All die Jahre habe ich ihn so vermisst, aber jetzt will ich ihn nicht mehr

Der Kalender zeigt Dezember an. Es ist viel zu warm für diese Jahreszeit, aber in mir drin ist es eisig. Der Weihnachtsmarkt lockt mit seinen Gerüchen und bunten Lichtern – ja, er schreit förmlich nach mir, doch dieses Jahr hat mich müde gemacht. Seit Wochen habe ich es vermieden, vor die Tür zu gehen. Jeglicher Kontakt war mir zu viel. Aber nun muss ich es wagen, um ein Stück von meinem alten Leben wieder zurückzugewinnen.

Ich schiebe mich durch Menschenmassen und doch habe ich mich selten so einsam gefühlt wie in diesem Moment.

Ich schiebe mich durch Menschenmassen und doch habe ich mich selten so einsam gefühlt wie in diesem Moment. Ich spüre die Blicke der anderen, ich höre ihre monotonen, oberflächlichen, immer gleichen Komplimente, aber es interessiert mich nicht, es macht mich wütend.

Ich suche meinen Trost im Glühwein, doch auch das dritte Glas ist nicht stark genug, um meinen Schmerz zu bekämpfen, nicht heiß genug, um mir Wärme zu schenken, und überhaupt füllt es nicht die Leere tief in mir.

Jemand steht hinter mir, beobachtet mich schon eine ganze Weile. Ich drehe mich um, starre ihn an. Er schenkt mir ein Lächeln. “Hallo, meine schönste Mo-Jo.” Ein Satz, der mir so vertraut und doch so fremd ist. Genauso vertraut und fremd wie sein Gesicht, das sich jedoch in den Jahren kaum verändert hat. Jahre, in denen ich gelitten habe, seinetwegen, meinem Seelenverwandten, meiner großen Liebe.

Es sollte etwas Großes werden. Doch der Traum zerbrach in tausend Scherben – wie mein Herz – als er ging.

Es sollte etwas Großes werden. Doch der Traum zerbrach in tausend Scherben – wie mein Herz – als er ging. Unendlich viele Versuche ihn zu vergessen, die kläglich zerschmetterten an den vielen Erinnerungen an die Zeit mit ihm – an unsere Zeit.

Er tritt näher, ich kann seinen Atem spüren, sehe ihm tief in die Augen. Diese Augen, in denen ich mich so oft verlor. Ich sehe seinen Lippen zu, wie sie sich bewegen, als er mit mir spricht. Er erzählt mir von seinem Leben, als sei nie etwas zwischen uns gewesen. Es macht mich wütend. Ich würde ihn am liebsten anschreien, doch ich möchte ihn nicht noch einmal verlieren. Ich mustere ihn … diese Mischung aus Vertrautheit und Fremdheit lässt mich erstarren.

Ich dachte, ich müsse ihn nie mehr sehen – ein sehr beruhigendes Gefühl. Doch nun steht er vor mir und bittet mich darum, mit ihm etwas trinken zu gehen. Ich lasse meine Schultern sinken und gebe ihm nach, so wie ich es immer getan habe.

Es scheint ihn nicht zu interessieren, wie ich all die Jahre innerlich gelitten habe, jeden Tag ohne ihn ein Stück mehr gestorben bin.

Kurz darauf finde ich mich in unseren kleinen Bar wieder … und ich könnte nicht einmal sagen, wie ich dorthin kam. Die Cocktails summieren sich, meine Anspannung sinkt mit jedem Schluck. Er erzählt mir von seinem perfekten Leben, doch es scheint ihn nicht zu interessieren, wie ich all die Jahre innerlich gelitten habe, jeden Tag ohne ihn ein Stück mehr gestorben bin.

Ich trinke den letzten Schluck. Eine bekannte Melodie dringt in mein Ohr – unser Lied. Karma ist ein Arschloch! Er verstummt, nimmt meine Hände in seine und schaut mich eindringlich an. Ich wage kaum zu atmen. Sein Gesicht kommt immer näher an meines und ich fühle … nichts. Da ist kein Zauber, kein Hochgefühl.

Ich weiche zurück. Die Realität bahnt sich ihren Weg in meinen Kopf … und dann geht alles sehr schnell. Ich löse meine Hände aus seinen, packe meine Sachen zusammen, wünsche ihm noch ein schönes Leben – und verschwinde durch die Tür.

Ich trete in die viel zu warme Dezembernacht und blicke nicht mehr zurück.

Ich trete in die viel zu warme Dezembernacht und blicke nicht mehr zurück. Mit großen Schritten und einem Lächeln auf den Lippen laufe ich nach Hause, stärker als je zuvor und bereit für mein neues Leben … ohne ihn!

Monja lebt in der schönsten Stadt … also Würzburg. Sie schreibt für ihr Leben gern und packt die ganze Bandbreite der Emotionen in ihre Texte. Alle Texte basieren auf ihren Erfahrungen und Erlebnissen.

Headerfoto: Riccardo Mion via Unsplash. (“Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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