Corona ist wie Weihnachten ohne Familie – Gegen die Angst und für einen Perspektivwechsel

Crazy Times! Gerade hat Mutti Merkel gesprochen und nun werden nach den Bars, Clubs, den Schulen und Kindergärten auch sonst alle Läden und Einrichtungen dicht gemacht, die nicht der Grundversorgung dienen. Jetzt sind wir tatsächlich nur noch einen Schritt von der Ausgangssperre entfernt und trotzdem fällt es mir schwer, in Panik, Angst oder Hoffnungslosigkeit zu verfallen. Denn irgendwie hat diese ganze Sache einen Reiz für mich.

Ich möchte vorausschicken, dass ich nicht zur Risikogruppe gehöre, denn ich bin jung und gesund. Dennoch möchte ich meinen Teil zum Allgemeinwohl beitragen und gehe jetzt schon nur noch raus und unter Menschen, wenn es wirklich notwendig ist. Ich möchte einfach niemanden anstecken, für den die ganze Sache nicht ganz so glimpflich ablaufen könnte wie für mich. Und ja, die Decke und Wände kommen schon nach wenigen Tagen gefühlt immer näher, aber in meinem Kopf rutscht der Horizont immer weiter weg. Ich habe angefangen zu träumen.

Die Decke und Wände kommen schon nach wenigen Tagen gefühlt immer näher, aber ich habe angefangen zu träumen.

King Corona ist innerhalb von wenigen Wochen zu einem der Mächtigsten unseres Planeten geworden. Denn Macht auf der einen Seite bedeutet Ohnmacht auf der anderen und das ist da, wo wir Menschen sind. Das Virus fiel einfach mit der Tür ins Haus. Hat vorher weder angerufen, noch anderweitig eine Andeutung gemacht. Wir hatten keine Zeit, uns auf den „Angriff“ vorzubereiten und fühlen uns nun schutzlos ausgeliefert, nicht zuletzt, weil es sich verbreitet wie ein Geisterlauffeuer. Keine Grundimmunität, kein Impfstoff und keine wissenschaftlichen Studien.

Alles, was wir tun können, fühlt sich irgendwie nach Mittelalter an. Wir kämpfen mit alten Waffen gegen einen neuen Gegner, der von Grund auf böse ist. Aber ist er das wirklich oder ist das vielleicht nur ein Teil der Wahrheit? Ich glaube, es kommt darauf an, wo wir hinschauen.

Is it good, is it bad? I don’t know.

Ein buddhistisches Sprichwort sagt: „Is it good, is it bad? I don’t know.“ Dass das Virus Leben nimmt, fühlt sich mit Sicherheit für keinen „good“ an, aber ich habe das Gefühl, dass es irgendwie auch „Leben“ schenkt. Für mich persönlich heißt „zu leben“ vor allem „zu lieben“ und ich spüre momentan unfassbar viel Liebe unter den Menschen. Auch wenn die Zahlen der Erkrankungen und Tode nach wie vor steigen, ist diese Entwicklung eine andere Seite der Corona-Medaille, die man wegen des Übels nicht gleich übersehen muss.

Dass wir uns plötzlich vermehrt zueinander wenden und uns gegenseitig unterstützen wollen, liegt glaube ich hauptsächlich an einem Grund: Vor dem Virus sind wir alle gleich. Und weil wir alle die gleichen Sorgen teilen, haben wir Mitgefühl füreinander. Es fällt uns plötzlich um ein Vielfaches leichter, uns in die Probleme der anderen hinein zu versetzen, weil wir mit denselben konfrontiert sind. Vor meinem inneren Auge löst Corona momentan Hierarchien und persönliche Grenzen auf und stellt uns alle auf dieselbe Stufe.

Vor meinem inneren Auge löst Corona Hierarchien und persönliche Grenzen auf und stellt uns alle auf dieselbe Stufe.

Das Virus macht keinen Unterschied zwischen Präsident*innen und Hartz4-Empfänger*innen, zwischen Brit*innen und Italiener*innen, zwischen Christ*innen und Anhänger*innen des Judentums oder zwischen Schauspielstars und Angestellten beim Bäcker.

Ist das unsere Chance auf eine bessere Welt für alle?

Früher habe ich mir dafür immer eine Alien-Invasion gewünscht. Einen Angreifer von außen, damit die Menschen wieder zusammenrücken, egal, wer sie sind und woher sie kommen, diesen ganzen Identitätsquatsch vergessen und als Spezies, als Einheit, als ein Volk das Gefühl der Gemeinschaft fühlen. Zusammenhalten statt sich gegenseitig zu bekriegen. Auf die Gemeinsamkeiten schauen statt auf die Unterschiede. Lach mich aus, wenn du willst, aber in meinem Kopf entstehen gerade Möglichkeiten für die Umsetzung vom Konzept für eine bessere Welt – und zwar für alle.

