Angst vor Kontamination – Mein Waschzwang war früher merkwürdig und ist heute vorbildlich

„Die Psychos von heute werden die Weisen von morgen sein“, sage ich zu Manuel. „Es sei denn man ist Hannibal Lecter.“ Es ist halb Witz, halb mit Zweifeln versehene Wahrheit. „Hm“, macht er. „Ich denke, dass du ein bisschen übertreibst, aber ich kann dich verstehen.“

Er hat mich dabei beobachtet, wie ich auf den Stopp-Knopf im Bus gedrückt habe und mir danach die Hände desinfiziert habe. Es ist Februar. „Und Corona rückt immer näher“, sage ich. „Expert*inneen haben gesagt, dass man sich nicht so viele Sorgen machen muss. Ich habe das bei, ich glaub‘, Hart aber fair gesehen. Kennst du die Sendung? Es waren Jens Spahn und ein Virologe da. Sie kennen sich besser aus als du. Du verrennst dich vielleicht ein bisschen“, sagt er liebevoll. „Ich möchte nicht, dass du vielleicht unnötig Angst hast“. Er streicht mir sanft über die Hand. „Ich meine es nur gut.“

„Spahn hat Politikwissenschaften studiert und ist Berufspolitiker. Warum ist er Gesundheitsminister?“, sage ich. Manuel lacht.

Deutsche kaufen Regale mit Klopapier, Nudeln und Seife leer. Saubere Hände wie noch nie. 1,5 m Abstand, besser zwei.

Es ist Ende März. Ausgangsbeschränkungen, Kontaktsperren. Es mangelt an Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken. Wir haben kaum Schutzkleidung für medizinisches Personal. Deutsche kaufen Regale mit Klopapier, Nudeln und Seife leer. Saubere Hände wie noch nie. 1,5 m Abstand, besser zwei. #bleibtzuhause.

Deutsche Touristen meinen, Mitte März noch in den Urlaub fliegen zu müssen, sind überall verteilt und müssen aufwändig zurückgeholt werden. Kitas, Schulen, Universitäten sind geschlossen. Deutschland steht größtenteils still. Wir sind die Protagonist*innen in einem dystopischen Buch.

„Waschen Sie bitte Ihre Hände“ lautet das Credo. Die Norm in der schönen neuen Welt. Menschen mit Zwangsstörung, Waschzwang, Hypochondrie, Zwangsneurosen haben bei solchen Aufforderungen meist Seife, Desinfektionsmittel und ein müdes Lächeln übrig.

Das, was Zwangsneurotiker*innen, sich abgewöhnen sollen, wird jetzt zum erstrebenswerten Alltag

Wie paradox ist es, dass man auf einmal genau das befolgen soll, was ohnehin zum Alltag der meisten von uns Zwangsneurotiker*innen gehört. Etwas, das wir uns abgewöhnen sollten wie ein*e Raucher*in das Rauchen. Ein lästiger Zwang. Schädlich und „nicht normal“ wie die anderen.

Psycholog*innen setzen auf Konfrontationstherapie bei Waschzwang und Kontaminationsangst. „Es passiert nichts, wenn du eine – deiner Meinung nach – kontaminierte Fläche anfasst.“ Und so soll man sich die Hände tagelang nach der Therapiestunde nicht waschen. Es passiert nichts – und wenn doch?

Ich habe eine mittel-stark ausgeprägte Zwangsstörung. Ich wasche viel und regelmäßig, aber meine Hände sind selten wund und ich habe kein stundenlanges „Waschritual“ wie manche Leidensgenoss*innen, aber ich wasche meine Hände öfter als der*die Durchschnittsbürger*in.

Treppengeländer, Knöpfe, Türgriffe, Hände schütteln, das Handy – all das ist als „kontaminiert“ unterbewusst abgespeichert und das war es auch vor Corona.

Treppengeländer, Knöpfe, Türgriffe, Hände schütteln, das Handy, Gegenstände, die von vielen Menschen angefasst werden – all das ist als „kontaminiert“ unterbewusst abgespeichert und das war es auch vor Corona. Selbstauferlegte Hygiene-Regeln, die man verinnerlicht hat wie ein Grundschulkind das ABC. Zwänge sind wie ein mentales Gefängnis. Die Gedanken sind nie frei. Sie tragen ein Gedankenkorsett.

Zwangsstörung bedeutet nicht immer Waschzwang. Man kann von OCD – obsessive compulsive disorder – betroffen sein und inmitten von leeren Pfandflaschen, Essensresten und dreckiger Wäsche auf einer Matratze auf dem Boden sitzen und der Zwangscharakter äußert sich auf eine andere Art und Weise.

„Gute“ Zahlen, Farben und Wörter und „schlechte“. Stundenlang kontrollieren, ob man den Herd ausgeschaltet hat, bevor man die Wohnung verlässt oder „magisches Denken“. Mache ich etwas nicht wie etwa dreimal mit dem Fuß auftreten oder das Licht ein- und ausschalten – und klingt es noch so irrational – passiert etwas Schlechtes.

Man versucht, Kontrolle zu erlangen

Es geht um Angst, Ungewissheit – und um die Kontrolle, die man versucht zu erlangen. Ursachen können, müssen aber nicht, unter anderem ein Trauma in der Kindheit sein oder genetische Veranlagung.

Viele, aber nicht alle Menschen mit OCD, haben einen Waschzwang oder merkwürdige Angewohnheiten, die früher, wenn man es nicht gut versteckt hat, „normalen“ Menschen aufgefallen sind. Dem Kommilitonen, der Chefin, der Mitbewohnerin, fremden Menschen im Bus, dem Freund. Doch was früher merkwürdig war, ist heute vorbildlich.

Alle Betroffenen müssen stark sein. Hygienemaßnahmen befolgen. Versuchen, die Angst klein zu halten mit allem, was für uns gut ist.

Alle Betroffenen müssen stark sein. Hygienemaßnahmen befolgen, aber nicht stundenlang waschen, schrubben, scheuern. Versuchen, die Angst klein zu halten mit allem, was für uns gut ist. Meditation, Sport, Lesen. Was auch immer hilft.

Wäre ich eine Verantwortliche in unserem Gesundheitssystem, hätten wir Tonnen von Masken und Schutzausrüstungen und hätte mich jemand gefragt, was das soll und ob ich mich auf die Zombie-Apokalypse vorbereite, hätte ich gesagt: „Ja, vielleicht.“

Eine Angststörung kann in einem gewissen Maße auch eine Stärke und vernünftig sein, wie sich zeigt.

Headerfoto: Valentin Lacoste via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Mia ist arm, aber eher mittel-sexy, bei gedämpftem Licht und mit der entsprechenden Promillezahl. Sie neigt zu Faulheit und Melancholie und ihre ehemalige französische Mitbewohnerin sagt, dass sie an ihrem Selbstbewusstsein arbeiten sollte. Es ist schwer, Ratschläge zu befolgen, wenn man sich von süßen, französischen Akzenten ablenken lässt und zu viel Wein getrunken hat. Sie mag Filme, Bücher, Kunst, Reisen, Musik und schreiben, was sie auf ihrem Blog macht.

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