5 Jahre, 20 Mitbewohner – warum ich als Introvertierte nicht mehr in WGs leben möchte

Ich habe in den letzten fünf Jahren alles erlebt: gute Beziehungen und schlechte, okayen Smalltalk, bequemes Nebeneinanderherleben, Anschweigen, manchmal Streit und großes Drama, vor allem am Ende. Aber auch pure Freude, ein Gefühl von echter Nähe, die besten Gespräche beim schlechtesten Wein und einige zu lange Nächte. Es gab die, die kaum geredet haben und mit denen ich auf Dauer nichts mehr anzufangen wusste, die, die am Ende die gemeinsame Küche demontieren wollten und denen ich beinahe die Polizei auf den Hals gehetzt hätte. Es gab den Ausnahmefall, der gleichzeitig die beste und die schlechteste Idee zu dem Zeitpunkt war, drei oder vier, die ich heute noch gerne kenne, und ein paar, die eigentlich gar nichts bedeutet haben.

5 Jahre. 20 Mitbewohner.

„Ich wollt eh mal mit dir reden.“ Es ist Donnerstagabend, wir stehen gemeinsam am Herd. Ich lehne mich an die Arbeitsplatte und mache mich auf das gefasst, was jetzt kommt. So beginnt das Gespräch immer, auch wenn es mit österreichischem Akzent deutlich netter klingt. Meine Mitbewohnerin hat sich entschieden, zurück nach Wien zu ziehen. Ich meine, es ist mal wieder Februar. Schon klar.

Dass man im Herbst und Winter mit Hamburg nicht warm wird, kann ich niemandem übel nehmen; irgendwie wusste ich auch schon, dass diese Stadt nicht ihre ist. Sie wird in zwei Monaten weg sein. Es ist ein komisches Gefühl, denn es gibt daran nichts, was man persönlich nehmen müsste, und das tiefe Bedauern habe ich in den letzten fünf Jahren sowieso irgendwann hinter mir gelassen, wahrscheinlich mit der Erinnerung an meine letzte, grandiose Studenten-WG.

 

Loslassen, wovor man längst weglaufen will

„Schade“, sage ich, und komme mir dabei ein bisschen vor wie eine Verräterin. Nicht, weil ich lügen würde; ich finde es wirklich schade, weil sie eine der ruhigsten, unkompliziertesten und nettesten ist, die ich je hatte. Es geht so weit, dass ich sogar ihre Zimmereinrichtung und ihr Gemüsecurry mag. Andererseits spiele ich schon seit zwei Mitbewohnerinnen mit einem Gedanken, der mich nicht mehr loslässt und den sie mir jetzt endlich bestätigt.

In dem Moment, in dem S. sagt, dass sie ab Ende April nicht mehr hier wohnen wird, weiß ich: Ich auch nicht. Ich weiß, dass der Mitbewohner Nummer 21 derjenige wäre, den ich nicht mehr ertragen würde. Und das sage ich nicht, weil Nummer 20 so schrecklich gewesen wäre. Aber niemand verdient es, meine Unglückszahl zu sein, nur weil ich es nicht mehr aushalte – und das, was nachkommt, in manchen Fällen kaum besser sein kann, als das, was da ist. Ich will keine Nummer 21. Ich will unter keinen Umständen mit einer neuen, fremden Person zusammenleben.

In den letzten fünf Jahren hatte ich Studenten-WGs, Berufstätigen-WGs, kleine und größere und riesige, harmonische und schwierige, gemischte und Mädchen-WGs, deutsche und internationale; es waren echte Freundschaften, gute und weniger gute Bekanntschaften, sogar ein oder zwei reine Zweck-WGs für den Übergang dabei. Alle hatten eines gemeinsam: Sie gingen eigentlich gegen meine Natur.

