BH-los und unrasiert – warum wir immer noch darüber reden müssen

Bestandsaufnahme: Der Sommer meldet sich, mal mehr, mal weniger vehement, an und ich bin unrasiert und laufe im Spaghettiträger-Top, ohne einen BH darunter zu tragen durch die Stadt. Muss man doch nicht weiter drüber reden, oder etwa doch?!

Eigentlich kann ich gar nicht so genau sagen, wie es dazu kam, doch relativ unbewusst habe ich den Entschluss gefasst, dass ich diesen Sommer keinen Bock habe, mich zu stressen. Damit zu stressen, mich zu enthaaren, mich in ein enges, unbequemes Unter-Oberteil zu zwängen und zu schwitzen, nur damit meine Brüste eine „bessere“ Form haben – wie auch immer die aussehen soll.

Nun kann ich mich halbwegs glücklich schätzen, dass es mir im Herbst und Winter schon immer scheißegal war, wie wenig rasiert ich bin und ich auch immer einen Partner an meiner Seite hatte, der das ganz ähnlich sah (und allein, dass ich dies schreibe, fasst das Kernproblem, auf welches ich hinaus möchte, in einem Satz zusammen: Ich brauche eine:n Partner:in, welche:r das respektiert).

 Leider ist Instagram dann doch anders als die Realität – und beides hat in diesem Fall ziemlich beschissene Seiten.

Außerdem sehe ich in meiner kleinen Instagram-Bubble lauter selbstbewusste, weiblich gelesene Personen, die ihre Körperhaare und BH-losen Brüste ganz offen und mutig zeigen und dafür einstehen, dies bei ALLEN Menschen zu akzeptieren.

Nur leider ist Instagram dann doch anders als die Realität – und beides hat in diesem Fall ziemlich beschissene Seiten.

Instagram versus Realität

Mir persönlich fällt es z. B. leichter, ein Foto, auf dem Achsel- oder Beinhaare zu sehen sind, zu posten und mir nicht allzu viele Gedanken darüber zu machen. Dafür finde ich es regelrecht unangenehm, in der Öffentlichkeit meine Behaarung zu zeigen.

Als mein Freund und ich neulich im Park bei schönstem Sommerwetter waren, habe ich mir dreimal überlegt, ob ich mein schwarzes, viel zu warmes T-Shirt wirklich ausziehen möchte, um im Sport-BH meine Hippie-Behaarung zu zeigen. Und obwohl es letztlich wohl doch niemanden so sehr interessiert, wie es online teilweise der Fall ist, ist es ein unglaublich unangenehmes Gefühl.

Ebenso wenn ich das Haus BH-los verlasse. Es fühlt sich an, als würde mich die ganze Welt anstarren, besonders unangenehm wird es, allein an einer Gruppe, häufig älterer, Männer vorbeizugehen – und ja, für dieses Unbehagen gibt es Gründe, welche ich mir nicht bloß einbilde.

Ich bin wahrscheinlich auch nicht die einzige, die beispielsweise beim Dating Sätze wie „Für mich muss eine Frau rasiert sein, alles andere finde ich unästhetisch“ gehört hat, während ich auf einen Mann mit dunklen, langen Haaren von Kopf, über Bart, Brust bis hin zu den Beinen und Zehen blickte. Hallo Doppelmoral!

Und dann bin ich wahrscheinlich auch nicht die einzige, die beispielsweise beim Dating Sätze wie „Für mich muss eine Frau rasiert sein, alles andere finde ich unästhetisch“ gehört hat, während ich auf einen Mann mit dunklen, langen Haaren von Kopf, über Bart, Brust und Rücken, Intimbereich und Po bis hin zu den Beinen und Zehen blickte – eine gesunde Doppelmoral lässt freundlich grüßen, klar, mache ich mich ästhetisch für dich.

Während offline eher das unterschwellige, unausgesprochene Unbehagen, das Gefühl, angegafft zu werden, präsent ist, sind es online die ganz offenkundigen Kommentare, aus der untersten Schublade der „Menschheit“ – wenn man es denn noch so nennen will.

