Aussehen egal, hauptsache gut drauf – Raus aus den 90ern und rein in die Realness!

„Ich will so bleiben, wie ich bin – Du darfst!“ Was in den hotten 90ern eine Werbung für Light-Produkte war, krame ich 2019 als mein cooles neues Motto wieder hervor. Denn oft, viel zu oft, habe ich nicht das Gefühl, dass ich so sein darf, wie ich bin. Das Blödeste daran: Die Mäkelnde bin hauptsächlich ich selber.

Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie scheiße sich das erst anfühlen muss, wenn man von außen ständig gesagt bekommt, dass man gerade zu dick, zu dünn, in einem schlechtbezahlten Job oder mit dem falschen Partner zusammen ist. Wie oft habe ich das schon mitbekommen, dass sich gegenseitig, vor allem in Familien, ständig bewertet wird. Liebe Grüße von mir an dieser Stelle. Ich finde, wer nichts Nettes zu sagen hat, kann einfach mal die Kresse halten.

Aber woher nehme ich eigentlich meine Ansprüche an mich? Kommen die wirklich immer alle aus den Tiefen meines Selbst? Ich meine, irgendwo, irgendwie, irgendwann muss ich mir ja auch meine Meinung darüber gebildet haben, wie man bestenfalls zu sein hat.

Ich finde, wer nichts Nettes zu sagen hat, kann einfach mal die Kresse halten.

Viele wettern ja über Instagram und wie die App die Teenager-Köpfe abfuckt, weil ständig diese unechte Perfektion vorgelebt wird. Ich habe mir allerdings gerade noch einmal die Werbung von „Du Darfst“ aus den 90ern angesehen und – ein Memo an uns alle – da läuft, springt und schwingt eine wirklich sehr, sehr schlanke Frau gut gelaunt im Businessoutfit vom Büro durch die Straßen nach Hause. Sie guckt sich und vor allem ihre schmale Taille in jedem möglichen Schaufenster an und gefällt sich dabei ziemlich gut.

In diesem Moment ist mir klar geworden, dass es früher überhaupt gar keine Werbefläche für irgendetwas gegeben hat, was nicht super toll, super schlank oder super erfolgreich gewesen ist. Da finde ich Instagram heutzutage schon tausend Mal besser. Der Trick ist nur, den richtigen Leuten zu folgen. Es liegt also an einem selbst, mit welchen Bildern und Einstellungen man sein Gehirn fluten und sein Mindset beeinflussen möchte. Wie immer haben wir die Wahl. Klingt doch super!

Nur sollten wir uns auf Instagram als Psychologe unseres Vertrauens nicht verlassen. Vor Kurzem habe ich festgestellt, dass ich mir oft Bedingungen in meinem Leben stelle. Zum Beispiel: „Als Musikerin kannst du erst erfolgreich sein, wenn du aussiehst wie ein Model.“ Der Satz begleitet mich schon seit meinen frühen Teenagerjahren.

Ich knüpfe also die Realisierung meiner Träume an Bedingungen, die ich vielleicht niemals erreichen werde.

Ich knüpfe also die Realisierung meiner Träume an Bedingungen, die ich vielleicht niemals erreichen werde. Viel schlimmer noch: Anstatt an der Umsetzung meiner Ziele zu arbeiten, arbeite ich an der Erreichung meiner Bedingungen. Lebenszeit verschwendet hoch drei. Ad absurdum wird das Ganze dann geführt, wenn ich doppelt enttäuscht bin. Nach wie vor kein Supermodel und auch immer noch nicht erfolgreich. Ich glaube, das macht alles keinen Sinn.

Vielleicht hat also die Werbung aus den 90ern mitunter Schuld daran, dass ich heute nach wie vor nicht ganz so zufrieden mit mir bin, wie ich es sein könnte und das Ziel meiner Träume noch nicht erreicht habe. Dass ich meinen Fokus immer auf die falschen Attribute gelegt und mich nur oberflächlich und nicht anhand meines Wesens oder meiner Skills bewertet habe. Dabei stelle ich mich immer ganz vorne an, wenn es darum geht, Menschen mit dem Herzen zu sehen.