Als introvertierte Person komme ich mit fremden Menschen schlecht klar, besonders wenn es rund um die Uhr sein soll. Ich brauche Wochen oder Monate, bis ich auftaue. Mit jemandem, den ich ein Mal gesehen habe, sofort ein Badezimmer und eine Abendroutine zu teilen, grenzt für mich an Wahnsinn. Das übliche „Na, wie war dein Tag“-Geplänkel raubt mir die Energie, wenn ich sie eigentlich gar nicht mehr habe. Trotzdem habe ich meine zwei Koffer immer wieder in geteilte Wohnungen geschleppt. Zwar auch, aber nicht nur aus finanziellen Gründen.

 

Sollten introvertierte Menschen grundsätzlich alleine wohnen?

Ich finde, soziale Hemmungen sind auch da, um sie zu überwinden. Trotzdem in einer WG zu leben kann eine Übung sein, um die Introvert Comfort Zone zu verlassen. Denn Wohngemeinschaften sind eigentlich eine tolle Erfindung – sie sparen Wohnraum, fördern Gemeinschaften und formen den Charakter der Menschen, die da einfach so zusammenleben, ohne sich überhaupt richtig zu kennen.

Ich habe in den letzten fünf Jahren viele tolle Menschen kennengelernt, habe für mich vorher unvorstellbare Sozialkompetenz entwickelt, andere Kulturen kennengelernt, hatte die vielleicht beste Zeit in einer 9er-WG in Leeds, mit bis zu 15 unfassbar lauten Auslandsstudenten um den gigantischen Küchentisch. Italien, Schweden, Australien, Niederlande, Belgien, Neuseeland – das mit euch war ein Riesending.

Ich habe Erfahrungen gesammelt, die ich auf keinen Fall rückgängig machen würde. Aber das habe ich nicht einfach so geschafft, denn das dauernde Miteinander in einer WG ist mir grundsätzlich nicht angenehm, ich gehe nicht automatisch darin auf. Ich brauche dafür Zeit, Energie und den Willen, mich von den guten Momenten treiben zu lassen und die Schattenseiten hinzunehmen. Drei Faktoren, die ich aktuell nicht mehr aufbringen kann – oder will. Ich habe in meinen WGs genug gelernt, genug erlebt und am Ende vor allem genug unter dem Zustand des Nie-Alleinseins gelitten. Ich muss jetzt eine Veränderung anschieben.

„Ich kann das nicht mehr“, heule ich ein paar Abende nach S. Entscheidung. Ich sitze auf meinem Bett und scrolle leicht manisch durch irrational bepreiste Wohnungsanzeigen, für die trotzdem keiner der Makler es nötig hat, zurückzurufen.

„Ich weiß nicht, wie ich das machen soll, in fucking Hamburg. Ich finde doch nie was, das ich bezahlen kann und wenn doch, bekommt’s eh wieder ein anderer. Aber ich kann auch nicht hier bleiben. Ich kann mir keine neue Mitbewohnerin suchen, nicht noch eine, ich will nicht.” Er streichelt meinen Rücken und lässt mich einfach weiter jammern.

„Damals war das ja komplett anders. Da hatte ich noch viel mehr Zeit. Ich hatte sogar in meiner Vierer-WG öfter sturmfrei als hier. Hier gehe ich abends nur noch kaputt, weil ich nicht mal laut fluchen, meinen Kram in der Küche liegen lassen oder aufs Klo gehen kann, ohne dass es jemand mitkriegt. Scheiße, ich kenne diese Leute alle nicht und ich will sie auch nicht mehr kennenlernen!“ „Ja, ich weiß.“

 

Allein leben heißt, die Lautstärke selbst regeln

Das Ding ist: Ich erlebe jeden Tag Situationen, in denen ich mich extravertiert geben oder die laute Art von anderen annehmen und abfangen muss. Manchmal genieße ich dieses Verlassen der Comfort Zone, manchmal provoziere ich es sogar. Ich lerne trotz der Energie, die es mich kostet, gerne neue Leute kennen, auch solche, die nicht so sind wie ich. Ich probiere gerne Neues aus, bin weder Misanthrop noch Einsiedler. Ich mag meinen Job und auch, dass ich in der Agentur eigentlich nie alleine bin. Aber wenn ich abends den Schlüssel auf das Sideboard fallen lasse, will ich inzwischen nur noch eins: Meine Ruhe.

