestimmte Weg der richtige sei.

In keiner großartig nennenswerten sogenannten westlichen Kultur sind wir auch nur einen Schritt weiter als Menschen aus so offensichtlich patriarchisch geprägten Ländern des Nahen Ostens. Nur schreien unsere Vertreter:innen der Moral und Ethik hierzulande etwas lauter auf, wenn es darum geht, eben jene angeblichen Werte der Frau zu verteidigen, wo sie doch sonst so gerne dabei sind, genau diese mit Füßen zu treten.

Es beginnt ganz klein und unscheinbar, mit vereinzelten Beleidigungen meiner Leidensgenossen und -genossinnen über ihre körperlichen Mängel und Attribute und endet darin, ein bereits so veraltetes Korsett überstülpen zu wollen, dass mir die Rippen schmerzen.

Es beginnt ganz klein und unscheinbar, mit vereinzelten Beleidigungen meiner Leidensgenossen und -genossinnen über ihre körperlichen Mängel und Attribute und endet darin, ein bereits so veraltetes Korsett überstülpen zu wollen, dass mir die Rippen schmerzen.

Für Karriere, gegen Karriere, für Kinder oder dagegen, bessere Bezahlung oder kleinere Rente, gelebte Sexualität oder geliebte Beziehungen – zu jedem Thema gibt es eine noch so fundierte und selbsternannte Expert:innenmeinung, da brennen einem beim Lesen die Augen.

Zarter Hoffnungsschimmer aus Afghanistan

Gestern Abend verfolgte ich mit Spannung Twittermeldungen aus der Welt zu Afghanistan. Mir kullerten die Tränen, als ich all das Leid und die Sorgen in den Worten und Bildern der Menschen las, die sich noch dazu äußern können. Mir brannte es in der Brust, als ich mehrfach feststellen musste, dass wiederholt Frauen und Kinder die Leidtragenden sein werden, da sie so offensichtlich schwach, so offensichtlich körperlich unterlegen zu sein scheinen, dass eine Welle cis-männlicher Gorillas sich über sie erheben wird und sie mit sich in die Tiefe zieht.

Es schauderte mich auch diesmal, dass es hierzulande Kommentare gab, die forderten, die Grenzen zu schließen und fanden, dass Wiederholungen keine Option sei (wir alle wissen, worauf ich anspiele).

Nur ein zarter Hoffnungsschimmer machte sich in mir breit, als ich eine kleine Gruppe von etwa vier oder fünf Frauen mit selbstgeschriebenen Zetteln vor einer Gruppe Talibankämpfer stehen sah, die dazu aufriefen, ihre politischen und sozialen Rechte zu wahren. Wieder waren es die Frauen, die sich verletzlich, offen und mutig vor „die Art von Männern“ warfen und mir die Augen öffneten für das, was noch fehlt, fast überall auf diesem Planeten.

Wieder waren es die Frauen, die sich verletzlich, offen und mutig vor „die Art von Männern“ warfen und mir die Augen öffneten für das was noch fehlt, fast überall auf diesem Planeten.

Auch wenn ich früher nicht wusste, was eine Feministin ist, jetzt weiß ich es. Ich bin es. Ich lebe in einer Welt, in der Frauen und Menschen, die der gesellschaftlichen Norm (welche auch immer das angeblich sein soll) nicht entsprechen, Schaden zufügen, absichtsvoll und mit großer Lust. Die uns unterdrücken, erpressen, unsere vermeintlichen Schwächen ausnutzen und gewaltvoll alles ignorieren, was uns zusteht: Rechte, Schutz, Freiheit und Individualität.

Ich danke diesen Frauen, meiner frechen und lauten Mutter, der Instagrammerin mit vollem Körpereinsatz, den starken Menschen auf der Straße jenseits all meiner Vorstellungskraft und den Menschen, die ich hier nicht erwähnt habe, weil sie noch immer nicht in mein Gesichtsfeld geraten sind. Ihr werdet sichtbar – das verspreche ich euch!

Headerfoto: Stephany Lorena via Pexels. (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

Laurine Lauretta, ein Perpetuum Mobile. Zwischen alleinerziehender Mutterschaft, pädagogischer Arbeit und Frausein, bleibt noch genug Zeit sich viele Gedanken um die Liebe, das Leben und allerlei Unsinn zu machen. Hier in Wort und Text.

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