„All I want for Christmas“ ist ein Fest ohne Stress und Familienkonflikte | Warum wir Weihnachten neu denken sollten

Wir alle kennen sie, diese eine Szene in kitschigen Weihnachtsfilmen, in der alles wieder gut ist. In der die Protagonist:innen ihre Struggles überwunden haben und gemeinsam mit ihrer großen, glücklichen Familie um den Weihnachtsbaum sitzen und sich gegenseitig ihre Geschenke überreichen. Die sind allerdings gar nicht wichtig, denn jegliches Materielle wird zur Nebensache angesichts des puren Glücks, das diese Menschen miteinander teilen.

„Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Familie und wir sind einander alles, was wir brauchen“

„Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Familie und wir sind einander alles, was wir brauchen“, soll uns diese Szene sagen und als eine unhinterfragte, unumstößliche Tatsache haben wir diesen Satz von klein auf angenommen und reproduziert. Weihnachten hat dieses Magische, Träumerische, vom Alltag Losgelöste an sich – umso härter trifft uns dann oft die Realität, die in Form von Stress, Familienkonflikten und Organisationschaos kurz vor den Weihnachtstagen an unsere Tür klopft. 

Merry Crisis – Weihnachten und Familie  

„Wo bin ich an Weihnachten?“, „mit wem feiere ich wann?“, „wie kann ich verschiedene Verpflichtungen aufeinander abstimmen?“ Das sind Fragen, die wohl die meisten Menschen jedes Jahr aufs Neue beschäftigen. Wenn Menschen, die sich nicht oft sehen, einmal im Jahr für drei Tage aufeinandertreffen und miteinander interagieren, ist das mit einem erhöhten Organisationsaufwand verbunden: Paare müssen sich entscheiden, wann wessen Familie besucht wird, geschiedene Eltern, Patchwork-Familien und Menschen in komplexen Familienverhältnissen müssen in dieser Zeit besonders viel planen – und Singles werden sowieso nicht gefragt, sondern müssen ganz selbstverständlich da hinreisen, wo alle anderen sind. 

Statt glücklicher „Holly Jolly-Christmas“-Stimmung: das Aufwärmen ungelöster Konflikte, Kritik an Lebensentscheidungen, unangebrachte Kommentare.

Und sind wir dann einmal am Ort des Geschehens angekommen, ist da wahrlich nicht immer glückliche „Holly Jolly- Christmas“-Stimmung vorzufinden. Stattdessen sieht die Realität bei vielen Menschen so aus: das Aufwärmen ungelöster Konflikte, Kritik an Lebensentscheidungen, unangebrachte Kommentare über Äußerlichkeiten. Und Politisches! Denn nur weil man derselben Familie angehört, muss man sich noch lange nicht einig sein, wenn es um die aktuelle Regierung, die Corona-Pandemie, die Klimaproteste der Letzten Generation oder dieses „nervige Gendern“ geht. Auch das Weihnachtsessen bietet immer wieder Anlass für hitzige Diskussionen über den Klimawandel, Veganismus und Verbotskultur. Been there, done that. Und das wäre okay, würde es nicht um Weihnachten gehen. Wo doch alles harmonisch sein soll. Und die eigene Familie doch alles ist, was wir brauchen sollen.

Weihnachten und Konflikt 

Was wir dabei immer wieder vergessen: Weihnachten findet nicht im luftleeren Raum statt und es wäre eine Illusion, zu denken, dass wir Konflikte, die uns das ganze Jahr über beschäftigen, einfach vor der Tür lassen können, um ein harmonisches Miteinander zu haben. Das ist genauso romantisiert wie zu glauben, dass unser Aufeinandertreffen von gesellschaftliche Strukturen, Problemen und Diskriminierung unberührt bleibt, nur weil es um die eigene Familie geht. Offene familiäre Konflikte und Unterschiede werden natürlich besonders sichtbar, wenn sich die Familienmitglieder wieder in ihrer alten familiären Umgebung befinden. Und wenn die Familie vielleicht nur einmal im Jahr an Weihnachten zusammenkommt, konzentrieren sich die ungelösten Konflikte dann auf wenige Tage. Das ist besonders intensiv und anstrengend für Menschen, die ohnehin kein besonders gutes Verhältnis zu ihren Familien haben, weil sie sich mit ihnen nicht sicher, akzeptiert, gewollt oder gesehen fühlen. Und wenn dann Weihnachten lediglich der Anlass ist, zu dem ihnen das wieder und wieder gespiegelt wird, dann kann das unheimlich schmerzhaft sein.

Weihnachten findet nicht im luftleeren Raum statt und es ist eine Illusion, dass wir Konflikte einfach vor der Tür lassen können, um ein harmonisches Miteinander zu verbringen.

Vielleicht sind es also falsche romantisierte Familienideale, die uns alle Jahre wieder besonders unter Druck setzen, weil wir sie immer noch mit Weihnachten verknüpfen, befeuert von kapitalistischem Kommerz. Vielleicht ist es für manche das Gefühl, wieder in Rollen schlüpfen zu müssen, die sie längst hinter sich gelassen haben. Vielleicht ist es auch der Stress der vergangenen Arbeitswoche, gemischt mit Vorbereitungen und Erwartungen, der sich nun entlädt. 

Warum feiern wir Weihnachten so, wie wir es feiern?

