Corona, Corona – was macht diese globale Gesundheitskrise mit uns?

Selten haben sich meine Gedanken so sehr auf engem Raum immerzu wiederholt, im Kreis gedreht, nicht weiterentwickelt. Selten konnte ich ein einzelnes Thema so sehr nicht mehr hören und doch gleichzeitig permanent alles an Informationen und Neuigkeiten dazu aufsaugen wollen.

Selten offenbarte sich so viel Güte, Charakterstärke und Menschlichkeit und doch gleichzeitig soviel Schlechtigkeit, Misstrauen und Egoismus. Noch nie, zumindest in den fast 30 Jahren, die ich auf dieser Erde lebe, gab es ein Thema, ein einziges Wort, mit dem alle knapp 8 Milliarden Menschen zur gleichen Zeit, an jedem Tag gezwungen waren sich zu beschäftigen.

Man könnte einwerfen, der Klimawandel, von schlaueren Menschen als „Klimakrise“ bezeichnet, sei auch so ein Thema, aber das stimmt nicht. Man kann sich dazu entscheiden, sich nicht mit der Klimakrise zu beschäftigen, sein eigenes Verhalten nicht anzupassen, Informationen nicht aufzunehmen.

Diese globale Gesundheitskrise unterscheidet nicht nach Maßstäben der Zumutbarkeit oder der Präferenzen oder der Ressourcen.

Doch in der jetzigen Situation ist das unmöglich: Wir durchleben als Kollektiv eine Lage, mit der sich jeder Mensch auseinandersetzen muss, ungeachtet, ob er Lust dazu hat, ungeachtet, welche Privilegien er hat. Wir können uns nicht entscheiden, Informationen dazu auszublenden, denn sie sind überall.

Wir können uns nicht weigern, unser eigenes Verhalten anzupassen, denn neu geschaffene Regeln (Ausgangsbeschränkungen, Ladenschließungen) zwingen uns dazu. Diese globale Gesundheitskrise unterscheidet nicht nach Maßstäben der Zumutbarkeit oder der Präferenzen oder der Ressourcen. Sie kommt über uns und nimmt, diejenigen, die das Pech haben, alt oder krank zu sein.

Manchmal schaue ich aus dem Fenster und wundere mich, dass man so gar nichts sieht, dass nichts bis auf die reduzierten Menschenmengen und geschlossene Geschäfte anders zu sein scheint. Dass das Problem ein 20-300 Nanometer großes, rundes Molekül ist, und man es deshalb nicht sehen kann, vergesse ich dabei leicht und wenn es mir wieder einfällt, bin ich überrascht, wie etwas dieser Größe den gesamten Planeten lahmzulegen, zu entschleunigen in der Lage ist.

Was macht das mit mir?

Es fühlt sich an wie eine Art Yoga-Retreat, ein Schweigeseminar oder ein freiwilliger Aufenthalt in einem Kloster – nur, dass ich mich dazu nie angemeldet habe.

Es fühlt sich an wie ein ewiger Sonntag oder der Nachmittag von Heiligabend – nur, dass dieser Zustand nicht auf absehbare Zeit enden wird.

Es fühlt sich an, als habe man unendlich viele Möglichkeiten, seine Zeit zu gestalten – nur, dass die Endlichkeit der Optionen dann doch an der Grenze der eigenen Wohnungstür liegt.

Es fühlt sich an, als sei auch in dieser Situation das Maß der Dinge die Selbstoptimierung – wer kein Home Workout macht, verliert.

Es fühlt sich an, als habe sich der eigene Wirkungshorizont so sehr verkleinert, dass man manchmal denkt, man könne nicht atmen.

Es fühlt sich an wie ein monumentaler Reset-Button – nur, dass ein paar von uns stattdessen mit einem Alkoholproblem, einer Depression, 5 Kilo mehr oder einer Beziehung weniger hier rausgehen.

Es fühlt sich machtlos an, denn das eigene Tun (bzw. Unterlassen) bringt streng genommen nur etwas, wenn wir es nicht als einzige tun.

Es fühlt sich an wie der Zwang zur Dankbarkeit, nur zuhause sitzen zu müssen und endlich mal Zeit für alles zu haben, was wir sonst nie machen. Bei allem Respekt, das ist Schwachsinn.

Und was tue ich damit?

Und bei all dem Fühlen, was tue ich? Nun, am ehesten trifft es Michel Houellebecq. Er schreibt in Ausweitung der Kampfzone (einem übrigens sehr zu empfehlenden Buch): „Am Wochenende verkehre ich in der Regel mit niemandem. Ich bleibe zu Hause, räume ein wenig auf, kultiviere eine kleine Depression.“

Meine Tage bestehen aus Spaziergängen, wenn ich mich dazu aufraffen kann, aus Lesen, Serien, daraus, zum tausendsten Mal unsere Kammer oder die Küchenschränke oder meine Kosmetikschublade auszumisten. Daraus, sich meistens weder zu Mady Morrison Yoga Sessions noch Caro Dauer Abs Workouts motivieren zu können. Daraus, neue Rezepte auszuprobieren, wie Cashew Protein Balls, und daraus, neue Rezepte für Kuchen auf einen Zeitpunkt zu verschieben, an dem unser Backofen wieder repariert sein wird.

