Die Frauenquote – Warum wir sie brauchen und sie längst überfällig war

Die Schlagzeile „Koalition einigt sich auf Frauenquote“ von Freitag, dem 20. November 2020, gehört zu den erfreulichen des letzten Jahres. Was genau die „Frauenquote“ bedeutet, wie sie sich entwickelt hat, warum sie notwendig ist und warum auch ich erst überzeugt werden musste, lest ihr in diesem Artikel.

Was bedeutet die Frauenquote?

Die Frauenquote (allgemein Geschlechterquote oder Genderquote) bezeichnet eine geschlechterbezogene Quotenregelung bei der Besetzung von Gremien oder Stellen. Der angestrebte Zweck der Frauenquote ist die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft.

Frauenquoten werden schon seit den 1980er Jahren als wesentliches Instrument der Personalpolitik verstanden; die Einführung von Quoten für einige politische Gremien und Teile des öffentlichen Dienstes wurde in vielen europäischen Ländern durchgesetzt. Frauenquoten in der Privatwirtschaft werden dagegen bis heute kontrovers diskutiert.

Wie hat sich die Frauenquote in Deutschland entwickelt?

Schon vor fünf Jahren, 2016, wurde eine Frauenquote dergestalt eingeführt, dass börsennotierte, paritätisch mitbestimmte Unternehmen (= Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen stellen gleich viele Sitze im Aufsichtsrat) 30 Prozent der Sitze im Aufsichtsrat mit Frauen besetzen müssen. Finden sie keine Frau, muss der Stuhl leer bleiben. Handeln sie zuwider, gibt es Sanktionen.

Auch der Begriff der „flexiblen“ Frauenquote wurde zwischenzeitlich eingeführt: Er bedeutet, dass sich Unternehmen auch für die Besetzung ihrer Vorstände an der 30-Prozent-Regelung orientieren können/sollen – am Ende des Tages war das aber eben nur eine Empfehlung bzw. haben sich Unternehmen für die vorgeschriebene Zielgröße einfach den Wert 0 gesetzt. Übersetzt heißt das: Unser Ziel ist es, bis zum Jahr X null Frauen im Vorstand zu haben.

Man hat in den letzten Jahren sehr deutlich gesehen: Auf freiwilliger Basis tut sich da nichts oder zumindest nicht annähernd genug.

Man hat in den letzten Jahren sehr deutlich gesehen: Auf freiwilliger Basis tut sich da nichts oder zumindest nicht annähernd genug. In 30 DAX-Unternehmen gibt es Stand 2020 keine einzige weibliche CEO, erst dieses Jahr wird die Spanierin Belén Garijo an die Spitze von Merck aufsteigen und damit einzige weibliche CEO unter ansonsten 29 männlichen. In den Vorständen der Unternehmen liegt der Frauenanteil insgesamt bei 7,6%.

Wer sich die dramatischen Ausmaße im Detail zu Gemüte führen möchte, dem:der sei der jährlich erscheinende Bericht der AllBright-Stiftung wärmstens empfohlen. Da wird übrigens auch erklärt, was der sog. Thomas-Kreislauf ist.

Was wurde im November entschieden?

Die Große Koalition, genauer gesagt eine vom Koalitionsausschuss im Sommer 2020 eingesetzte Arbeitsgruppe, hat sich jetzt auf eine verbindliche Quote für Vorstände mit mehr als drei Personen geeinigt: Mindestens ein Mitglied muss eine Frau sein.

Für Unternehmen mit Mehrheitsbeteiligung des Bundes wurde eine Aufsichtsratsquote von mindestens 30 Prozent und eine Mindestbeteiligung in Vorständen vereinbart. Bei den Körperschaften des öffentlichen Rechts wie den Krankenkassen und bei den Renten- und Unfallversicherungsträgern sowie bei der Bundesagentur für Arbeit soll ebenfalls eine Mindestbeteiligung eingeführt werden.

Nächste Schritte waren die abschließende Entscheidung über den erarbeiteten Vorschlag durch die Koalitionsspitzen, darauffolgend die Ressortabstimmung und die Länder- und Verbändebeteiligung und final der Kabinettsbeschluss vom 06.01.2021.

Warum auch ich lange Zeit kein Fan einer Quote war und warum Argumente gegen die Quote keine sind

Ich habe lange den Standpunkt vertreten, dass vermieden werden muss, dass Frauen nur aufgrund ihres Geschlechts eine Position bekommen. Rückblickend betrachtet ist das natürlich Quatsch, denn de facto bekommen seit etwa 1000 Jahren ja auch Männer nur den Job, weil sie Männer sind – und darüber wurde sich bislang nie beschwert.