Misogynes Frauenbild im Internet

Die mutigen Content-Creator:innen, die für Akzeptanz von jedem Körper kämpfen, müssen sich jeglichen Mist anhören und über sich ergehen lassen (wir müssen hoffentlich nicht darüber sprechen, dass man das eigentlich nicht tun sollen müsste, nur weil man etwas im Internet öffentlich zeigt – es gibt niemandem das Recht, beleidigende, übergriffige Kommentare zu schreiben).

„WiESo WeRDeN mIR sO EkELhAFtE BilDER voRGSchLaGeN, sChÄM dICh dU EkElhAftEs StÜCK!“ ist ja noch harmlos in der Palette der übergriffigen Beleidigungen und da kann ich mich nur allen Ernstes an den Kopf fassen und mich fragen, wieso um Himmels willen Menschen so viel Hass gegenüber der Körperbehaarung einer fremden Person, vermutlich tausende Kilometer entfernt, in einem riesengroßen digitalen Raum, empfinden können.

Wie unzufrieden muss man mit sich selbst sein, um seine ganze Wut in die Achselhaare einer fremden Person zu kanalisieren?! Im Grunde könnte einem das fast leidtun, wenn es nicht um das niedermachen, beleidigen und bedrohen anderer Menschen ginge – und nein, ich übertreibe nicht.

Wie unzufrieden muss man mit sich selbst sein, um seine ganze Wut in die Achselhaare einer fremden Person zu kanalisieren?! Im Grunde könnte einem das fast leidtun, wenn es nicht um das niedermachen, beleidigen und bedrohen anderer Menschen ginge – und nein, ich übertreibe nicht.

Die etwas „niveauvollere“ Stufe, die nach „wIE eKElHaFT“ kommt von der Problem-Polizei und klingt in etwa so: „DiE WelT HaT AuCH EchT kEInE aNDeReN ProBLeME, aLS dAsS Du DEiNe AcHsELHaaRe IN DiE KamERA zEiGSt!!!“

Wieso um Himmels willen ist denn  kein Platz für mehrere Probleme in der Welt, die gleichzeitig angegangen werden und mich darüber hinaus zu wundern, wo denn der aktivistische Content von dieser Person ist, in der versucht wird, die anderen, viel wichtigeren Probleme zu lösen. Zeit und Energie, das Achselhaar-Problem zu kommentieren scheint ja da zu sein, sich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern kann dabei wohl schonmal hintenüber fallen.

 Ich kann verstehen, dass es nervt, regelmäßig den Bart zu rasieren, denn ich bin eine Frau, der seit ihrem 12. Lebensjahr eingeredet wird, sich die Achseln, Beine und Schamhaare – ach ja, UND den Damenbart – zu entfernen.

Dann wäre da noch das absolute Totschlagargument: „IcH MuSs MiR Ja AuCh mEIneN BaRT rASieReN!“ Wie um Himmels willen kann man das mit felsenfester Überzeugung miteinander vergleichen? Ja, ich kann verstehen, wenn man nicht aussehen möchte, wie ein Mitglied von ZZ-Top und ich kann ebenso verstehen, dass es nervt, regelmäßig den Bart zu rasieren, denn ich bin eine Frau, der seit ihrem 12. Lebensjahr eingeredet wird, sich die Achseln, Beine und Schamhaare – ach ja, UND den Damenbart – zu entfernen.

Der Unterschied?! Selbst als ZZ-Top Mitglied wirst du mit deinen Gesichtshaaren akzeptiert und respektiert und nicht als ekelhaft und unhygienisch degradiert, ganz egal, wie unhygienisch so ein Bart sein kann.

Zweierlei Maß bei der Körperbehaarung

Körperhaare machen Menschen wütend und entsetzt, während „free the boobs“ als ein Freifahrtschein für Sexualisierung, lüsterne Blicke und übergriffige Kommentare und Aktionen gesehen wird. Und falls der äußerst unwahrscheinliche Fall eintritt, dass davon nichts stattfindet, so wird uns immerhin eingeredet, dass die Form und Größe unserer Brüste in keinem Fall gut genug, geschweige denn richtig sein kann. Na herzlichen Glückwunsch.

Warum wir also noch darüber reden und dafür kämpfen müssen, ohne BH und unrasiert rauszugehen oder uns so im Internet zu zeigen? Weil weiblich gelesene Personen jedes verdammte Mal mit der Entscheidung ringen, gaffende, unangenehme Blicke und ungefragte, übergriffige Kommentare zu bekommen.