Wenn es so vielen von uns rund um Weihnachten nicht gut geht, stellt sich die unbequeme Frage: Warum feiern wir dieses besinnliche, vermeintlich so harmonische Fest mit Menschen, die uns nicht gut tun und setzen uns dabei Konflikten und vielleicht sogar Risiken für unsere mentale Gesundheit aus? Warum beugen wir uns einem Ideal, wenn wir eigentlich lieber mit anderen Menschen feiern würden? 

Warum beugen wir uns einem Ideal, wenn wir eigentlich lieber mit anderen Menschen feiern würden?

Das besinnliche Weihnachten, das wir so idealisieren, gibt es erst seit etwa 200 Jahren. Vorher wurde Weihnachten in Kirchen und auf den Straßen gefeiert – in großer Gemeinschaft. Nur die Oberschicht zelebrierte Heiligabend im kleinen familiären Kreis, um ihr Standesbewusstsein zu demonstrieren. Mit der Industrialisierung zogen immer mehr Menschen in die Städte und Armut war weit verbreitet, sodass das Konfliktpotenzial enorm anstieg. Arbeitgeber instrumentalisierten das Weihnachtsfest schließlich, um die Arbeiterklasse zu besänftigen und auch Schriftsteller fingen an, Weihnachten durch nostalgische Beschreibungen als das friedliche Familienfest mit seinen Traditionen zu inszenieren, das wir heute so idealisieren. Und diese Inszenierung findet heute überall statt: in romantischen Weihnachtsfilmen, kitschigen Supermarkt-Werbungen, Kinderbüchern und letztendlich in unserer aller Wohnzimmer. 

Weihnachten neu denken?

Dieser kleine historische Ausflug soll vor allem eins verdeutlichen: Weihnachten, wie wir es heute feiern, gibt es noch gar nicht so lange. Traditionen sind menschengemacht – und damit wandelbarer, als wir denken mögen. Vielleicht ist es für manche von uns Zeit, sich von Traditionen und einem „So-war-es-aber-schon-immer“-Denken zu lösen. Vielleicht brauchen wir ein bisschen mehr Real Talk statt Movie-Kitsch. Denn wir alle verdienen ein schönes Weihnachten mit Menschen, mit denen wir uns wohlfühlen. Und es ist super schade, wenn man sich aufgrund von Stress und Konflikten nicht mehr auf Weihnachten freuen kann. Wie wäre es also, Weihnachten neu zu denken und zu gestalten? 

Wie wäre es, Weihnachten neu zu denken und zu gestalten? 

Uns von gesellschaftlichen Idealen zu befreien, eigene zu kreieren. Mit „Chosen Families“, Herzensmenschen, alleine oder auf Reisen zu feiern. Zu essen, was wir mögen, anzuziehen, worin wir uns wohl fühlen, in unserem vertrauten Safe Space zu bleiben, anstatt durchs halbe Land zu fahren. Das, was Weihnachten für uns bedeutet, nicht überschatten zu lassen von Stress und Konflikten. Es kostet Mut – und ist natürlich auch mit Privilegien verbunden -, aus festgefahrenen Strukturen ausbrechen zu können. Aber es ermöglicht ein selbstbestimmtes Weihnachten nach eigenen Vorstellungen. Hier meine unpopular opinion: Wer sich noch nicht bereit dafür fühlt, so ehrlich zu sich und anderen zu sein, darf sich an Weihnachten auch mal krank melden. Denn am Ende ist das Allerwichtigste, dass es uns gut geht. So nämlich! 

Have Yourself a Merry Little Christmas!  

Wir können entscheiden, wer mit uns um den Weihnachtsbaum sitzen darf und welche Bedeutung wir diesem Fest überhaupt beimessen. Wir können dazu beitragen, die Weihnachtszeit empathischer und liebevoller zu gestalten, besonders für die, für die das überhaupt keine einfache Zeit ist. Wir können Menschen, die alleine feiern (und das nicht wollen) einladen, mit uns zu feiern. Wir können regelmäßige Check-Ins bei unseren Freund:innen machen, die Weihnachten in einem Umfeld feiern, in dem sie sich nicht wohl fühlen. Wir können neue Traditionen schaffen, fernab von kapitalistischen und patriarchalen Werten.

Wir können entscheiden, wer mit uns um den Weihnachtsbaum sitzen darf. Und wir können dazu beitragen, die Weihnachtszeit empathischer und liebevoller zu gestalten.

Wenn ich dieses Weihnachten wieder mit meiner lauten, trubeligen Familie am Tisch sitze und mich trotz Stress und aller Unterschiede ziemlich glücklich schätzen darf, möchte ich an die denken, die sich an einem Tisch voller Menschen wie Fremde fühlen. An die, die sich unter ihren eigenen Verwandten nicht sicher fühlen, weil sie queer sind, weil sie marginalisiert sind, weil sie anders sind. Ich möchte an die denken, die in diesem Jahr zum ersten Mal mit ihren selbst gewählten Familien feiern. Und an die, die vielleicht im nächsten Jahr den Mut finden, das zu tun. 

Have Yourself a Merry Little Christmas! ❤️

Headerfoto: cottonbro studio (Kategorie-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Amelie Fischer (sie/ihr) sieht das Politische in den ganz großen und den ganz kleinen Dingen. Sie spricht und schreibt am liebsten über globale Ungerechtigkeiten, Machtstrukturen, intersektionalen Feminismus und die Liebe, immer die Liebe. Um ein wenig Leichtigkeit in den Weltschmerz zu bringen, den sie oft fühlt, liest sie für ihr Leben gerne Romance Novels. Aber nur zu Recherchezwecken, versteht sich! Denn auch die Liebe ist höchstpolitisch. Mehr von Amelie gibt es auf Instagram.

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