Drogen kaufen für Loser

Mein Telefon klingelt. Es ist der dicke Rolf. Mein bester Freund.
“Ich hab schon überall nach Gras* gefragt. Keiner hat was. Also wirklich nicht. Kommst du mit mir in die Hasenheide* was kaufen?“ (*Suchtmittel und Location geändert)

“In die Hasenheide? Zum Drogen kaufen? Du spinnst doch!“
“Ach komm, voll easy. Du  musst nichts machen, ich wickle den Deal ab.“
“Nee. Keine Lust.“
“Du darfst auch darüber bloggen. Abenteuer pur!“
“Inklusive Interview mit dir – dem drogenabhängigen, dicken Rolf?“
“Klar. Bringst du Geld* mit?“ (*Zahlungsmittel geändert)

Kurz später hebe ich einen Zehner in kleinen, nicht nummerierten Scheinen am Bankautomaten ab. Ich trage Turnschuhe für die eventuell bevorstehende Flucht. Und einen schwarzen Kapuzenpulli*. (*Outfit geändert)

So bin ich damals im Londoner Ghetto auch immer rumgerannt, um nicht verprügelt zu werden. Vom meiner Oma habe ich den Trick mit dem Ruß im Gesicht. Weil wegen der Russen. Mit einer Zigarette brenne ich mir schnell noch ein paar Narben auf die Wangen. Ich sterbe heute nicht beim Versuch Drogen zu kaufen!
Es regnet in Strömen*. (*Wetterverhältnisse geändert)
Die Sonne ist schon so gut wie untergegangen. Ich stehe am Hermannplatz und warte auf meinen geheimnisvollen Partner in Crime.
Schon von weitem sehe ich, dass der dicke Rolf eine goldene Kurzjacke aus Plastik trägt.

“Willst du, dass die uns gleich abstechen oder was?“, frage ich ihn.
Er guckt an sich herunter und zuckt mit den Schultern. “Hatte nichts anderes.“
Wir laufen durch den schummrigen Park, drängen uns unter den kleinen Regenschirm, den ich mitgebracht habe. Bei dem Wetter gehen doch nicht mal Dealer raus oder?
Der dicke Rolf bleibt stehen. “Komm, lass uns gehen. Mir ist nicht so wohl.“
“Blödsinn. Du hast doch nur Schiss.“
Der dicke Rolf hakt sich bei mir unter, dann gehen wir weiter. Wir halten Ausschau nach jemandem mit schwarzer Lederjacke. Ticker tragen nämlich alle schwarze Lederjacken. Fact*. (*Fact geändert)
Auf einem dunklen Weg zeichnen sich in einiger Entfernung drei Gestalten ab.
“Oh Gott!“, heult der dicke Rolf neben mir.
Wir gehen näher. Eine der drei Personen unterbricht das Gespräch mit den anderen und tritt auf uns zu in die Mitte des Weges.
“Kssss, kssss. Weed?“ Es ist ein junger Araber mit – seht, seht – schwarzer Lederjacke. Dazu trägt er eine Gesichtsmumu (kurzer, dünner Schnurrbart, der um den Mund herumführt und am Kinn wieder zusammenläuft). Die anderen beiden Menschen, die er ja zu kennen scheint, gucken doof auf die goldene Jacke.
“Weed?“, wiederholt der Dealer.
Der dicke Rolf nickt heftig ohne dabei etwas zu sagen.
“Wie viel?“ Der Araber kaut Kaugummi und zieht etwas Schleim hoch.
Der dicke Rolf starrt nur nutzlos.

“Fürn Zehner“, sage ich. Dabei gucke ich unter meiner Kapuze hervor wie Lil Kim, wenn man ihre Mutter beleidigt hat. Meine Brandnarben schimmern bestimmt schön im Schein der Laterne.

Der Dealer spürt sofort, dass er es hier mit Vollprofis zu tun hat. Er zieht einen großen, durchsichtigen Beutel Gras aus seiner Jackentasche hervor. Gras oder Majoran, so ganz genau kenne ich den Unterschied nicht.
“Hältst du Hand auf“, befiehlt er dem dicken Rolf.
Zitternd schiebt dieser seine Hand nach vorne. Der Dealer lacht und legt drei lose Brocken Gras hinein. “Musst du klein machen.“
Der redet mit uns, als wären wir Anfänger! Dankbar merken wir uns seinen Tipp. Ich tue so, als fände ich die Menge angemessen und hoffe, dass wir gerade nicht total über den Tisch gezogen werden.
Der dicke Rolf übergibt den zerknüllten Zehner und verbeugt sich dabei unterwürfig. Ich trete ihm von der Seite gegen die Wade.
“Danke“, sage ich und nicke dem Dealer zu.
Dann drehen wir uns um und gehen. Rolfs ergonomische Joggingschuhe mit Reflektoren und Klettverschluss quietschen auf dem nassen Asphalt. Als wir um die Ecke sind, zischt er: “Hier, nimm du. Schnell!“
Ich nehme Rolf den Haufen warmgehaltenes Gras ab. Wir ziehen eine markante Geruchsspur hinter uns her.

Dann stehen wir wieder auf der Hauptstraße.
Der dicke Rolf lacht. “War ja voll easy. Der hatte bestimmt mehr Angst vor uns als wir vor ihm.“
“Hmm, genau. Darf ich dich jetzt interviewen?”
“Auf gar keinen Fall! Komm, wir holen Pizza*.” (*Fast Food geändert)

Wir rufen natürlich nicht zum Drogenkauf auf und schon gar nicht in der Hasenheide! #schwermetalle #seriousschrott #takecareofyourbody #dieserbeitragbeinhaltetironie

Headerfoto: Frau mit Cannabisblatt via Shutterstock.com. Danke dafür.

JULE ist Gründerin von im gegenteil, Head of Love und (wieder) Single. Jule schreibt und fotografiert und hat auch mal ein Buch geschrieben. Mit richtigen Seiten! Bei im gegenteil kümmert sie sich hauptsächlich um Optik, Redaktionelles und Steuererklärungen. In ihrer Freizeit isst sie Schokolade, sortiert Dinge nach Farben und trägt gern Zebraprint. Wer kann, der kann.

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