Brauche ich den 5-Jahresplan? Warum es okay ist, auch mal keine Ziele zu setzen

Irgendwann, so zwischen 16 und 18 schätze ich mal, stieß mein jugendliches Ich auf ein YouTube-Phänomen. Ich nenne es mal “Get your life together”.

Dieses Phänomen beinhaltet so ziemlich alles: von aufräumwütigen Marie-Kondo Videos, über Effektivitäts- und Produktivitätstipps für Anfänger und Fortgeschrittene bis hin zu Ziele richtig finden, setzen und erreichen für Dummies.

Egal wann ich angefangen habe, mir diesen Content reinzuziehen – ich habe mindestens 5 Jahre meines Lebens in dem Glauben verbracht, genauso sein zu müssen.

Egal wann ich nun genau angefangen habe, mir diesen Content reinzuziehen – mit Sicherheit habe ich mindestens 5 Jahre meines Lebens in dem Glauben verbracht, genauso sein zu müssen. Und mit so meine ich eben “put together”.

5 Jahre für die Tonne

In diesen fünf Jahren Videokonsums ist mir allerdings nie so richtig bewusst gewesen, was dieser Content mit mir macht.

Denn obwohl bestimmt jede:r dritte YouTuber:in mir erzählen will, wie individuell wir doch alle sind, dass jede:r den eigenen Weg finden muss, habe ich doch irgendwie geglaubt, wenigstens in einem Video den heiligen Gral zu finden, der mein Leben endlich perfekt machen würde.

Jeden Tag freudestrahlend und motiviert, selbstredend um 4:30 Uhr, aus dem Bett springen, erst einmal zwei Stunden Yoga machen, meditieren und journaln…

Der mich jeden Tag freudestrahlend und motiviert, selbstredend um 4:30 Uhr, aus dem Bett springen, erst einmal zwei Stunden Yoga machen, meditieren und journaln und nur noch und ausschließlich gesund essen lassen würde.

Durch den ich endlich klare, gleichbleibende Ziele vor Augen und diese auch mal wirklich erreichen würde. Der heilige Gral, durch den sich die nächsten 50, 60, 70 Jahre endlich sinnvoll und nicht wie ein riesengroßer Irrgarten, bei welchem ich nicht mal die nächsten zwei Meter sehen kann, anfühlen würden.

Es gibt nicht den einen Weg, das Leben auf die Reihe zu bekommen

In fünf Jahren habe ich diesen heiligen Gral nicht gefunden, obwohl ich jedes beschissene “get your life together” Video gesehen und nicht nur ein sündhaft teures “verändere dein Leben” Coaching gemacht habe.

Egal was und wie sehr ich es versuche, mein Leben ist nie länger als eine Woche put together.

Vielleicht ist es diese Lebensphase – die Zwanziger – in der ich stecke, vielleicht ist es auch einfach das Leben an sich, doch Fakt ist: Egal was und wie sehr ich es versuche, mein Leben ist nie länger als eine Woche put together.

Während wir mal wieder in verwunderlich rasantem Tempo auf das Jahresende zu schlittern, ist mir etwas bewusst geworden. Ich bin so nicht. Finde mich in keinem System zum Erreichen aller Ziele und Träume wieder. Weil Ziele, Wünsche, Vorstellungen und meine Wenigkeit selbst sich verändern. Weil ich verdammt nochmal keine Ahnung habe, was ich mit meinem Leben machen will.

Ich habe keine Lust, mich hinzusetzen, aufzuschreiben, zu formulieren und dazu noch ein Vision-Board basteln, nur, um dann im Februar alles an die Wand zu schmeißen.

Ich habe keine Lust, mich hinzusetzen, aufzuschreiben, zu formulieren, manifestieren, Teilziele zu setzen, einen Zeitplan aufstellen, mir ein Farbsystem überlegen und dazu noch ein Vision-Board basteln, nur, um dann im Februar alles an die Wand zu schmeißen.

Mir wurde in ca. 2,5 Millionen Videos eingeredet, dass ich es nur richtig machen, nur den konkreten 5-Jahres-Plan erstellen müsste – mit den Dingen, die ich wirklich und von Herzen will. Und Dank ca. 2,5 Millionen Videos fühle ich mich mit jedem nicht erreichtem Ziel, mit jedem vergessenen Plan, mit jeder geplatzten Traumseifenblase noch ein bisschen mieser. Fühle mich noch ein bisschen mehr wie eine Versagerin, die ihr life einfach nicht together bekommt.

