„Endlich Zeit für mich?“ – Quarantäne-Talk mit Kathrin Weßling, Schriftstellerin und Social Media Expertin

Fast alle sind während dieser Corona-Pandemie zuhause. Verbringen Zeit mit sich. Ich fühle mich, als wäre ich auf einem Spielabend, bei dem ich nicht aufgepasst habe, als die Regeln erklärt wurden. Auf einmal sind alle still, schauen in ihre Spielkarten und man selber ist Teil dieser Stille. Im selben Moment ist man aber dermaßen unruhig, weil man weiß, dass man, wenn diese Stille gleich vorbei sein wird, total aufgeschmissen sein wird – weil man das Spiel nicht versteht. Einfach mitmachen. Aber wie?

Ich fühle mich, als wäre ich auf einem Spielabend, bei dem ich nicht aufgepasst habe, als die Regeln erklärt wurden.

Ich stelle mir vor, was Kathrin Weßling, Schriftstellerin und Social Media Expertin jetzt machen würde, wenn sie an meiner Stelle wäre. Das Alleine-Sein-Müssen macht ein gewisses Verharren fast unumgänglich. Könnte Kathrin Weßling überhaupt so klischee-schriftstellerinnenmäßig am Schreibtisch sitzen?

Dass sie ADHS hat, verschweigt sie nicht – im Gegenteil. Sie macht es publik, bietet dazu Gesprächsstoff und Aufklärungen im Internet, in Interviews und in ihren Büchern. Wie in ihrem kürzlich erschienen Roman Nix Passiert. Ein Buch über einen just verlassenen jungen Erwachsenen Alex, der aus Verzweiflung aus Berlin in die Kleinstadt zieht.

Wenn man jemanden fragen sollte, wie sie die aktuelle Situationen mit sich allein überhaupt aushält, dann ist das Kathrin Weßling.

Neben dem „Boy loses Girl“-Plot knallen dann plötzlich FOMO – Fear of Missing out; Panikattacken und Selbstwertprobleme in die Story. Alles wird erklärt, zeitgeistlich dargestellt und diskutiert. In gewisser Weise Pop-Psychologie. Wenn man jemanden fragen sollte, wie sie die aktuelle Situationen mit sich allein überhaupt aushält, dann ist das Kathrin Weßling. Wie gut, dass sie es uns auch erzählen wollte.

Kathrin, lass uns zuerst über dich und dein Buch Nix passiert reden. Die Romantisierung der Großstadt als absoluten Sehnsuchtsort und einzige Möglichkeit der Kreativität ist in der Literatur weit verbreitet. Die Provinz wird als unbedingt zu verlassender Ort angesehen. Du bist selber in der Provinz aufgewachsen, dann in die Großstadt gezogen. Wie hat sich deine Sehnsucht entwickelt? 

Vor allem durch einen andauernden Zustand des Mangels: Mangel an Menschen, die wie ich sind, Mangel an kulturellen Angeboten, Mangel an Identifikation. Für Menschen wie mich kann es mitunter sehr schwierig sein in einer kleinen Stadt, in der wir oft Randphänomene sind und nirgendwo so richtig dazugehören.

Alex, der Held deines Romans, wird ziemlich auffällig mit zynischen Monologen über die Kleinstadt ausgestattet. Beispielsweise als es um das „normale“ Vortrinken vor einem Dorffest geht. Er sagt, dass man natürlich „nicht nüchtern zum Fest auf dem Fahrrad fahren dürfe“. Diese Zischereien sind aber nur kurz und ebben ins Leere, spitzen sich nicht zu und werden später gar nicht mehr aufgegriffen – werden also auch nicht ätzend. Wieso ist das so?

Weil ich Alex einen Ton gegeben habe, der zwar spitz und sarkastisch ist, aber auch liebevoll auf alles schaut. Ich finde weder die Großstadt einen super Ort noch die Kleinstadt. Beiden fehlen Dinge, die der jeweils andere Ort hat. Wenn man das in eine Stimme, in eine Tonalität übersetzt, dann muss das mitschwingen: Ja, alle und alles bekloppt, aber auch schön, oder?

In einer Szene im Supermarkt will Alex, „der Großstadtjunge“, vielmehr aus Trotz Soja-Joghurt kaufen. Seine Mutter macht ihm klar, dass das „hier echt keiner isst“, sein Bruder, der „daheimgebliebene“ Familienvater, will später einen Trennstrich zwischen Alex‘ Leben und dem der restlichen Familie ziehen. Die Voreingenommenheit zwischen Groß- und Kleinstadt machen oft bzw. gerade nicht in der Familie Halt. Inwieweit hast du selbst die Spannungen zwischen Provinzler*innen und Großstädter*innen gespürt?

