Ein brennendes Haus und die Lage der Welt: Sollte ich angesichts der Klimakrise überhaupt noch Kinder bekommen?

Bewegt man sich dieser Tage im WorldWideWeb und hat Accounts abonniert, die sich mit der (Um-)Welt auseinander setzen, dann kommt man kaum um die Notwendigkeit herum, der jungen Umweltaktivistin und Fridays-For-Future-Begründerin Greta Thunberg zuzustimmen: „Our house is on fire.“

Denn wir steuern nicht nur darauf zu, wir befinden uns schon mitten in der Klimakrise. Sie passiert gerade jetzt. Selbst in unserer sicheren Hochburg Zentraleuropa kann man die ersten Auswirkungen bereits spüren. Ein April so warm wie nie und der zweite Notstand wegen Trockenheit und Dürre seit Mitte letzten Jahres.

Aber nicht nur das: Die Gletscher schmelzen, Flora und Fauna sterben, die Ozeane und ihre Bewohner ersticken in Plastik, verschmutzte Luft plagt uns alle und Umweltkatastrophen geschehen, die Millionen von Menschen ihr Zuhause und ihre Zukunft nehmen. Eine düstere Zusammenfassung, I know.

Wie wird das Leben auf diesem Planeten in den kommenden Jahrzehnten aussehen?

Keine Frage, die öffentliche Berichterstattung von Klimabelangen hat sich emotionalisiert. Und das ist wahrscheinlich auch gut so, denn trotz immer gravierenderen wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Erderwärmung und deren Folgen sowie zahlreichen politischen Aktionen, fallen die Reaktionen und Forderungen der Regierungsverantwortlichen in Deutschland und der EU noch verhältnismäßig zaghaft aus.

Es macht mich sehr traurig, manchmal stumpft es mich auch ab, meistens fühle ich mich ohnmächtig. Und unsicher. Wie wird das Leben auf diesem Planeten in den kommenden Jahrzehnten aussehen? Sollte ich überhaupt noch Kinder bekommen? Welche Lebensbedingungen würden diese dann vorfinden? Sicherlich, eine komplexe Frage, die nur jede*r für sich beantworten kann.

Aus einem Umweltbewusstsein heraus betrachtet bedeutet ja ein Kind, jeder weitere Mensch auf dieser Erde, ein Beitrag zur Überbevölkerung und ein weiterer ökologischer Fußabdruck, oder?

Was meine eigenen Überlegungen und Ängste sind, ist für andere zur Lebensphilosophie geworden. Längst gibt es Vereinigungen und Initiativen, die dazu aufrufen, dem Klima zuliebe keine Kinder mehr zu bekommen. Repräsentative Studien unterstützen die Forderungen auf einer wissenschaftlichen Ebene:

Tatsächlich wäre die klimafreundlichste Maßnahme, die man als Erdenbürger*in beitragen könnte, einfach keine Menschen mehr nachzuproduzieren, die noch mehr Ressourcen benötigen und zwangsläufig in den Kreislauf eines CO2-Austauschs und ein Leben in Plastik einsteigen würden.

Eine vielzitierte Meta-Studie des Nachhaltigkeitszentrums der schwedischen Universität Lund hat herausgearbeitet, dass jedes Kind in einem entwickelten Industriestaat, das nicht geboren wird, eine Einsparung von etwa 58,4 Tonnen CO2 pro Jahr bedeutet.  Im Vergleich dazu sind beispielsweise eine konsequent vegane Ernährungsweise (0.8 Tonnen CO2 pro Jahr weniger) und der komplette Verzicht auf ein eigenes Auto (2.4 Tonnen CO2 pro Jahr) weitaus weniger effektiv. (Die extrem hohe Zahl kommt übrigens daher, dass angenommen wird, dass diese Kinder sich wiederum fortpflanzen werden.)

Doch, wie so oft, ist hier nicht rational zu argumentieren, denn die Frage nach einem Kinderwunsch ist etwas sehr Persönliches und Emotionales.

Ökologisch gesehen ist die Antwort meine Frage also klar: Kein Kind ist die beste und nachhaltigste Option und nur eine konsequente Weiterführung ressourcenschonender Bemühungen.

Doch, wie so oft, ist hier nicht rational zu argumentieren, denn die Frage nach einem Kinderwunsch ist etwas sehr Persönliches und Emotionales. Bekomme ich ein Kind und entscheide mich, es aufzuziehen, bedeutet es auch, dass ich die Verantwortung trage. Und so wird es auch zu einer moralischen Frage, ob ich Menschen in eine Welt setzen möchte, die ihnen vielleicht deutlich schlechtere Lebensbedingungen bieten wird.

