Diagnose Krebs – die Angst um einen Menschen ist keine Schwäche, sondern Liebe

Zum Weltkrebstag wird darauf aufmerksam gemacht, sich regelmäßig durchchecken zu lassen und bewusst mit sich und seiner Gesundheit umzugehen. Ich schreibe über eine andere Seite. Die Seite, wenn es zu spät ist. Wenn einer deiner engsten Menschen vor dir steht und von der Diagnose Krebs erzählt. Und du plötzlich hauptsächlich eins bist: Hilflos.

Die Diagnose Krebs im engen persönlichen Umfeld kann verschiedene Reaktionen auslösen. Bei sich und bei anderen. Von Bestürzung über Gleichgültigkeit, von Schock bis Unsicherheit und Angst. Das ganze Spektrum jenseits von positiven Empfindungen stellt sich in einer Schlange an, jedes der Gefühle will irgendwann mal drankommen. Wie das für Betroffene ist, kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe bisher immer nur daneben gestanden. Das aber leider überdurchschnittlich oft.

Es gibt keinen richtigen und keinen falschen Weg, mit einer solchen Situation umzugehen. Ich hätte mir allerdings ein paar Anhaltspunkte im Umgang mit der Diagnose bei engen Freund*innen gewünscht und genau die versuche ich, für euch hier aufzuschreiben. Enno Bunger beschreibt den ersten Moment, in dem das Monster Krebs im Raum steht, ziemlich gut:

Die Worte, die jetzt fallen, sind keine, die man greifen kann.
Sie schlagen ein und sie knallen, bevor niemand mehr ausweichen kann.
Jeder Vorsatz, jeder Plan, steht jetzt erstmal hinten an.

Vermutlich ist die erste Reaktion Schock. Oft folgt darauf aber nicht die Angst, sondern Unsicherheit. Darf es mir schlecht gehen, obwohl es meinem Gegenüber offensichtlich noch schlechter geht? Ja, du bist nicht die Person mit der Diagnose. Dennoch darf es auch dir damit schlecht gehen. Du musst kein schlechtes Gewissen haben, wenn du das Gefühl hast, dass es kurz um dich und deine Gefühlswelt gehen sollte. Wenn es grade um dramatische Krankenhaus-Situationen geht, musst du ja nicht mit der an Krebs erkrankten Person über deine Gefühlswelt sprechen. Auch Außenstehende können dir zuhören und eine Hilfe sein.

Und damit zum nächsten Punkt: Denn nur, weil dein*e Freund*in oder Familienmitglied krank ist, ist sie/er keine andere Person. Sie ist krank und hat zu kämpfen. Mit dem Krebs, mit der Angst, mit der möglichen oder eben auch nicht mehr möglichen Zukunft. Trotzdem bist du ihr weiterhin wichtig. Und damit auch deine Gefühlswelt.

Es kann sein, dass sich eure Angst potenziert. Und holy shit, das ist gruselig. Aber auch ehrlich. Die Krankheit sollte euch nicht zum Verstummen bringen.

Früher konntest du zu der Person gehen und ihr erzählen, wenn du Angst vor etwas hattest? Das kannst du immer noch. Es ist möglich, dass die Energie fehlt, darauf zu reagieren. Es kann sein, dass sich eure Angst potenziert. Und holy shit, das ist gruselig. Aber auch ehrlich. Die Krankheit sollte euch nicht zum Verstummen bringen.

Generell ist es wie mit vielen anderen Krisensituationen im Leben: Jede*r muss den eigenen Weg finden. Du kannst ihn nicht beeinflussen, du kannst ihn nicht mal mitgehen. Das einzige, was du kannst, ist anzubieten, ihn bis zu einem bestimmten Punkt zu begleiten. Und auch wenn dieses Angebot manchmal nicht in Anspruch genommen wird, solltest du das nicht als Abweisung verstehen.

Jemand, der die Diagnose Krebs erhält, geht durch eine Hölle, die sich niemand, der/die selbst schon einmal an diesem Punkt gestanden hat (inklusive mir) auch nur ansatzweise vorstellen kann. Wie weit er/sie dich mit durch diese Hölle nehmen kann oder will, kann nur die betroffene Person entscheiden.

Ich möchte offen sein, über meine Angst reden und gleichzeitig zeigen, dass diese Angst keine Schwäche ist, sondern Liebe.

Falls ich noch mal in die Situation kommen sollte, neben jemandem zu stehen, der durch diese Hölle gehen muss (und ich hoffe so inständig ich kann, dass das nicht noch einmal passiert), möchte ich mich nicht hinter meiner Unsicherheit verstecken. Ich möchte so viel unterstützen, wie die andere Person es sich wünscht. Ich möchte offen sein, über meine Angst reden und gleichzeitig zeigen, dass diese Angst keine Schwäche ist, kein Heischen nach Aufmerksamkeit, sondern Liebe.

