„Beziehung“ klingt nach Hautausschlag. Warum nicht einfach „Team“?

Wörter sind Pinsel, die Realität skizzieren. Manchmal brutal, manchmal kitschig, oft nebenbei. Es macht einen Unterschied, ob ich von stolzieren oder schlurfen spreche. Schweben oder stolpern? Lästern oder erörtern? Ich mag den Gedanken, dass ich mit den Wörtern, die ich mir aussuche, eine Welt baue, die so aussieht, wie ich mir das wünsche – ein bisschen Pippi Langstrumpf eben.

Es gibt aber Wörter, die so gar nicht in meine kleine Emo-Millennial-Welt passen. Nun ist es aber international bekannt, dass die deutsche Sprache eher nach Millitärsbefehl aus dem zweiten Weltkrieg als nach Savoir-Vivre klingt. Wer mir nicht glaubt: Kotflügel, Strumpf, Grütze, Warze, lecker, Klempner, Schlüpfer, Haarfrisur – bitteschön. Und dann gibt es da Begriffe, die nicht nur hässlich sind, sondern mir irgendwie Angst machen. Sie thronen völlig unantastbar in meinem Unterbewusstsein, das ständig versucht, sie zu umgehen. Das Wort „Beziehung“ zum Beispiel.

Beziehung, das klingt für mich nach Hautausschlag. Und wer will schon freiwillig Hautausschlag?

Beziehung, das klingt für mich nach Hautausschlag. Nach einer richtig fiesen Angelegenheit, mit Pusteln am ganzen Körper. Und wer will schon freiwillig Hautausschlag? Genau! Niemand. Doof nur, wenn der Ausschlag so bedrohlich wirkt, dass ich plötzlich alles, was ich damit verbinde, aus Prinzip vermeide. Könnte man sich dagegen impfen lassen, ich würde mir drei Spritzen gleichzeitig in die Armbeuge jagen. Ich finde, Wörter sind mächtiger, als viele denken. Und je länger ich mir den Kopf zerbreche über einzelne Begriffe, desto weniger passen sie oft in das Puzzle meiner vielleicht ein bisschen absurden Welt.

Neulich in der Buchhandlung meines Vertrauens. Wort-Paradies, klar. In der Belletristik-Abteilung liegen vier Bücher nebeneinander gestapelt, die sich mit meiner anscheinend sehr verkorksten Generation befassen: „Beziehungsunfähig“ schreit mir da in Versalien von einem Buchtitel entgegen. Was zur Hölle soll das heißen? Unfähig, gibt’s das überhaupt? Und unabhängig davon, was man nach all den Buchseiten gelernt hat: Was sagt es über uns aus, wenn eine ganze Generation mit Schlagwörtern beschrieben wird, die nichts anderes tun, als unsere Unfähigkeit zu benennen? Das klingt nicht bloß nach Hautausschlag, sondern eher nach knackig antrainierten Psychosen.

Klar, es ist ziemlich einfach, sich hinter diesen Worthüllen zu verstecken. Aber wie lief es denn, als „Beziehungsunfähig“ noch nicht im Alltags-Jargon gelandet war? Wann haben wir verlernt, uns selbst zuzuhören? Für mich klingt das nach Einbahnstraße. Heißt: Du darfst mir ruhig Liebe geben, ich nehm sie auch gerne an, aber kriegste halt nix für zurück. Peace out. Das ist so grauenhaft selbstgefällig.

Wir bestärken uns gegenseitig, indem wir uns zustimmen, wie unfähig wir sind. Wer findet den Fehler?

Oft schmeiße ich mit Begriffen um mich, die eigentlich nur verhindern, was ich in Wahrheit will: ein glasklares Ja. Was ich nicht will? Trost von Büchern, Studien, Wissenschaftlern und Autoren, die uns die beste Ausrede für emotionale Verweigerung bieten. Ich wäre aber nicht ich selbst, wenn ich mich nicht auch hinter diesem Einbahnstraßenschild verstecken würde. Das ist so schön einfach und auch ein bisschen gemütlich, mit all diesen anderen Menschen, die dasselbe Versteck ausgewählt haben wie ich. Außerdem ist das super praktisch: Wir bestärken uns gegenseitig, indem wir uns zustimmen, wie unfähig wir sind. Wer findet den Fehler?

Ich denke, da muss ein bisschen Revolution her. Ich will Wörter so verwenden, wie sie in meine Welt passen. Ohne sperrige Beziehungen. Das klingt nach spaßbefreiter Arbeit, Verbissenheit und eben Hautausschlag. Viel lieber würde ich die Angelegenheit als „Team“ benennen – mit jemandem, der nicht Unfähigkeit in mir sieht, sondern einfach mich als Ganzes. Team, das klingt nach Erlebnissen, nach Abenteuer und Unterstützung. Keine Spur von Hautausschlag.

Ich will ab jetzt mit neuen Pinseln malen – und die Emo-Welt ein bisschen Realität werden lassen. Denn wenn ich mir schon jeden Tag Good Vibes und Happy Life auf den Social Media-Accounts von anderen reinpfeife und mich frage, wie das geht – warum nicht einfach mal machen? Bei Pippi Langstrumpf hat’s ja auch funktioniert.

Headerfoto: Brooke Cagle via Unsplash.con. (Gesellschaftsspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

ELISABETH grübelt was das Zeug hält – manchmal sogar, bis kein Zeug mehr da ist. Sie findet, dass Fragen meistens die besseren Antworten sind, kommt aus einer wundervollen Ösi-Provinz und arbeitet eigentlich für ein Frauenmagazin. Nebenbei verbringt sie sehr viel Zeit damit, Avocados fotogen aus ihren Schalen zu lösen, samstags bis sieben Uhr morgens irgendwo zu tanzen und dann verloren zu gehen oder sich von ihren Freunden bekochen zu lassen. Kochen, das funktioniert nämlich nicht so gut wie grübeln.

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