Du musst gar nichts!

Schlussendlich war es ein ganz schlichter, einfacher Gedanke, welcher bei all dem Grübeln über Neujahrsvorsätze und 5-Jahrespläne einfach so aufploppte.

Du musst gar nichts.

Du musst nicht wissen, was du heute, morgen oder nächste Woche, geschweige denn in einem Monat, Jahr oder Jahrzehnt willst.

Du musst gar nichts erreichen. Niemand zwingt dich erfolgreich, erfüllt, reich oder berühmt zu sein. Niemand kann dich zwingen, irgendwas zu tun.

Du musst nicht 24/7 endlos glücklich sein, nicht permanent an dir arbeiten und wenn du nicht willst, musst du nicht mal deine Wohnung aufräumen.

Du musst nicht 24/7 endlos glücklich sein, nicht permanent an dir arbeiten und wenn du nicht willst, musst du nicht mal deine Wohnung aufräumen.

Wenn ich so darüber nachdenke, dann merke ich erst, was für einen Druck social Media und YouTube in mir verursachen. Was für ein Bild ich von mir gebastelt habe, wie ich denke sein zu wollen, bloß weil andere von außen und online betrachtet so sind. Was ich denke wollen zu wollen, nur weil andere es so machen. Und wie ich mich regelmäßig beschissen fühle, weil ich einfach nie gut genug zu sein scheine.

Da es nun einmal gesellschaftlicher Konsens ist, dass du ein guter Mensch bist, wenn du Ziele erreichst, produktiv, immer organisiert, pünktlich und gut gekleidet bist. Und vor allem, dass ein anhaltendes “Ich weiß nicht, was ich will”-Stadium inakzeptabel ist.

Dass Tausende YouTuber:innen und Selbsthilfe-Gurus noch ihren Senf darauf geben und auf ganz subtile Weise ganz großartig kommunizieren, dass dein Leben eigentlich ziemlich sinn- und wertlos ist, wenn du keine höheren Visionen verfolgst (was auch immer diese sein sollen), ist nicht mehr oder minder hilfreich.

Ich habe keine große Vision, und das ist okay

Also fuck it. Ich muss gar nichts.

Ich denke, ich hatte bislang mal mehr und mal weniger eigene Vorstellungen von Zielen, Plänen und Herzenswünschen. Wenn ich jetzt und in diesem Moment darüber nachdenke, dann ist da nicht viel. Dann ist da keine große Vision, kein durchdachter Plan, kein drängendes Ziel. Eher ein großes Nebelfeld, ein dickes Fragezeichen, was die großen Lebensfragen betrifft.

Und vielleicht will ich gerade auch nicht viel mehr, als ein bisschen in einem ganz normalen, mittelmäßig bezahltem Job vor mich hinzuarbeiten.

Und vielleicht will ich gerade auch nicht viel mehr, als ein bisschen in einem ganz normalen, mittelmäßig bezahltem Job vor mich hinzuarbeiten, ein bisschen kreativ zu sein, hier und da mehr oder weniger wichtige Dinge wegzuprokrastinieren und ein bisschen viel Zeit mit meinem Freund auf der Couch zu verbringen, Curry und viel zu viel Eis essend.

Und ich denke, damit kann ich im Moment sehr gut leben.

Headerbild: cottonbro (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

Nele schreibt und reflektiert – um sich selbst, das Leben und seine Herausforderungen zu verstehen. Und um die chaotischen Gefühle und Gedanken zu sortieren, die sich manchmal so groß und so überwältigend anfühlen können. Ansonsten fotografiert sie, stapft auf der Suche nach Entschleunigung durch die Natur und philosophiert mit ihren Freundinnen über Spiritualität, den Sinn des Lebens und Männer.

1 Comment

  • Mach dir keinen Stress, mir selbst geht es auch (noch) so – und ich bin 38! 😉
    Das Einzige was du während deines Lebens tun solltest: eine gute Zeit hier haben!♥
    Auf irgendwelche höheren Ziele, Erwartungen etc. drauf geschi**en!

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