Spätestens seit dem Vollzeitjob und allem, was damit kommt, muss meine Wohnung still sein, wann immer ich es will. Weil ich es dann auch bin. Meine Wohnung ist mein einziger Zufluchtsort in einer ansonsten manchmal viel zu lauten Welt. Und wenn ich selbst an diesem einen Ort gezwungen bin, unangenehmen Smalltalk zu führen und sozial zu interagieren, obwohl ich keine Kraft dazu habe – oder mich schlecht fühle, weil ich es nicht schaffe –, dann ist das ein Leben, das ich immer weniger genießen kann. Es ist ein Leben, das ich nicht auf die Reihe kriege, ohne in etwas hineinzurutschen, das sich in den letzten Monaten beinahe wie eine Depression anfühlte.

Für Freiräume muss man sich bewusst entscheiden, und sie sich dann auch selbst schaffen. Dass das nicht ohne Kompromisse geht, ist die andere, irgendwie auch offensichtliche Seite. In einer perfekten Welt hätte ich einfach gesagt: „Egal, dann wohne ich ab jetzt eben alleine hier!“ Finanziell wäre das auch in meiner nicht ganz perfekten Welt möglich gewesen, aber:

Dann hätte ich auf sehr viel anderes verzichten müssen. Reisen, hochwertige Kleidung, Essen im Restaurant. Das wäre der erste Kompromiss, den ich hätte eingehen können. Die bequeme Variante. Stattdessen habe ich mich für den zweiten entschieden: Kampf auf dem Hamburger Wohnungsmarkt um eine kleinere, günstigere Wohnung nur für mich, für die ich weder meine Prinzipien noch meine eben erst gewonnenen Freiheiten aufgeben muss.

Es waren vielleicht keine harten Bandagen nötig, wie man so oft hört. Eher sehr viel Zeit und ein proaktives Sozialverhalten, das mich umso mehr anstrengt, weil es sich für mich unnatürlich anfühlt, offensiv auf fremde Menschen zuzugehen. Aber es hat sich gelohnt: Nach etwas über einem Monat intensiver Suche und ein paar echten Enttäuschungen auf dem Weg habe ich die Wohnung gefunden, die für das, was ich jetzt brauche, einfach perfekt ist.

Sie ist klein, aber ausgerechnet in meiner geliebten Nachbarschaft, sie ist im Gegensatz zu vielen anderen Altbauten perfekt saniert und ich bezahle kaum mehr als für mein WG-Zimmer. Es ist fast, als hätten die Bewerbungen davor, auf größere, teurere Wohnungen anderswo, einfach nicht klappen sollen – und diese dafür umso mehr.

Denn ich will nicht aufs Reisen verzichten, aufs Rausgehen, auf die lauten Momente. Ich will mich nur zuhause, da wo ich alleine bin, endlich völlig frei fühlen. Ab nächstem Monat lebe ich in meiner eigenen Wohnung.

Dieser Beitrag ist zuerst hier erschienen.

Headerfoto: Frau mit Hund im Bett via Shutterstock.com. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Sabine von A HUNGRY MIND stolpert oft über ihre eigenen Füße und noch öfter über soziale Konventionen. Manchmal fragt sie sich, ob es klug war, sich in ihre Wahlheimat Hamburg zu verlieben. Das Schietwetter hält andererseits super als Grund fürs Alleinsein her - wer will schon ständig erklären, was „introvertiert“ heißt? Tief drinnen glaubt Sabine trotz allem ans Gute: Lasst uns den Planeten retten und jeden Extremismus beenden! Und wenn das nicht geht, dann wenigstens bei uns selbst anfangen. 

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