Meine Tage bestehen aus dem Versuch, vor 13 Uhr aufzustehen, im Wissen, dass es keinen Unterschied machte, ob ich überhaupt aufstünde oder nicht.

Daraus zu testen, wie lange ich meine Haare nicht waschen kann, bevor es für alle Beteiligten unangenehm wird. Meine Tage bestehen aus hinreichend viel Online Shopping und daraus, sich ein Puzzle zu kaufen, dessen Motiv mich und meinen Enthusiasmus so sehr enttäuscht, dass ich es zurückschicke.

Meine Tage bestehen gelinde gesagt aus dem Versuch, vor 13 Uhr aufzustehen, im Wissen, dass es keinen Unterschied machte, ob ich überhaupt aufstünde oder nicht. Meine Tage bestehen nicht mehr aus Arbeit, ich arbeite gerade nicht – was allerdings eine längere Geschichte ist.

Hin und wieder bestehen meine Tage auch aus Einkaufen, obgleich ich selbst minimale Anschaffungen dazu nutze, ich möchte fast sagen, sie mir ausdenke, um das Haus verlassen zu können. Gestern z.B. brauchte ich dringend Glasreiniger. Tatsächlich ist gerade das Einkaufen sowohl erleichternde Legitimation und Unfähigkeit zugleich, letzteres wusste ich vorher schon, wird mir aber in dieser Situation umso klarer.

Die Generation nach mir und ungefähr die Hälfte meiner eigenen, weiß nämlich gar nicht, wie vernünftige Vorratshaltung geht. In unserem Kühlschrank findet sich (Stand gerade) eine Packung Hafermilch, 10 Flaschen the frank juice Detox-Säfte, 1 Tube Tomatenmark, 1 Möhre und ein Hyaluron-Serum, das ich mir manchmal morgens ins Gesicht massiere. Oh und wir haben noch eine halbe Flasche Gin.

Ich würde gerne sagen, dass ich übertreibe oder dass das eine Ausnahme ist, aber das ist es nicht.

Was wird aus unserer Gesellschaft?

Und um von all dem vermeintlich Banalen, dass nur so banal sein kann, weil alle, die ich kenne (noch) gesund sind, zurück zum Größeren, zum Nachdenklichen. Fragen, aus denen meine Tage nämlich auch bestehen:

Was wird all das mit unserer Gesellschaft machen? Was wird es mit uns, als Individuen, machen? Was wird es mit uns machen, als Partner*innen, Freund*innen, Kinder, Arbeitnehmer*innen, Eltern?

Wie werden wir aus etwas herausgehen, was uns so sehr zeigt, was wichtig, was „systemrelevant“ ist, was möglich ist und wie wir miteinander umgehen sollten? Wird alles wieder wie vorher?

Werden die Menschen vergessen, zu welcher Solidarität sie in der Lage, auf wessen Beitrag sie angewiesen sind, welche Möglichkeiten es in unserer Welt gibt, um anders zu arbeiten, andere Dinge zu priorisieren, anders auf sich selbst und andere Acht zu geben?

Werden die Menschen vergessen, wie menschlich sie sein können? Werden sie vergessen, wie sehr wir als menschliche Wesen andere menschliche Wesen zum Überleben, zum Glücklichsein brauchen?

Werden wir die Chance nutzen können?

Die Wahrheit ist: Wir alle werden erschreckend schnell in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Wir werden Einladungen kurzfristig absagen, zu denen wir zu faul sind, die Wohnung zu verlassen oder schlicht keine Lust haben. Wir werden stunden- oder tagelang zuhause sitzen, um Serien zu schauen anstatt spazieren zu gehen oder in Bars oder Museen.

Wir werden aufhören, täglich mit einem Menschen, der uns wichtig ist, zu telefonieren, weil uns angeblich die Zeit fehlt. Wir werden egoistisch wie eh und je einkaufen und krank zur Arbeit gehen und vergessen, dass es ältere Menschen gibt, die unserer Hilfe bedürfen. Wir werden mit unseren Langstreckenflügen weiter die Luft verpesten und wir werden vergessen, dass wir uns bei all dem insgeheim ein bisschen schlecht fühlen. Auch ich werde das tun und auch ich werde die Alternativen dazu verdrängen.

Und doch liegt in all dem die Chance, zumindest ein kleines bisschen das beizubehalten, was wir im Moment tun, was wir im Moment besser, bewusster, weniger egoistisch tun – wir sollten sie nutzen.

Headerbild: Nikita Belov via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

NINA wurde Anfang der 1990er in Mainz geboren, lebt mittlerweile in München und macht dort irgendwas mit Pharma. Dinge, die sie begeistern: Trockenbeerenauslese, Leute beobachten, sich schwarz anziehen, Möpse (Rasse Hund, nicht Brüste), Sachen, die man eigentlich nicht im Bett macht, im Bett machen. Dinge, die sie nicht mag: Dating habits der Generation Y, Nazis, Sexismus, Kapern & Gin Tonic (weder alleine noch in Kombi). Analysiert wird alles, was sie beschäftigt und worüber sie nachdenkt auf ihrem Blog.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.