Das Patriarchat, in dem wir leider immer noch leben, begünstigt Männer und die Sorge „geschlechtsspezifischer“ Beförderung ist eigentlich fast schon lustig, denn sie impliziert, dass alle Männer in Führungspositionen zu 150 Prozent qualifiziert sind und Frauen im Umkehrschluss nur gänzlich unqualifiziert und inkompetent sein können.

De facto bekommen seit etwa 1000 Jahren Männer nur den Job, weil sie Männer sind – und darüber wurde sich bislang nie beschwert.

Das zweitbeliebteste Argument gegen die Quote ist, dass es schlichtweg keine Frauen gibt, die diese Positionen besetzen wollen. Das ist faktisch falsch: Es gibt genug Frauen, die qualifiziert sind und deutlich sagen: #ichwill (siehe Social-Media-Kampagne vom Oktober 2020).

Ja, man muss eben ein bisschen länger suchen, gegebenenfalls auch mal in Weiterbildung investieren, und kann nicht weiter einfach seinen männlichen Kumpel in den Job hieven wie in der Vergangenheit, aber die Frauen gibt es.

Dezidierte Argumente FÜR die Quote

  • Ökonomischer Faktor: In unzähligen Studien wurde belegt, dass diverse Teams, diverse Vorstände Unternehmen wirtschaftlich erfolgreicher machen. In simple terms: including women pays off.
  • Employer Branding: Junge Talente (ja, auch junge männliche Talente) schauen sich die Bemühungen großer Unternehmen in puncto Diversität und Nachhaltigkeit an. Sticht man da nicht positiv heraus, entgehen einem high potentials.
  • Machtverteilung: Männer, die lange in hohen Positionen sitzen, haben exklusive, mächtige Netzwerke, sie haben Zugang zu Informationen und Stellen, die anderen vorenthalten bleiben. Die Quote hilft dabei, diese Asymmetrie zu durchbrechen und gelebte Vielfalt zu forcieren.
  • Messbares Ziel: Without a goal, you can’t score. Eine Quote ist ein messbares Ziel, ohne das man keine messbare Verbesserung sehen kann. Es wird transparent, ob man in puncto Verbesserung der Diversität erfolgreich ist oder eben nicht.

Details in der Formulierung von Argumenten sind wichtig

  1. „Wie kommen wir dahin, dass es ausgeglichen ist?“

Nicht alle Menschen wollen, dass es ausgeglichen wird – es gibt Menschen, die wollen es aktiv nicht – sonst wären wir längst dort. D.h. es ist mehr die Frage: Was müssen diejenigen, die es wollen, tun und wo muss man diejenigen, die es nicht wollen, eben auch zwingen – siehe verbindliche Frauenquote im FüPoGII.

  1. „Es geht nicht um die bösen Männer oder darum, ihnen etwas wegzunehmen.“

Mh ja, leider geht es da am Ende des Tages schon drum. Momentan (und das ist seit Jahrhunderten so) sind alte, weiße Männer an der Macht (privilegiert durch das Patriarchat) und entscheiden – obwohl das Thema Gleichberechtigung omnipräsent ist – weiterhin, Männer in die wichtigen Positionen zu holen. Ja, ein Teil mag unbewusst handeln, aber ein Teil macht das eben auch vollkommen bewusst.

Und doch, Männern wird auch etwas „weggenommen“ werden. Wenn vorher auf 100 Vorstandsposten 90 Männer saßen und durch eine Quote jetzt z.B. „nur“ noch 60 Männer sitzen dürfen, müssen 30 Männer ihre Posten an 30 Frauen abgeben. Unbequem, aber wahr. Nicole Schöndorfer (deren Podcast „Darf sie das“ ich feiere) sagt dazu: „Feminismus muss Mächtigen wehtun, tut er das nicht, ist er wertlos.“

Und das ist doch ein schönes Schlusswort.

Headerfoto: Daria Pimkina via Unsplash (“Gesellschaftsspiel”-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

NINA wurde Anfang der 1990er in Mainz geboren, lebt mittlerweile in München und macht dort irgendwas mit Pharma. Dinge, die sie begeistern: Trockenbeerenauslese, Leute beobachten, sich schwarz anziehen, Möpse (Rasse Hund, nicht Brüste), Sachen, die man eigentlich nicht im Bett macht, im Bett machen. Dinge, die sie nicht mag: Dating habits der Generation Y, Nazis, Sexismus, Kapern & Gin Tonic (weder alleine noch in Kombi). Analysiert wird alles, was sie beschäftigt und worüber sie nachdenkt auf ihrem Blog.

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