Die Pille und ich – Wieso ich mich nach 10 Jahren gegen die hormonelle Verhütung entschied

Die Pille und ich – für mich war das ein etwa zehnjähriges Verhältnis. Meine Sichtweise auf das Hormonpräparat hat sich über die Jahre stark verändert. Das Thema Pille polarisiert und ich finde, genau so sollte es auch sein.

Als Vierjährige hatte ich gar keine Hemmungen, die Pille zu schlucken. Ich hätte gerne das Gesicht meiner Mutter gesehen, als sie realisierte, dass ich wohl schon länger im Badezimmer verschwunden war. Wer selbst Kinder hat, kennt diesen Schreckensmoment: Das Kind ist zu ruhig! Lebt es noch? Einen Pony schnitt ich mir da nicht, kann ja jede. Viel interessanter waren für mich diese schönen blauen Pillen. Ich aß eine halbe Packung.

Manchmal frage ich mich, was diese hormonelle Überdosis in meiner Kindheit mit mir gemacht hat. Dabei muss ich unweigerlich an Obelix denken, der als Kind in den Zaubertrank fiel. Unendlich unschwanger bin ich nicht geblieben, eine Tatsache, die meine beiden Kinder bezeugen können.

Ich hatte meinen ersten richtigen Freund. Als Antwort auf diese Neuigkeiten kam wenig später Post: meine erste Pillenpackung.

Bis ich die Pille aber legal einnahm, verging noch etwas Zeit. Mit 16 Jahren erlebte ich eine ziemlich spannende Zeit als Austauschschülerin in den USA, wo ich meinen ersten richtigen Freund hatte. Meiner Familienphilosophie entsprechend, gab es kein nennenswertes Gespräch mit meiner Mutter, sondern als Antwort auf diese Neuigkeiten kam wenig später Post aus Berlin: meine erste Pillenpackung, komplett mit aufgedruckten Rosen und einem sympathischen Frauennamen.

Mit Hilfe unseres Gynäkologen-Nachbarn bekam ich nun alle paar Monate diese rosa Pillen zugeschickt. Es war großartig, endlich fühlte ich mich als vollwertiges Mädchen, mit echtem Sex und Pillen. Auch die Nebenerscheinungen von Brustwachstum und Gewichtszunahme empfand ich als positiv. Dass meine Haut verrückt spielte, nervte mich schon. Aber das Pille-Schlucken war so normal, ich würde sogar sagen, dass es so normal und logisch war wie die erste Regelblutung. So normal wie das Rauchen bei Mad Men. Alle taten es!

Es war großartig, endlich fühlte ich mich als vollwertiges Mädchen, mit echtem Sex und Pillen.

Die Verhütung war dabei nicht immer der Grund für die Einnahme, mindestens genauso oft hörte ich, dass schmerzende Blutungen somit erträglicher wurden oder dass die Pillen verschrieben wurden, um Hautprobleme in den Griff zu bekommen. Wir nahmen die Pille als sei es ein Vitaminpräparat und nicht ein Medikament, das unsere Körper dauerhaft austrickste, ihnen vorgaukelte, dass wir schwanger waren, um nicht schwanger zu werden. Es war die normalste Methode, sich vor Schwangerschaften zu (ver-)hüten.

Es ist wahr, dass das Verhütungsmittel Pille historisch eine wichtige Rolle im Kampf um die Gleichberechtigung spielte, denn die Stellung der Frau muss immer im Zusammenhang mit Reproduktion bzw. mit reproduktiven Rechten gesehen werden. Nur eine Frau, die selbst bestimmen kann, wann und ob sie schwanger werden möchte, ist wirklich frei.

Nur eine Frau, die selbst bestimmen kann, wann und ob sie schwanger werden möchte, ist wirklich frei.

Aber es gibt gute Gründe, der Antibabypille skeptisch gegenüber zu sein und die sogenannten Nebenwirkungen nicht als unumgänglich zu akzeptieren. Ein Gespräch mit meiner Freundin Luise, einer Ärztin, blieb mir besonders in Erinnerung: Ich erzählte ihr von meinem neuen Körpergefühl und der neu entdeckten Libido ohne Pille. Für mich war ganz klar, dass es im direkten Zusammenhang mit dem Absetzen der Pille zu verstehen war. Ihr erging es ohne die Pille auch so, aber sie hatte dem Zusammenhang vorher nicht viel Beachtung geschenkt.

Obwohl Hormone unsere Körper so beeinflussen, werden die Nebenwirkungen der Pille als völlig normal abgetan. Dabei sind es laut Alexandra Pope und Jane Bennett, den Autorinnen von „The Pill: Are You Sure It’s For You?”, mindestens 150 Körperfunktionen und alle Organen, um die es dabei geht.

