Es streift ein Jüngling durch die Nacht

Es streift ein Jüngling durch die Nacht,
als ob auf Freiers Füßen,
genau die haben es ihm eingebracht,
auf der Suche nach der besonders Süßen.

Es zieht sich schon so lange hin,
wie die Sterne hoch am Firmament
die Forschung nach der Liebe Sinn,
ein gestand’ner Mann doch ihn schon kennt.

Doch er, er ist ein junges Blut,
obgleich er längst hat verstanden,
die ehrlichen Zuneigungen als hohes Gut,
die vermeintlich ihn mit ihr verbanden.

Um dunkle Ecken bewegt er sich heute,
wovor sonst die Mutter dich warnt,
sich wundernd über sie und allgemein auch die Leute,
deren soziale Mängel das Smartphone längst tarnt.

Die Welt zu vernetzen, das war die Vision,
all der Firmen, die Messengers schufen,
doch entzweit haben sie mit Präzision,
und statt Nähe haben sie Geister gerufen.

In seinem Kopf stellen sie sich der Reihe nach auf,
Geist eins, willkommen, heißt „tiefer Verdruss“,
Geist zwei, „die Nachrichten, die kommen zuhauf“,
Geist drei, „besorgt,-weil-ich-ja-antworten-muss“.

Doch statt aus der Flasche kommen die Geister,
hausgemacht aus der Werkstatt der Zunft,
die Handwerker bildet beim gottgleichen Meister,
dem Vater, Feind aller Zusammenkunft.

Seine Fingernägel krallen sich fest in die Hand,
die Torheit der Menschen ist schwer auszuhalten,
Rückzug von verschleuderter Zeit als Pfand,
Stille als Mittel gegen Zweisamentfalten.

Doch sie ist anders, so schwört er sich ein,
sie lässt nicht nur auf sich warten,
sie sagt klar an, ob nun ja oder nein,
ob sie Zeit hat, um was gemeinsam zu starten.

Darum ist er des Nachts noch auf den Beinen,
an Schlafen wäre ohnehin nicht zu denken,
der Mond, der lacht und scheint ihm zu scheinen,
und zugleich seinen Schritt zum Telefonmast zu lenken.

Die Pfeifen vom Service hatten ihm nichts gesagt,
und hatten ihn hörbar belächelt,
seine Frage nach Netzstörung auf morgen vertagt,
sodass er nun selbst zur Quelle hechelt.

Doch auch dort angekommen, das Telefon still,
nichts regt sich am düsteren Wald,
hoch drohend reckt sich der Mast, der nicht will,
dass ihm warm ums Herz wird, statt kalt.

Ist das die Essenz all unsrer Moderne,
ein eiskaltes Ding in unseren Händen?
Wir waren mal Kinder und sahen von Ferne,
all die Erwachsenen mit ihren Köpfen in Wänden.

Schließlich dreht er sich um, er weiß es nun auch,
das Leben, das spielt nicht auf der Leinwand,
es kommt keine Pointe, wenn man sie brauch‘
und auch kein kaltes Vibrieren in seiner Hand.

Headerfoto: William Fonteneau via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

GOTTFRIED HAUFE schreibt Texte, um sich selbst besser zu verstehen. Klappt manchmal ganz gut. Neben dem Auftritt auf Lesebühnen und in Kombination mit Musik hat er auch den Wurf gewagt, eine Mischung aus Lesung und Theater zu kreieren. Ein Lesestück halt. Für im gegenteil schreibt er die Texte aber gerne noch mal extra auf.

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