Ein Date in Süditalien | Auszug aus “Mein italienischer Vater” von Anika Landsteiner

Das Restaurant lag im Keller einer stillgelegten Ölmühle, in der vor über eintausend Jahren die ersten Oliven gepresst worden waren. Sie fuhr mit der Hand über die Oberfläche des Tisches.
»Das ist einer der Mahlsteine der ehemaligen Pressen. Und hinter mir werden heute die Weine statt der Fässer gelagert. Kannst du es sehen?« Luca deutete auf die Glaswand. Sie nickte. Die Pescheria war ein wahnsinnig schöner Ort.

»Was hältst du von Folgendem? Ich stelle dir eine Frage und dann du mir. So lernen wir uns noch mal neu kennen.«
»Und wenn ich nicht antworten möchte?«, fragte Laura. Lichtflecken tanzten vor ihren Augen, weil die Flamme der Kerze zwischen ihnen flackerte.
»Dann antwortest du nicht. Ganz einfach.«, sagte Luca, lehnte sich zurück und hob seine Arme hoch, die Handflächen ihr zugedreht. Nessun problema.
Sie steckte sich ein Stück Weißbrot in den Mund. »Na gut. Aber ich fange an. Welcher Jahrgang bist du?«
»Das ist ernsthaft deine erste Frage?«

Laura nickte.
»Ich bin vierundzwanzig. Ende September habe ich Geburtstag. Rechne es selbst aus.« Er war ein Jahr älter als ihr Vater gesagt hatte. Ändern würde das natürlich nichts.

»Ich bin dran.«, sagte er, »Warum bist du hier?«

Sie zögerte. Und wusste, dass sie durch ihre Antwort den Moment kaputt machte. »Verstehe. Du willst mich nicht einfach nur kennenlernen, du willst mich ausfragen.«

Luca verdrehte die Augen und sie konnte ihm ansehen, wie er innerlich zu brodeln begann. Wahrscheinlich hätte er sie am liebsten gepackt und geschüttelt und dann angeschrien; stattdessen blieb er ruhig sitzen und wandte den Blick nicht von ihr ab. Es musste ihm irrsinnig schwerfallen, denn soweit sie ihn einschätzen konnte, war Stillsitzen überhaupt nicht sein Ding.

»Nein. Aber wenn es zu persönlich ist, zu sagen, dass du deinen Vater besuchen willst oder du einfach den Gargano schön findest, dann bitte. Tu dir keinen Zwang an, davon hast du sowieso schon zu viele.« Er griff zu seinem Glas und Laura hoffte, dass der Kellner endlich die primi piatti brachte.

»Wenn du nur einmal diese riesige Mauer, die du um dich herumgebaut hast, fallen lassen würdest. Das Leben ist viel zu kurz, um so … so zu sein, wie du bist.«

»Wie bin ich denn?«

Er redete weiter. »Und ich finde dich schön und klug und toll, zumindest die meiste Zeit.«

Sie musste lächeln, doch er blieb ernst. »Wenn du gut drauf bist, dann zeigst du was von dir, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Und wenn du schlecht drauf bist, verschließt du dich. Wovor hast du Angst?«

Sie hatte nicht beabsichtigt, dass der Abend so verlaufen würde. Sie wusste, wie sie nach außen wirkte, obwohl sie es nie wirklich wahrhaben wollte. Dass er es ihr jetzt so unvermittelt nach den paar Wochen, die sie sich erst kannten, vor den Latz knallte, tat weh.

Sie hatte nicht beabsichtigt, dass der Abend so verlaufen würde. Sie wusste, wie sie nach außen wirkte, obwohl sie es nie wirklich wahrhaben wollte.

Der Kellner stellte einen Teller vor ihr ab und erklärte ihr, dass für sie ein Risotto mit Fave zubereitet worden sei. Dünne Parmesanscheiben lagen obenauf und begannen zu schmelzen. Während sich der Kellner mit Luca über sein Gericht unterhielt, überlegte sie, wie sie die anfänglich gute Stimmung wiederherstellen konnte.

»Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht«, knüpfte sie an das Gespräch an, als der Kellner gegangen war. »Wie du vielleicht mitbekommen hast, bin ich seit sehr langer Zeit nicht mehr hier gewesen.« Luca legte sich die Serviette in den Schoß und fing an zu essen.

»Mein Leben in Deutschland ist komplett auseinandergefallen. Ich suche seit Monaten nach irgendwas. Was genau, weiß ich gar nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, ich suche ein ganzes Leben. Ein neues. Ein anderes als meins.« Sie wischte sich über die feuchten Augen. Luca legte seine Hand mit der Innenfläche nach oben auf den Tisch. Laura legte ihre hinein. Da spürte sie etwas von sich abfallen. Ein kleines Stück eines großen Steines, der langsam zu zerfallen begann.

Als der Nachtisch längst gegessen und ihre Gläser leer waren, als sie abgesehen von einem älteren Paar, das sich mit dem Koch unterhielt, allein in der Pescheria saßen, sagte Luca »Lass uns gehen«, stand auf und legte seine Hand auf ihren Rücken, weil sie etwas wackelig auf den Beinen war. Bei dem kurzen Weg durch die engen, verschlungenen Gassen der Altstadt nahm er ihre Hand so selbstverständlich, dass ihr gar nicht einfiel, sich dagegen zu wehren.

Sie kramte in ihrer Handtasche nach dem Zimmerschlüssel. Luca schloss seine Tür auf und ging dann zu ihr. Er nahm Laura die Tasche ab, und nach ein paar Sekunden zog er den Schlüssel heraus, klimperte damit vor ihrem Gesicht und öffnete ihre Tür.

»Du kannst nicht mit reinkommen.«
»Ich weiß.«
»Was weißt du?«, fragte sie und versuchte dabei, ihre Augen offen zu halten. Er wartete einen Moment.

»Du bist betrunken. Gute Nacht.«

Dann ging er in sein Zimmer. Laura stand noch ein paar Augenblicke auf dem Flur. Dann ging sie ebenfalls zu seinem Zimmer und lehnte die Stirn an die geschlossene Tür. Sie konnte hören, wie Schuhe abgestreift wurden, dann ging eine Tür auf, vermutlich die zum Bad, dann war es still. Sie fluchte leise. Zum Klopfen reichte es nicht.

Der Roman Mein italienischer Vater von Anika Landsteiner ist soeben erschienen und online hier erhältlich. Und darum geht’s: Ohne groß nachzudenken, bricht Laura auf nach Süditalien. Ihre Mutter ist gerade gestorben, ihre große Liebe zerbrochen. Jetzt will sie zu ihrem Vater, irgendwo muss es doch auf dieser Welt einen Ankerpunkt geben. Vor Jahren hat sie ihn zum letzten Mal gesehen und mit ihrer Ankunft bringt sie alles durcheinander: Emilio sitzt im Rollstuhl, an seiner Seite Gianna, die ihn schon immer geliebt hat. Das Auftauchen der Tochter könnte ihr Glück zerstören. Schon bald nach ihrer Ankunft in der fremden Heimat stellt Laura fest, dass sie die Wahrheit über ihre deutsch-italienische Familie noch lange nicht kennt.

Headerfoto: Frau am Strand (Stockfoto) via Yuricazac/Shutterstock. (“Bock auf Lesen”-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

ANIKA schreibt und damit könnte man diese Kurzbeschreibung schon abschließen, denn sie sagt selbst von sich, dass ohne das Schreiben kaum etwas von ihr übrig bleibt. Deswegen gibt es ihr erstes Buch ab Mai beim Buchhändler eures Vertrauens oder hier; am zweiten Buch sitzt sie gerade. Wenn sie nicht in München tagsüber Kaffee schlürft und abends Rotwein trinkt, dann reist sie um die Welt und trinkt an wärmeren Orten Kaffee. Oder Wein.

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