Als ich weggezogen bin aus der Kleinstadt, bin ich viele Jahre mit so einer Arroganz zurückgefahren auf Besuch. Ich hab mich für unglaublich cool gehalten, weil ICH ja in der Großstadt lebe. Das habe ich abgelegt. Ich liebe das Kleinstadtleben mittlerweile sehr und beneide meine Familie, die dort lebt, um vieles. Die Spannungen kommen durch gegenseitige Erwartungen:

Oft denken Menschen in der Kleinstadt, dass alle Großstädter sich überlegen fühlen und sagen schon mal schnell vorab „Ja, ich weiß, das hier ist halt Provinz“ – dadurch drängen sie dann Großstädter auch in so eine Rolle. Wenn alle sich entspannen und das Ganze mit Humor und Nachsicht sehen, können alle voneinander profitieren. So einfach ist es. Eigentlich.

Die Großstadt hingegen wird aber in ein immer kritischeres Licht gerückt. Ab der Hälfte des Buches bekommen die Leser*innen quasi bruchstückhaft eine Anamnese des Helden Alex anhand von Erinnerungen, Flashbacks und Vergleichen. Ist die Großstadt, in diesem Beispiel: Berlin, in ihrer derzeitigen Form Öl für das Feuer der neuartigen Stresswellen?

Ich bin ehrlich: Ich hab dazu keine abschließende Diagnose. Ich erlebe aber jetzt, in der Corona-Epidemie, wenn die Stadt viel leerer ist und die Straßen auch, sehr viele, die sagen: „Wow, es ist plötzlich so angenehm in Berlin.“ Das sollte uns schon zu denken geben.

Ich erlebe jetzt, in der Corona-Epidemie, wenn die Stadt viel leerer ist, sehr viele, die sagen: „Wow, es ist plötzlich so angenehm in Berlin.“ Das sollte uns schon zu denken geben.

JOMO – die Joy of Missing out wurde zum Trendwort. Fotos mit „Sorry I’m late – I didn’t want to come“ wurden zu Pullovermotiven. Dieser „Trend“ entstand vor allem im Leben der Großstadt, wo sonst so viel geht. Das Verlachen dessen ist kritisch zu betrachten, natürlich versteckt sich dahinter die immer stärker ansteigende Zahl an psychisch instabilen Jugendlichen und Erwachsenen und das subjektiv empfundene Stressempfinden. Dennoch ist es durch äußere Einflüsse und Vergleiche immer noch schnell mit Scham behaftet, Sachen abzusagen. Wie gehst du damit um, beziehungsweise: Hast du gelernt, damit umzugehen und wenn ja – wie?

Haha, ehrlich gesagt habe ich von JOMO gar nichts mitbekommen. Prinzipiell kann ich nur sagen, dass ich es sehr gut finde, dass Menschen, die nicht ständig super drauf sind, immer funktionieren und immer unterwegs sind, viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekommen und dass auch die Verweigerung des Turbokapitalismus mit all seinem neoliberalen Bullshit wie Selbstoptimierung etc. immer mehr kritisiert und vor allem verneint wird.

Macht es einen Unterschied, wenn dir äußere Umstände, wie zum Beispiel die derzeitigen Maßnahmen zur Eindämmung des Covid-19 Virus, „befehlen“, Dinge abzusagen?

Voll! Zum ersten Mal haben fast alle das Leben, das ich immer habe. Viel zuhause, absolut auf Online-Kontakt angewiesen, Ängste, Sorgen. Ich fühle mich ehrlich gesagt zum ersten Mal seit Jahren nicht so alleine.

FOMO – Fear of Missing Out spielt eine große Rolle in deinem neuen Roman. Kann man sie überhaupt als solche erkennen, wenn man selber davon betroffen ist, oder nur mit genügend Abstand?

Ja, kann man sehr gut erkennen: Es ist ein Bauchgefühl, ein „eigentlich habe ich keine Lust, aber ich fahre da jetzt hin, weil nachher ist das die Party des Jahres und ich war nicht da“-Gefühl. Es endet immer darin, dass man bereut, losgefahren zu sein. Zumindest in 9 von 10 Fällen. Der eine ist dann aber die anderen neun auch nicht wert.

Wie weit ist dein Wille „Dabeisein“ an Emotionen gekoppelt?

Ich würde es nicht mal Willen nennen. Es ist eine einzige Emotion: Angst. Es geht darum, Angst davor zu haben, ausgeschlossen zu sein. Angst vor der eigenen Unwichtigkeit. Angst vor Einsamkeit. Angst, die Lebenszeit zu verpennen. Angst, Angst, Angst.

Eine witzige Stelle im Buch ist die, in der Alex seinen ehemaligen Freund Thomas fragt, ob es für die Dorfparty eine Gästeliste gibt. Alex fragt das mehr oder weniger gelangweilt. Wie kannst du die besonderen und „feurigen“ Momente von dem „ganz normalen Irrsinn“ unterscheiden und vor allem: wertschätzen?

Gar nicht, haha! Das ist ja das Gute: Das ganze Leben ist voller Irrsinn und Quatsch.

Als „Freie“ stellt man sich vor, von überall arbeiten zu können. Das ist nicht wirklich so. Der Hauptteil des kulturellen Lebens findet in der Großstadt statt. Der Stress einer Metropole ist nicht unbedingt förderlich für psychische Genese. Hast du Ausgleichsstrategien?

Ja, gesunde und sehr ungesunde, die ich aber immer weiter abbaue.