Es wäre also sicher nicht verkehrt gewesen, auch in den Jahren vor Instagram, also zu der Zeit von „Du Darfst!“, mir schon vor Augen zu führen, dass es den Menschen in meinem Umfeld auch so gehen könnte wie mir. Dass sie mich nicht aufgrund meines Aussehens oder meines Erfolgs bewerten, sondern aufgrund dessen, wer ich bin und wie ich ihr Leben beeinflusse und im besten Fall schöner mache. Dass das wahrscheinlich nicht alles nur an meinen Löckchen liegt.

Mir ist dass, genauso wie die 90er, auch meine unrealistischen Ansprüche an mich selbst in die Jahre gekommen sind.

Damals war ich offensichtlich ein bisschen zu jung, um so smart zu sein. Heutzutage habe ich endlich genug Brain, um zu wissen, dass ich mich selber entscheiden kann, wie ich mich fühlen möchte. Mir ist mittlerweile total klar, dass, genauso wie die 90er, auch meine unerträglich unrealistischen und verzerrten Ansprüche an mich selbst in die Jahre gekommen sind.

Obendrauf habe ich Glück. Denn, der beste Zeitpunkt war zwar vor 20 Jahren, aber der nächstbeste Zeitpunkt, etwas zu verändern, ist jetzt. Ich kann also mir nichts, dir nichts einfach mal raushauen: Ich find mich spitze, ist doch alles tutti, wo ist eigentlich das Problem?

Richtig hilfreich finde ich, mir immer wieder klar zu machen, dass wir mehr und mehr in einer Zeit leben, die die Vielfalt feiert und auf Individualität steht. In einer Zeit, in der nach all der einheitlichen Künstlichkeit Realness wieder an Bedeutung gewinnt. Ich will nicht sagen, dass wir da jeden Weg schon bis zum Ende gegangen sind, aber die Zeit ist nicht stehen geblieben und das sollte ich auch nicht. Vor allem nicht, wenn es um meine Sicht auf mich geht. Die geht besser noch eine Runde auf der Loveparade raven, als mich weiterhin in 2019 zu nerven.

Obendrauf habe ich Glück. Denn der nächstbeste Zeitpunkt, etwas zu verändern, ist jetzt.

Ich lerne immer mehr Menschen kennen, die auf Natürlichkeit und auf Inhalte stehen und die mir das Gefühl geben, je mehr ich einfach ich bin, desto besser finden sie mich. Echtheit überzeugt. Authentizität ist geil. Und das beinhaltet auch, mal darüber zu sprechen, dass man mit sich nicht zufrieden ist.

Für mich war es einfach nur wichtig herauszufinden, dass das schöne Leben nicht erst anfängt, wenn man sich dafür hübsch gemacht hat, sondern das man da schon von Anfang an knietief drinsteckt. Dass es viel mehr Spaß macht, gut gelaunt zu sein und Dinge zu tun, die man liebt, als gegen Windmühlen zu kämpfen und sich von unwichtigen Sachen die Laune oder schlimmstenfalls das ganze Leben verderben zu lassen.

Ich will so bleiben, wie ich bin – ich darf! Alles, was ich ändern muss, ist also maximal meine Einstellung. Und falls es da mal einen Moment klemmt, mach ich mir für den Abend eben eine Kuschelrock-Playlist an und schmiege mich an Teddy.

Diese Kolumne könnt ihr euch auch bei Spotify, iTunes und Deezer von Karlie höchst persönlich vorlesen lassen. Oder einfach hier:

Headerfoto: Gian Cescon via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

KARLIE APRIORI ist Singer-Songwriterin, hostet die Podcasts „Karlies Kolumne“ & „Behind The Lyrics - Interview mit dem Künstler“ und schreibt Kolumnen. Passioniert reflektiert sie in ihren Texten und mit ihren Gästen das Menschsein. Dabei sucht sie immer nach der ehrlichsten Antwort. So eigenartig sie auch sein mag, die Wahrheit erblickt das Licht der Welt. So, wie es Hemingway empfohlen hat und so, wie es doch auch am meisten Spaß macht: „All you have to do is write one true sentence.“

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