Kinder kriegen macht mir schon Angst. Es wird ja einem eh nicht leicht gemacht: Kinder bedeuten Stress, kaum Zeit für sich selbst, Karrierepausen und die permanente Angst, es könne irgendwo runterfallen. Aber wenn man es mal geschafft haben sollte, sein Kind durch den Dschungel an Windpocken, Mobbingerlebnissen und Abkömmlingen von Bibis Beauty Palace hindurch manövriert hat, was für eine Welt erwartet es dann?

Online und offline lassen sich tausendfach Artikel finden, die sich mit dem infrastrukturellen Stress beschäftigen, den das Kinderkriegen so mit sich bringt. Nicht nur für das Klima wird gestreikt und demonstriert: Unzureichende pränatale Versorgung (Hebammenmangel!), fehlende Kitaplätze in Großstädten (Erzieher*innen werden zu schlecht bezahlt!), steigende Mieten (knapper Wohnraum!), Generation Praktikum (Altersarmut, hallo!).

Die Schlagwörter lesen sich wie eine Klaviatur an Prophezeiungen, die im Sekundentakt wie am Anfang eines Hollywoodblockbusters vorbei rattern. Nur die Frage ist: Wird es am Ende einen Supermenschen geben, der das ganze Unheil abwendet? Sodass unser Film mit der Abblende auf eine idyllische Vorstadtsiedlung endet, in der alles ein Happyend gefunden hat? Für viele Menschen auf der Welt ist dies schon nicht mehr möglich. Ich weiß.

Nicht nur für das Klima wird gestreikt und demonstriert: Unzureichende pränatale Versorgung, fehlende Kitaplätze in Großstädten, steigende Mieten.

Was wäre ich für ein Mensch, wenn ich meinen eigenen Kindern diese Zukunft zumuten würde? Nur um mir einen Wunsch zu erfüllen? Würde sie ein Leben erwarten mit verschmutzter Luft, Wasserknappheit, unzureichender Versorgung, überbelasteter Infrastruktur, ein Leben knapp überm Existenzminimum? Sollte ich meine Zeit nicht eher Menschen widmen, die bereits leben und Hilfe benötigen?

Wende ich mich an meine Mutter, kann sie mich beruhigen. Sie meint, damals, in meinem Alter, hätten alle mit der ständigen Bedrohung eines Super-GAUs gelebt. Bumm, Batz, der Kalte Krieg entzündet sich und die UdSSR und USA schicken gegenseitig ihre Atombomben los. Was heute längst Geschichtsbuchstoff ist, war für sie eine reale Bedrohung. Trotzdem zuckte man mit den Achseln, nahm seinen Alltag auf und ging die Aufgaben an, die das Leben so mit sich bringt.

Und eines Tages ist es dann einfach so passiert: keine Periode, zwei Striche auf dem Stäbchen und die Gewissheit: Sie ist schwanger geworden. Und hat neun Monate später ein Kind bekommen (that’s me), das ganz ohne Atomkatastrophe aufwachsen konnte.

Wir wissen nicht, was kommt. Wir wissen nicht, was eine richtige Entscheidung bedeutet.

Am Ende bleibt: Wir wissen nicht, was kommt. Wir wissen nicht, was eine richtige Entscheidung bedeutet. Genauso, wie wir auch nicht wissen, ob wir einmal glückliche oder unglückliche Kinder heranziehen würden.

Noch dazu kann ich nicht für alle junge Menschen sprechen. Zum Beispiel nicht für die, denen das Leben andere Ressourcen gegeben haben.

Vielleicht ist es am wichtigsten, nicht zu verzweifeln und auf die Wirksamkeit des Individuums zu bauen, sein Leben ressourcenschonender auszurichten und andere Menschen zu ermutigen, es einem gleich zu tun. Damit noch viel mehr in Zukunft in einer lebenswerten Umwelt wohnen können.

Headerfoto: Stockfoto von RenataP/Shutterstock. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

SOPHIA mag Sommer am Balkon, hitzige Debatten und Aperol Spritz für wenig Geld. Nach drei Gläsern davon benutzt sie meist das Igel-Emoji, um ihre Gefühle auszudrücken. In der Redaktion von im gegenteil kann sie sich endlich mit einer größeren emotionalen Bandbreite auseinander setzen und ganz viel Liebe zeigen.

1 Comment

  • Toll geschrieben… Ich bin auch der Meinung das wir auf die nächste Generation bauen sollten. Sie so erziehen wie es aktuell benötigt wird. Umwelt, Nachhaltigkeit, wieder weg vom ständigen online sein usw….
    Bewusst handeln aber nicht histerisch…

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