Die Überwindung des Januar-Blues’

Ich weiß nicht, wer die Idee hatte, das Jahr mit dem Januar anfangen zu lassen. Der Januar ist der schlimmste Monat des Jahres. Vorsätze für das neue Jahr? Im Januar bin ich froh, wenn ich es schaffe, den Tag vor Sonnenuntergang zu beginnen. Ich habe nur ein Ziel: den Januar-Blues überleben. 

Zwischen den Feiertagen sieht die Welt noch flauschig aus. Ich krieche langsam aus meinem Weihnachtsnest, die Lichterketten hängen noch, die Stadt ist still, ganz langsam. An einer Ecke stehen verlorene Touristen, ungläubig blicken sie in die verwaisten Straßenschluchten. Wo geht’s denn hier zur Party? Ich verrate es ihnen nicht. Selber schuld, wer zwischen Weihnachten und Neujahr nach Abenteuern sucht. Die brauchen auch mal Pause. 

Zwischen den Jahren ist die Stadt ein Dorf. Durchatmen. Sich auf den Neuanfang freuen. Vorsätze machen. Sport, weniger Stress, mehr Freude. Und natürlich weniger Zeug haben. Und so. Das neue Leben, von dem die alle reden, steht schon vor der Tür. Alles ist möglich, flüstern die Wunderkerzen auf der Fensterbank. 

Und dann kommt der Januar. Man öffnet die Augen und die Stadt hat ihre Federn abgeworfen. Es ist noch genauso dunkel wie zuvor – ab dem 21. Dezember wird es wieder heller? Was für ein schlechter Witz! –, aber eigentlich ist es noch viel schlimmer, denn aus irgendeinem Grund hat die Welt beschlossen, sich genau jetzt von allen Lichterketten zu trennen. Und den Kerzen. Und von der letzten Hoffnung sowieso. 

Und dann kommt der Januar. Man öffnet die Augen und die Stadt hat ihre Federn abgeworfen.

Silvester-Müll, das ist das wahre Gesicht des neuen Jahres. Besser wird hier gar nichts. Mit dem Weltretten brauchst du gar nicht erst anzufangen. Die Böllerei hat die bösen Geister nicht vertrieben. Sie ist ein böser Geist. Und jetzt liegt sie als Dreck und Feinstaub in den Straßen, sieht aus, wie ich mich fühle. 

Über das Wetter brauchen wir gar nicht zu reden. Ich sag nur: Januar. Mit dem Schnee kommen die kleinen Steinchen, das Streu, das den Winter von draußen nach drinnen bringt. Kleine Steinchen in der Schuhsohle, in den Ecken, auf dem Holzfußboden. Kleine Steinchen in my soul. 

Der Januar macht es schwer, sich auf irgendetwas zu freuen. Und schon gar nicht auf ein ganzes Jahr. Neues Jahr, alte Sorgen, jetzt ist es auch noch hässlich geworden – so geht der Januar-Blues. 

Lange dachte ich, dass man sich dem Januar-Blues ergeben muss. Dass er eine Gesetzmäßigkeit ist – wie die Frühlingsgefühle und solche Dinge. Jetzt sind wir mal alle traurig, ist ja schließlich Januar. Es ist auch in Ordnung, mal traurig zu sein. Aber bitte nicht im Januar, der ist schon schlimm genug. 

Es ist auch in Ordnung, mal traurig zu sein. Aber bitte nicht im Januar, der ist schon schlimm genug. 

Man darf sich dem Januar-Blues also nicht ergeben. Oder zumindest nicht zu lange. Drei Tage Maximum, würde ich sagen. Danach muss man aufhören mit der Traurigkeit. Ich muss alle meine Vorsätze für das neue Jahr durchstreichen und durch einen einzigen ersetzen: weniger Vorsätze haben. Ich muss an Orte gehen, an denen ich noch nie war. Und Heißgetränke trinken, das kann – aber muss nicht – der Glühwein sein, der jetzt überall im Angebot ist.

Ich muss Kerzen anmachen, auch wenn Weihnachten vorbei ist. Ich muss feiern. Gerade, wenn es nichts zu feiern gibt. Und ich muss viel draußen sein. Nicht, dass der Januar glaubt, er könnte mich einschüchtern. Mit anderen Worten: Ich muss dem Januar die Stirn bieten. In schwachen Momenten sage ich ein Mantra, nämlich: Es kann nur besser werden. 

Falls das nicht klappt, gibt es übrigens auch noch ein anderes Rezept: Wegfahren. Wirklich weit weg. Am besten nach Australien, da ist jetzt Sommer. 

Headerfoto: Ren QingTao via Unsplash.com. (“Wahrheit oder Licht”-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

REBEKKA ist leidenschaftliche Küchentisch-Psychologin und freut sich, wenn diese Begeisterung auf ihre zweite große Liebe, das Schreiben, trifft. Wenn sie nicht gerade schreibt oder liebt oder über andere Menschen nachdenkt, studiert sie Public History und lernt, wie man Geschichte an diejenigen bringt, die nicht Geschichte studiert haben. Ansonsten isst Rebekka gerne Salat (ganz ehrlich: lieber als Schoki!) und wartet darauf, dass sie sich alt genug gefühlt, um sich eine Katze anzuschaffen.

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