Gesunde sind: laufen gehen, gutes Essen kochen, Regelmäßigkeit und vor allem eine Arbeitsbelastung, die für mich gut ist. Nicht jeder kann und muss acht Stunden am Tag arbeiten. Ich zum Beispiel trödle 6 Stunden am Tag rum und mache dann in zwei Stunden das, wofür andere eben den ganzen Tag brauchen. Ich habe deshalb auch diesen Maschinen-Ruf: weil alle wissen, dass ich unheimlich schnell arbeiten kann. Deshalb hasse ich auch so statische Büro-Jobs: Ich will ziel- und leistungsorientiert arbeiten, nicht einfach aus Prinzip acht Stunden absitzen.

Nix passiert skizziert genau meine Ausgangsfrage. Das „Zeit für sich nehmen“ wird im psychologischen Kontext immer bekannter. Der Begriff Selbstfürsorge erlebt seit den letzten Jahren Konjunktur. Wie gehst du damit um, wenn äußere Umstände, wie zum Beispiel die derzeitigen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie, dich dazu bringen, so eine Pause zu vollziehen?

Das Problem für Leute wie mich ist nicht, dass wir zu wenig Zeit mit uns selber haben. Wir haben eher zu viel. Die Herausforderung besteht darin, die Arbeitszeit, die wir alleine mit uns verbringen, klar von der freien Zeit zu trennen. Ich arbeite immer noch daran.

Das Problem für Leute wie mich ist nicht, dass wir zu wenig Zeit mit uns selber haben. Wir haben eher zu viel.

Wie gehst du mit deinem eigenen Selbstbild hinsichtlich Produktivität um?

Ich definiere mich absolut nicht über die Masse an Dingen, die ich mache. Das ist mir wirklich zum Glück scheiß egal. Ich kann auch vier Wochen nichts machen und mich trotzdem gut fühlen. Mir geht es ausschließlich um die Qualität der Dinge, die ich tue.

Ist es an dein Wohlbefinden bzw. deinen Selbstwert gekoppelt?

Nein, wie oben beschrieben: Ich habe mit dem vermeintlichen Nichts-tun absolut keine Probleme.

Wie viel Zeit verbringst du sonst mit dir selbst?

Ich verbringe, wie alle Menschen, vierundzwanzig Stunden am Tag mit mir, mein ganzes Leben lang. Mit mir alleine bin ich auch sehr viel. Eigentlich die meiste Zeit. Super anstrengend, aber man lernt mit der Zeit, sich Pausen von sich selber zu geben durch Ablenkung und Eskapismus. Und Alkohol, haha.

Bist du dir, wenn du Zeit mit dir verbringst, dessen bewusst, dass es gerade nur „Du und Du“ heißt?

Ich habe ADHS, ich bin mir meiner selbst ständig auf tausend Ebenen bewusst. ADHSler haben wenig Möglichkeit, vor sich selber zu fliehen.

Wie weit kannst du es mit dir selber aushalten?

Die Frage stelle ich mir nicht. Nur immer wieder: Finde ich mich selber eine angenehme Gesellschaft und wenn nein, was führt gerade an meinem Verhalten oder den Lebensumständen dazu, dass ich mich so nervig und scheiße finde.

Lebst du nach einer Struktur, die du auch als solche wahrnimmst? Wie kriegst du das hin (Bsp. : Tagesplanung, mit/ohne festen Zeiten etc.)?

Nein, das versuche ich immer wieder. Aber ich merke auch immer wieder: Es ist gar nicht notwendig. Ich kriege Dinge nach meinem Tempo geregelt. So lange das klappt, frühstücke ich halt auch mal abends.

Wie leicht lässt du dich ablenken?

Vier Buchstaben: ADHS.

Wie gehst du mit Ablenkung um? Lenkst du dich ab?

Ich muss wegen meiner ADHS Medikamente nehmen, um arbeiten zu können. Dann bin ich so 6 bis 8 Stunden konzentriert. Wenn sie aufhören zu wirken, muss ich keine Ablenkungen suchen.

Wovon brauchst du am meisten Ablenkung?

Geld. Geldsorgen. Ich hasse es, mich wegen Geld schlecht zu fühlen. Und warte sehr darauf, dass es endlich das Bedingungslose Grundeinkommen gibt.

Danke Kathrin!

In Zeiten der Corona-Pandemie sind viele Menschen dazu angehalten, zu Hause zu bleiben. Das schließt eine gewisse Selbstbeschäftigung nicht aus. Aron Boks interessiert sich dafür, wie andere Menschen das hinkriegen, dieses Alleine-Sein.

Headerfoto: Selbstporträt von Kathrin Weßling (links), Aron Broks (rechts) fotografiert von Jens Passoth. Danke dafür!

ARON BOKS (*1997) ist Autor und Slam Poet aus Berlin. Sein Buch Luft nach Unten erschien 2019 und thematisiert Magersucht, vor allem bei Männern. Er ist Frontmann der Band „Das zappelnde Tanzorchester“ und Klopstock Förderpreisträger für Neue Literatur 2019.

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