 

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Es öffnet mir einfach das Herz, unter der Fußmatte meiner Nachbarin einen Zettel mit einer Nachricht zu finden, wo man ihr Hilfe anbietet. Es macht mich mega happy, dass viele Künstler*innen und andere Persönlichkeiten mittlerweile täglich Instagram für Live-Videos nutzen, um uns allen diese einsame und auch langweilige Zeit zuhause etwas zu versüßen. Es wird versucht, finanzielle Hilfsmittel für Selbstständige bereitzustellen und ich habe eben an der Ampel noch einen Zettel gesehen, dass jemand seine Hilfe als Kinderbetreuerin in der eigenen Wohnung anbietet.

Ich spüre eine aufkommende Ruhe, wie ich sie nur von den Feiertagen kenne. Irgendwie ist Corona wie Weihnachten, nur ohne Familie.

Manche Firmen geben ein paar ihrer Produkte und Dienstleistungen kostenlos weg, damit wir uns zuhause eine bessere Zeit machen können. Abgesehen von all denen mit Klopapierpyramiden zuhause (mit dem Papier und dem Desinfektionsmittel kann man bestimmt einen gründlichen Frühlingsputz machen), spüre ich trotzdem ein Zusammenrücken, ein Geben, eine schöne Form der Verbindung untereinander und eine aufkommende Ruhe, wie ich sie nur von den Feiertagen kenne. Irgendwie ist Corona wie Weihnachten, nur ohne Familie.

Zwischen kräftezehrender Kinderbetreuung und stiller Vereinsamung

Ich kann mir vorstellen, dass es, wie Weihnachten eben auch, in manchen Haushalten sehr wild zugehen wird. Ein Twitterperle sagte ganz passend: „Wer Home Office anbietet, um zuhause die Kinder betreuen zu können, hat in meinen Augen weder Home Office noch Kinderbetreuung wirklich verstanden.“ Dennoch wird es auch die Haushalte geben, die genau das Gegenteil spüren werden. Nämlich die Einsamkeit und die Ruhe, die auch bedrücken kann.

Und während ich den wilden Haushalten einfach kraftvolle Nerven und viel Leichtigkeit im Herzen wünsche, habe ich für die anderen noch einen Tipp. Aus meiner jahrelangen Arbeit als Songwriterin weiß ich: Kreativität liebt die Ruhe. Die beiden sind wie ein inniges Liebespaar. Weniger gestresst sprießen die Ideen. Schöne, interessante oder auch völlig absurde. Vielleicht langweilt ihr euch absichtlich mal und achtet darauf. Das tolle daran: Kreativität beschränkt sich nicht nur auf Musik, Worte oder Zeichnen. Sie werkelt gern überall. Im neuen Fotoalbum, in der Umdekorierung der Wohnung, im Bemalen der Sneakers oder in der neuen Augen-Make-Up-Idee.

Ich wünsche mir wie verrückt, dass, wenn die Schattenseite des Virus geht, die Sonnenseite bleibt.

Ich wünsche mir wie verrückt, dass, wenn die Schattenseite des Virus geht, die Sonnenseite bleibt. Dass wir weiterhin „Daylight“ von unseren Balkonen singen und versuchen, uns zu unterstützen. Mitfühlend sind statt ignorant. Kooperativ statt auf den persönlichen Vorteil aus. Im Privaten als auch auf wirtschaftlicher und politischer Ebene. Denn wenn wir dafür sorgen, dass es allen gut geht, sorgen wir im gleichen Moment auch für uns. Denn jeder von uns ist ein Teil von „allen“.

#staypositive  #staythefuckinside  #stayhealthy  #staysolidarisch

Anm. d. Red.: Karlie Apriori findet ihr auf Instagram. Am Donnerstag, den 19.03.2020 findet ihr nächstes Insta-Live-Konzert statt. Sehen wir uns da?

Headerfoto: Viktoria Bolonina via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

KARLIE APRIORI ist Singer-Songwriterin und reflektiert in ihren Texten das Menschsein. Dabei sucht sie immer nach der ehrlichsten Antwort. So eigenartig sie auch sein mag, die Wahrheit erblickt das Licht der Welt. So, wie es Hemingway empfohlen hat und so, wie es doch auch am meisten Spaß macht: „All you have to do is write one true sentence.“

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