Eine weitere Sache, die ich leider lernen musste: Falls es so weit kommt: Verabschiedet euch. Nehmt euch Zeit und verabschiedet euch. Es klingt abgedroschen, aber es gibt nichts Schlimmeres, als sich nicht „genug“ verabschiedet zu haben. Es tut weh und ist schwer. Aber es gibt nichts Schlimmeres, als sich Jahre später zu wünschen, über seiner eigenen Angst, Unsicherheit oder vermeintlichen Rücksicht gestanden zu haben.

Aber es gibt nichts Schlimmeres, als sich Jahre später zu wünschen, über seiner eigenen Angst, Unsicherheit oder vermeintlichen Rücksicht gestanden zu haben.

Ihr alle wisst es, der Tod ist endgültig. Es gibt keine Chance, Momente zurückzuholen. Es ist nicht wie mit einer Ex-Beziehung, mit der man in Zweifelsfall noch etwas klären kann. Nimm deine Kraft zusammen, auch wenn es manchmal nicht aussieht, als könnte sie dafür jemals reichen. Du wirst es dir später danken.

Was ich eigentlich sagen möchte (auch wenn es auf den ersten Blick wirklich, wirklich falsch klingt): Entspannt euch. Und hört nicht auf, zu kommunizieren. Ihr seid unsicher, wie ihr über die Krankheit sprechen sollt? Sagt das genau so. Auch wenn Krebs Menschen an ihr Limit bringt (sowohl körperlich als auch psychisch), macht er sie nicht zu Waschlappen. Meistens holt die Diagnose sogar Stärke aus Menschen, von der sie vorher nicht wussten, dass sie sie besitzen.

Ihr seid unsicher, wie ihr über die Krankheit sprechen sollt? Sagt das genau so.

Einer meiner engsten Freunde stand vor zwei Jahren mit mir auf einem Konzert, bestellte drei Schnäpse, schob mir zwei davon hin und sagte: „Einen trinkst du mit mir, dann sage ich dir etwas und dann trinkst du den zweiten. Und dann gehen wir tanzen. Versprochen?“ So hat er mir von seiner Krebsdiagnose erzählt. Das bedeutet nicht, dass sie ihn nicht aus seinem Leben gerissen hätte und alles so sehr auf den Kopf gestellt, wie es nur geht. Aber es zeigt, dass der Umgang damit nicht immer tieftraurig sein muss.

Er kann es. Nicht jede*r möchte oder kann einen Schnaps auf den Krebs oder sogar den Tod trinken. Aber ich habe gelernt, dass es wichtig ist, den Menschen zuzuhören, die die Diagnose erhalten haben. Sie werden dir schon sagen, für welchen Weg sie sich entscheiden. Ob es ihnen hilft, mit Tränen in den Augen einen Schnaps auf die Angst zu trinken und dann schwitzend in ein Punkkonzert zu rennen, oder ob sie das Ganze erstmal mit sich ausmachen müssen.

Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, den Menschen zuzuhören, die die Diagnose erhalten haben. Sie werden dir schon sagen, für welchen Weg sie sich entscheiden.

Zuhören und immer wieder zeigen, dass man da ist. Dass man nicht weggeht. Das ist alles, was man tun kann. Manchmal wird die Angst so groß, dass man droht, in ihr zu ertrinken. Und manchmal ertrinkt man in ihr. Man geht unter. Und hat das Gefühl, nie wieder aufzutauchen. Und auch das ist okay.

Eigentlich hasse ich den Satz „So ist das Leben.“. Aber so ist es. Und manchmal kann man es nicht ändern. Manchmal kann  man noch so sehr kämpfen, es wird nicht genug sein. Man kann noch so viele Erklärungen suchen, keine wird genug Sinn ergeben, um das, was passiert, zu rechtfertigen. Manchmal verlässt dich die Zeit, wenn du sie am meisten brauchst. Manchmal ist alles, was du tun kannst, zu bleiben. Niemand sagt es schöner als Enno Bunger:

Wir müssen jetzt stark sein, du bist es sowieso.
Ich werd für dich da sein, egal wie, wann und wo.
Und jeder Pieks in deinen Arm ist ein Stich in mein Herz.
Doch wir werden uns tragen, bis weit hinter diesen Berg.

Headerfoto: Gemma Chua-Tran via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Julia arbeitet in der Redaktion von im Gegenteil. Sonst tanzt sie gerne, aber nur wenn danach ausgeschlafen werden darf. Und sonst? Viel Kaffee, viel Lyrik, viel Konzerte, viel Zimt, viel Action.

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