Aber „IcH MuSs jA aUcH eINe BaDEhOsE trAgEn“ – da kann ich mich nur allen Ernstes an den Kopf fassen…

Warum wir also noch darüber reden und dafür kämpfen müssen, ohne BH und unrasiert rauszugehen oder uns so im Internet zu zeigen? Weil weiblich gelesene Personen jedes verdammte Mal mit der Entscheidung ringen, gaffende, unangenehme Blicke und ungefragte, übergriffige Kommentare zu bekommen.

Weil weiblich gelesene Personen ihren Körper allzu oft nicht so akzeptieren dürfen, wie er ist, weil das als ach so ekelhaft, unhygienisch und unästhetisch – oder als sexualisiert und „Einladung“ gesehen wird und das fucking angsteinflößend sein kann.

I’ve got news for you: Weder deine Freundin, noch die Frau, die auf der Straße an dir vorbeiläuft oder am Strand zwei Meter neben dir liegt, ist dafür da, irgendwem zu gefallen oder gar sexy für irgendwen zu sein, außer sich selbst.

But I’ve got news for you: Weder deine Freundin, noch die Frau, die auf der Straße an dir vorbeiläuft oder am Strand zwei Meter neben dir liegt, ist dafür da, irgendwem zu gefallen oder gar sexy für irgendwen zu sein, außer sich selbst. Wenn’s dir nicht gefällt, guck halt woanders hin und kümmer dich um deinen Dreck – z. B. deine eigene ekelhafte Körperbehaarung.

Oh, war das jetzt unangebracht, das zu schreiben? Fühlt sich gar nicht so geil an, die eigene Medizin zu schlucken, was? Und wenn es dir doch gefällt? Guck woanders hin und lass sie verdammt nochmal in Frieden.

Solange sich Frauen unwohl fühlen, weil Kapitalismus und Mitmenschen Körperbehaarung als ekelhaft und Brüste mit Nippel als Freifahrtschein für sexuelle Belästigung sehen, müssen wir darüber sprechen und dafür kämpfen, dem ein Ende zu setzen.

Und falls dein:e Partner:in von dir verlangt, dich zu rasieren, frage ich dich, ob du dauerhaft mit jemanden zusammen sein willst, bei dem:r die Liebe von der Länge deiner Körperbehaarung abhängig ist, und der/die dich nicht akzeptiert, so wie du bist und sein willst.

Headerfoto: felinelyart (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

felinelyart macht Selbstportraits und findet Worte für Selbstreflexion und Akzeptanz. Ein Versuch, Leidenschaft und Weiblichkeit in Worte und Bilder zu fassen. Der Wunsch, Sensibilität und Sehnsucht, Krativität und Kraft, Verlangen und Verlust zu leben und zu lieben. Irgendwo zwischen Selbstverwirklichung und Sinn-des-Lebens-Suche.  

2 Comments

  • Hallo,
    das sehe ich genauso. Eine natürlich aussehende Frau finde ich sowieso am attraktivsten, nicht versteckt hinter zuviel Schminke und Lippenstift. Wenn die Frau ihren Busen ohne BH unter der Bluse zeigen kann, ist das doch sehr attraktiv. Und ein gepflegtes Haar am Körper ist auch sehr sexy.
    Lg

  • Hallo guten Tag mal vorerst!
    Dies ist mein erster Kommentar überhaupt…
    Ich möchte nur meinen Standpunkt darbringen:
    Ich finde Frauen in ihrer Natürlichkeit am schönsten, wenn es jetzt nicht übertrieben ist, finde ich die Behaarung eigentlich nicht störend. Und ohne Bh ist sowieso viel natürlicher, wenn es halt der Frau gut tut und sie keinen physischen oder gesundheitlichen Schaden damit hat.
    Aber jetzt zum eigentlichen Punkt meines Kommentars…
    ich verstehe nicht wieso heute so viel Wert auf die virtuelle Meinung gegeben wird. Es ist doch klar dass jeder ohne Schaden dabei seine Meinung sagen kann, und das eben mehr Schaden zufügt.
    Das Leben spielt sich zum Glück noch in der Realität ab, und da sieht und riecht der Gegenüber dann gänzlich anders aus.
    So, hoffe das war nicht unangebracht,

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