2017: #chaosnetflixfritten

2017 waren vielleicht 370 Zigaretten. Oder 26 durchtanzte Nächte mit schlechter Musik. Vielleicht waren es auch 78 Stunden Streamen oder 1,3 Liter vergossene Tränen. 2286 ausgesprochene Schimpfwörter und 5743 gedachte.

Jahresrückblicke erschlagen mich. Das ist wie bei Aldi an der Kasse, da liegt so viel Zeug auf dem Band. „Lieber schnell hinter mich bringen“, denke ich und stehe unendliche 20 Minuten in einer Schlange genervter Wochenend-Einkäufer, die alle das gleiche vorhaben. Dann das ewige Battle mit der genervten Kassiererin. Und wofür schmeiße ich hier eigentlich mein Geld zum Fenster raus? Gar nicht so genau gucken, ist ja eh jedes Mal das gleiche. Rechnung bezahlen und danke ciao.

Darüber nachzudenken, wie viel ich am Ende des Jahres für das Leben, das ich mir ausgesucht habe, bezahle, ist mindestens genauso anstrengend. Warum macht mich das so nervös? Weil ich jedes Jahr zur gleichen Zeit merke, dass 365 Tage so viel mehr Potenzial hätten (Aldi-Besuche übrigens auch – wenn Samstag Abend jemand Kasse 5 aufmachen würde zum Beispiel). Das könnten auch 152 Stunden Joggen sein, oder 47 gelesene Philosophie-Fachbücher. Vielleicht auch 34 Podiumsdiskussionen zum Thema Klimawandel. Aber: Nope. Nicht mit mir. Auch, wenn ich an Silvester mit rührseliger Genickstarre auf Glitzer im Himmel gestarrt habe und mir dachte: „Geil. 2017, das wird’s.“ Früher oder später kam dann doch immer das Leben dazwischen.

Leben ist das, was irgendwie während Hashtags und Netflix passiert.

Und kaum ist diese ganze Glitzer-Silvester-Nummer am Himmel verblasst, ist plötzlich alles wieder gleich anstrengend wie davor. Da muss man Entscheidungen treffen, hat Verpflichtungen, muss Miete zahlen und Pakete innerhalb der Rücksendefrist zur Post bringen. Das kann schon mal eskalieren. Und da wundert es noch jemanden, dass sich anscheinend eine ganze Generation auf die wundervoll zweidimensionale Filter-Welt stürzt, sich an flapsige Binsenweisheiten wie #livelaughlove klammert, um überhaupt noch irgendeinen Sinn zu finden, anstatt sich mit der Wirklichkeit zu befassen – die eben leider ein paar mehr Dimensionen aufzuweisen hat.

„Mei, wie die Zeit vergeht“ ist einer dieser Sätze, die meine Mama seit Jahren ziemlich inflationär benutzt. Ich fand das immer grauenhaft und viel zu nostalgisch. Eigentlich hatte ich mir geschworen, den Satz nicht vor meinem 95. Geburtstag in den Mund zu nehmen. Mittlerweile verstehe ich aber ein bisschen, was sie meint – mit 25. Ich hoffe inständig, dass sie dieses Eingeständnis niemals lesen wird, aber sie hat Recht. Ich stecke in meinem Kopf immer noch in 2007 mit Britneys Meltdown fest und kann nicht verstehen, wie plötzlich aus dem #livelaughlove-Ideal eine #chaosnetflixfritten-Realtiät wurde.

Manchmal ist da so viel Wirklichkeit, dass ich mich am Ende der Woche nicht mehr dran erinnern kann, was ich an dessen Anfang eigentlich gemacht habe.

Ja, vielleicht ist der Glühwein schuld. Vielleicht aber auch die Tatsache, dass wir manchmal rumrennen wie ferngesteuerte Hüllen, die ihr Privatleben in Slots einteilen und in ihre Kalender Begriffe wie „Quality Time“  schreiben müssen, um Zeit für wichtige Menschen oder uns selbst zu finden. Und das schlimmste an der ganzen Geschichte? Das schlechte Gewissen, das meist pünktlich Ende des Jahres um die Ecke kommt, mir im Nacken sitzt und fragt, wann ich mein Leben eigentlich in den Griff kriege. Wann ich meine Prioritäten endlich mal richtig setze und aufhöre, 370 Zigaretten im Jahr zu rauchen. #livelaughlove ist das nämlich nicht wirklich.

Was ist eigentlich mit dieser Zeit passiert? Krieg ich die, die ich verschwendet habe, am Ende gegen einen Bon an der Kasse wieder zurück? Ist Kasse 5 dann endlich mal geöffnet? Und was zur Hölle soll eigentlich #livelaughlove bedeuten?
Jedes Jahr frage ich mich, ob denn im nächsten alles anders wird. Halte ich diesmal meine Vorsätze ein? Werde ich auch Begriffe wie Quality Time verwenden, ohne mich dafür zu schämen? Werde ich wieder am Ende des Jahres versuchen, ein Fazit zu ziehen und merken, dass da einfach zu viel Leben war, um das in greifbare Worte zu fassen? Hoffentlich. Mir ist zu viel #chaosnetflixfritten nämlich immer noch lieber, als ein Samstags-Slot im Monat für #livelaughlove.

Headerfoto: Gruppe junger Leute via Shutterstock.com. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

ELISABETH grübelt was das Zeug hält – manchmal sogar, bis kein Zeug mehr da ist. Sie findet, dass Fragen meistens die besseren Antworten sind, kommt aus einer wundervollen Ösi-Provinz und arbeitet eigentlich für ein Frauenmagazin. Nebenbei verbringt sie sehr viel Zeit damit, Avocados fotogen aus ihren Schalen zu lösen, samstags bis sieben Uhr morgens irgendwo zu tanzen und dann verloren zu gehen oder sich von ihren Freunden bekochen zu lassen. Kochen, das funktioniert nämlich nicht so gut wie grübeln.

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