Vor allem anfangs, wer verstand schon was da genau drin war, in dieser kleinen Pille? Nebenwirkungen waren irgendwie nicht real, 1 von 100 oder waren es doch 1000? Heute denke ich, dass gerade die Nebenwirkungen – sie sollten nicht Neben-, sondern einfach nur Wirkung heißen –, von Hormonpräparaten total unterschätzt werden.

Ich denke, dass gerade die Nebenwirkungen – sie sollten nicht Neben-, sondern einfach nur Wirkung heißen –, von Hormonpräparaten total unterschätzt werden.

Mir ist es wichtig zu erwähnen, dass ich die Pille nahm, jahrelang nehmen konnte, ohne dabei ärztlich untersucht zu werden. Es schien völlig normal, dass mir mein Nachbar beim Plausch am Zaun die Pillen zusteckte. Er bekam sie ja selbst geschenkt. Die Pharmakonzerne waren bekannt großzügig, es hörte nicht bei bedruckten Tassen und Büroartikeln auf, auch bezahlte Kreuzfahrten waren nicht ungewöhnlich. Auf zum Kongress auf der Aida, oder so ähnlich. Bestechung ist ein böses Wort und soweit ich weiß, ist das alles legal. Warum aber empfehlen unsere Gynäkolog*innen gefühlt fast ausschließlich die Pille?

Wie soll man als junge Frau seinen Körper wirklich kennen lernen, wenn der Normalzustand über Jahre durch die Pille verändert wird? Erst knapp zehn Jahre später, mit 25, hatte ich genug und wollte meinen gesunden Körper nicht mehr täglich mit Hormonen füttern. Dass ich nicht wusste, wie ich mich fühlen würde, wenn mein Körper nicht dachte, er sei schwanger, fand ich komisch.

Warum aber empfehlen unsere Gynäkolog*innen gefühlt fast ausschließlich die Pille?

Wenn man sich den Fortschritt in anderen Bereichen des modernen Lebens ansieht, könnte man meinen, dass eher wenig Geld in die Entwicklung von unproblematischeren Verhütungsmethoden fließt. Meiner Meinung nach hat das viel damit zu tun, dass Verhütung, als sei es ganz selbstverständlich, noch immer Frauensache ist. Die Pille für den Mann, wer glaubt noch dran? Bis diese serienmäßig auf den Markt kommen, können Autos vielleicht schon fliegen.

Ich glaube aber, dass es sehr wertvoll ist, nicht nach neuen pharmazeutischen Produkten zu suchen, sondern dass wir Frauen uns selbst mehr vertrauen sollten und unseren Zyklus verstehen lernen. Der Pearl-Index (Sicherheitsmaß für Verhütungsmittel) für die richtig erlernte NFP (Natürliche Familienplanung) ist nämlich gleichauf mit der Minipille oder der Kupferspirale.

Auch wenn es so klingt, es ist nicht meine Absicht, die Pille generell zu verteufeln. Ok, zwischen mir und den blumigen Tabletten ist es aus. Aber das soll und muss jede Frau für sich selbst entscheiden. Was ich mir wünsche, ist, dass wir auf eine ehrliche und kritische Beratung durch unsere Ärzt*innen zählen können.

Headerfoto: Billie via Unsplash. („Körperliches“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

KATHARINA wurde zwar in Berlin geboren, wollte aber eigentlich immer in die weite Welt hinaus. Vielleicht hat das mit ihren friesischen Vorfahren zu tun, die waren schon vor langer Zeit auf hoher See um die Welt gereist. In London fand sie für viele Jahre ihr Zuhause und studierte dort nicht nur Medienwissenschaften und Soziologie, sondern bekam nebenbei noch gleich zwei Kinder. Sie ist Feministin, obwohl sie denkt, dass das eigentlich selbstverständlich ist. Als überzeugter Killjoy kann sie schlecht mit Ignoranz umgehen. Was sie liebt, sind ungewöhnliche Biografien und am liebsten hört sie diese direkt von Menschen auf Reisen.

1 Comment

  • Eine ehrliche und kritische Beratung seitens der Gynäkolog*innen ist leider nur möglich, wenn diese sich auch mit Hormonen auskennen. Das tun sie leider nicht immer. Das war eine meiner größten Erkenntnisse der letzten Jahre und ich habe mir inzwischen eine Gyn mit endokrinologischem Schwerpunkt gesucht. Die zwei davor haben meine depressiven Phasen immer von der Pille weggeschoben, „das kann damit nicht zusammen hängen“…

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