All by myself – Ich mache dich zur Prioriät, du lässt mich hängen – Was ich von meiner Enttäuschung lernen möchte

Hier sitze ich also. Mitten in nach Frische duftender Leinenbettwäsche, die ersten Frühblüher in der Vase neben meinem Sofa, ein paar Kerzen knistern, weil sie ein bisschen zu wild brennen, der Tee in meiner Tasse noch lauwarm. Sonntagabend. Eigentlich alles gut.

Aber in meiner Brust tobt es. Wut, viel davon. Und das schlimmste? Es ist Wut auf mich. Darauf, dass ich es nicht schaffe, mir genug zu sein. Darauf, dass ich mich immer auf Menschen verlasse, von denen ich schon im Vorfeld weiß, dass sie mich enttäuschen werden.

Mein Fehler? Ich verlasse mich auf Menschen.

Mein Fehler? Ich verlasse mich auf Menschen. Wenn mir jemand verspricht, mich zu besuchen, dann freue ich mich darauf. Wenn mich jemand fragt, ob wir einen Sonntag miteinander verbringen wollen, halte ich ihn mir frei. Ich plane Unternehmungen, kaufe Lieblingsessen ein, fange an zu kochen, räume die Wohnung auf. Ich plane mit diesen Versprechen und Ankündigungen und passe mein Leben daran an. Weil es um Menschen geht, die mir wichtig sind.

Warum das ein Fehler ist? Ich weiß nicht, ob es ein Problem ist, das häufiger vorkommt oder ob ich einfach ein paar solcher Menschen zufällig in meinem engsten Kreis angesammelt habe, aber ich werde hängengelassen. Regelmäßig. Ich habe schon stundenlang gekocht, Arzttermine verschoben, Urlaubstage genommen, Festivals abgesagt, nur um am Ende alleine in meiner Wohnung zu sitzen und gegen meine Wut und Enttäuschung zu kämpfen.

Wo bleibt der Lerneffekt?

Dass mal etwas dazwischenkommen kann, ist mir durchaus bewusst. Auch fünf Mal. Oder zwanzig. Nein, hier geht es um ein Verhaltensmuster, dass sich so pathologisch wiederholt, dass ich langsam lernen sollte, meine Schlüsse daraus zu ziehen.

Wenn ich bei einem Versprechen oder einer Verabredung schon Magenschmerzen bekomme, weil ich glaube zu wissen, dass sie nicht eingehalten werden – dann stimmt etwas nicht. (Diese Magenschmerzen sind nicht unbegründet, in den meisten Fällen wurde ich tatsächlich hängen gelassen.)

Ich sollte lernen, Prioritäten zu setzen. Denn genau das tun diese Menschen auch. Dieses stehen gelassen werden ist nichts anderes als ein Zeigen davon, dass die Priorität momentan auf anderen Dingen liegt als mir. Was nicht heißt, dass ich ihnen gänzlich egal bin, im Gegenteil, zum Teil bin ich mir sicher, dass ich ihnen auf eine Art wichtig bin.

Gleichgewicht, baby!

Dennoch: Unternehmungen absagen, ganze Sonntage darauf warten, dass sich die Person meldet, Tage oder sogar Wochen freihalten für Verabredungen und Menschen, bei denen ich im Vorfeld schon zu wissen glaube, dass irgendwas schief gehen wird – das ist, platt gesagt, einfach nicht besonders gut. Nicht für die Laune und auch nicht als Verhaltensmuster. Wenn dein Commitment nicht erwidert wird, stimmt irgendwo das Gleichgewicht nicht. Und dieses Gleichgewicht braucht es – egal ob in einer Freundschaft, Affäre oder Beziehung.

Ich möchte so gerne glauben, dass ich für diese Menschen genau so viel Priorität habe wie sie für mich. Aber das ist faktisch eben nicht so. Ich versuche also zu lernen, meinen Wert zu erkennen. Denn genau diesen Wert verliert man, wenn man sich aufgibt, für ein bisschen Zeit mit diesen Menschen. Es gibt genug andere, die verlässlich sind. Das soll nicht heißen, dass diese Menschen aus meinem Leben verschwinden sollen. Ich möchte nur lernen, mich nicht mehr über ihre Aufmerksamkeit zu definieren und mich auf sie zu verlassen. Oder wenn das nicht klappt, wenigstens meine Enttäuschung zu verbalisieren.

Denn diese Art von Enttäuschung brennt besonders unangenehm in den Eingeweiden. Ich möchte sie mir in Zukunft gerne ersparen. Das bin ich mir wert. Oder sollte es jedenfalls sein.

Headerfoto: Stockfoto von Ilya Morozov/Shutterstock. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Julia arbeitet in der Redaktion von im Gegenteil. Sonst tanzt sie gerne, aber nur wenn danach ausgeschlafen werden darf. Und sonst? Viel Kaffee, viel Lyrik, viel Konzerte, viel Zimt, viel Action.

2 Comments

  • Danke für diesen Text!
    Dieses Thema ist bei mir auch sehr aktuell. Was ich frech finde ist, dass solche Menschen einem die Zeit stehlen. Sie wiederholen es und wir geben denen mehrere Chancen es wiedergutzumachen… Aber wenn dann keine Mühe kommt (auch wenn die das sagen) und sie dir nicht wirklich zeigen, dass sie es wirklich wollen dann muss man echt Adieu sagen… Damit geht es mir persönlich viel viel besser!
    Alles Gute!!

  • Ein schöner Beitrag, der etwas traurig macht.
    Mein erster Gedanke.. Wenn sowas öfter bei den gleichen Menschen passiert, musst du ihnen das ganz klar spiegeln, das das so nicht geht! Kein „okay, nicht so schlimm“, sondern eine bestimmende nachdrückliche Rückmeldung. Und ggf. überdenken, für diese Personen weiterhin Zeit zu reservieren.
    Alles Liebe!

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