Du wirst Vater, ich bleibe Affäre – und jetzt?

Ein Montag, wie er mehr Montag nicht sein kann. Aus irgendeinem Grund ist die Stimmung im Keller, der Schlaf war auch eher anstrengend als erholsam und draußen wütet der erste Herbststurm. Und dann kommt der Anruf. Jetzt bist du Vater, da ist es, das Kind. Das Kind von dir und deiner Frau. Das Kind in der Beziehung, in der ich die Affäre bin. Ein klassisches Montags-Kind.

Eigentlich bin ich froh, denn das Kind ist gesund, alle sind wohlauf. Das ist gut, weil das heißt, dass es dir gut geht. Oder wenigstens nicht schlechter als vorher. Wie es dir eigentlich geht, weiß ich schon länger nicht mehr, du redest wenig darüber. Aber ich vermute, dass ein Kind in einer unglücklichen Beziehung zu bekommen, nicht das Allergrößte sein kann.

Trotzdem bist du heute Vater geworden. Und mal abgesehen von allen äußeren Umständen ist das ja durchaus etwas Erfreuliches. Etwas, das du dir gewünscht hast. Du wolltest Vater sein. Willst Vater sein. Was das nun für uns und unsere Situation bedeutet, weiß ich allerdings nicht.

In meinem Kopf dreht sich ein Kettenkarussell von Fragen.

Logisch betrachtet ist diese Situation schon länger hoffnungslos. Aber versucht mal, eurem kleinen, naiven Gefühlszentrum die Logik näherzubringen. Das ist ein schwieriges Unterfangen, glaubt es mir. In meinem Kopf dreht sich ein Kettenkarussell von Fragen.

Wird dein Kind mich kennen? Wenn ich an die Freunde denke, die meine Eltern zu Besuch hatten, als ich noch bei ihnen gewohnt habe – ich habe nie infrage gestellt, dass es sich um unproblematische, platonische Freundschaften handelt. Warum eigentlich nicht?

Wird dein Kind wissen, dass seine Mutter nicht die einzige Frau war?

Wird dein Kind wissen, dass seine Mutter nicht die einzige Frau war? Bisher weiß es noch nicht mal die Mutter, also wage ich das stark zu bezweifeln, aber wer weiß schon, wie die Lage in 15 Jahren aussieht. Ich denke an Kinder, die von Patchwork und Freundinnen der Väter erzählten, von datenden Müttern und Fremden, die irgendwo aufgetaucht sind. Werde ich mal eine Figur sein, die irgendwo in der Geschichte zwischen dir und deiner Frau auftaucht?

Oder kennen wir uns in 15 Jahren schon gar nicht mehr? Treffen wir uns vielleicht zufällig irgendwo, spätnachmittags auf einem Konzert, du nimmst deine Tochter auf ihre ersten Veranstaltungen mit und ich wollte mich mal wieder ein paar Stunden zu lange vor einen Subwoofer stellen. Und dann stehen wir uns gegenüber.

Das Gefühl von Trauer und Herbststurm und Vermissen und einem kleinen bisschen Glück.

Ich werde deiner pubertären Tochter kurz die Hand schütteln, ein bisschen verkrampft grinsen und mich dann nach vorne in Richtung Subwoofer schieben. Aber an diesem Abend, da wird das mit dem Bass, der glücklich macht, nicht funktionieren, weil während des kurzen Händeschüttelns mit dem Montagskind genau dieses Gefühl in mein Herz gekrochen ist. Das Gefühl von Trauer und Herbststurm und Vermissen und einem kleinen bisschen Glück.

Wahrscheinlich wird sie einen wilden, dunklen Lockenkopf haben. Wahrscheinlich wird sie ein verschmitztes, freches Grinsen haben. Wahrscheinlich werde ich sie mögen. Gleich vom ersten Augenblick an. Eigentlich mag ich sie jetzt schon, schließlich ist sie ein Teil von dir. Und dennoch fühlt sich meine Brust grade an, als hätte jemand heißes Blei hineingegossen.

Wir zwei hätten eins sein können. Stattdessen seid ihr jetzt drei.

Ich sitze in meinem Bett, das noch ein bisschen nach dir riecht, habe das Fenster geöffnet, damit der Herbststurm hereinkommen kann, eine Mütze angezogen, mir ein Glas von unserem Rotwein eingeschenkt und starre an die Wand. Der Weinfleck in meiner Leinenbettwäsche breitet sich langsam aus, aber das ist mir egal. Der Wind weht halbnasse Blätter vom Baum vor meinem Fenster auf den frisch geputzten Boden, aber das ist mir egal. Meine Fingerspitzen werden kalt, Herbstabende haben nichts mehr angenehm Kuscheliges, nicht so, nicht allein in diesem Bett.

Wir zwei hätten eins sein können. Stattdessen seid ihr jetzt drei. Ich war noch nie gut in Mathe, aber diese Rechnung geht doch nicht auf, oder?

Headerfoto: Stockfoto von David MG/Shutterstock. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

ALEX ist überall und nirgendwo zuhause. Mag südafrikanischen Rotwein, Schallplatten und Kurzgeschichten von Heinz Strunk.

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