Wenn Social Media krank macht – Instafluch(t) Teil 1

Ich sitze in der Bibliothek, mache ein Foto, lade es bei Instagram als Story hoch. Ich bin am Strand in Korfu, frage meine Mama: „Kannst du bitte ein Foto machen?“ Ich frage nicht nur einmal. Lade es bei Instagram als Posting hoch. Und ab in die Story. Es ist eine Ausstellungseröffnung, ich bin ebenfalls Ausstellerin und Leihgeberin zweier Objekte. Lese nicht die Tafel, fotografiere sie nur. Instagram. Danach noch Facebook, Karrierecontent lässt sich auch da posten. Früher kam noch Snapchat dazu, das war echt anstrengend. Selbst für mich!

In die Girlsgruppe bei WhatsApp noch schnell ein Sektglasfoto posten, interessiert mich nicht, ob wirklich noch wer meiner Einladung folgt, dazuzustoßen. Hauptsache Bildercontent, sie sollen sehen, was ich Tolles mache. Als Antwort bekomme ich ebenfalls Bilder, von vollen Schreibtischen, vom See, vom Balkon. Jeder zeigt kurz, hey, das mache ich. Das esse ich gerade, schön angerichtet und healthy.

Mein geiler Boi, mein neues MacBook, der fette Weihnachtsbaum der Family.

Als veganes Essen so en vogue war, ich aber vegetarisch aß, habe ich meinen Salat gepostet, das Käsebrot lag abseits. Karriere, Lifestyle. Konsum, oh ja, ganz viele Besitztümer. Materieller und immaterieller Art. Mein geiler Boi, mein neues MacBook, der fette Weihnachtsbaum der Family.

Wenn ich es mal so klar aufschreibe – es ist schon krank. Und viele denken vielleicht jetzt: Oh je, oh je, die ist ja völlig durch. Puh, zum Glück bin ich kein solcher Junkie. Mir fallen aber auf Anhieb 20 Menschen ein, die ganz ähnlich ticken. Oder 200, die ich von Instagram kenne.

Es gab schon einige vor mir, die über die heile, glitzernde, krankmachende Instagramwelt geschrieben haben. Bei mir wurden es sieben Tage Selbstversuch – offline am Handy. Oder den Account löschen? Nein, würde ich keinesfalls schaffen. Niemals.

Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich nicht ganz selbst darauf kam, dass Instagram mein größtes Problem ist. Schrecklich-wahrer Satz. Gar nicht so einfach, den so stehen zu lassen. Aber ich muss ehrlich sein. Ich saß mit meinem Freund im Wartezimmer beim Arzt, weil ich mir den Knöchel gestaucht hatte (nicht durch aufs iPhone gucken, ich schwöre es) und hatte vorher natürlich, wie fast zehnminütlich, Instagram, WhatsApp und aus Gewohnheit noch kurz Facebook gecheckt. Und Dinge gesehen, die mich so unglücklich machten, dass mir die Tränen liefen.

Diese widerliche Undankbarkeit. Und dieser Neid. Ja, merkte ich denn noch überhaupt was?

Über mich selbst, ich weinte, wie ich geworden war. Wie ich da saß, und es mich innerlich zerfraß, dass Bonnie Strange in L.A. Urlaub machte, Freunde von mir mehrere Louis-Vuitton-Täschchen besaßen, Bekannte eine geile Wohnung in Berlin bewohnten. Was war denn los mit mir? Diese widerliche Undankbarkeit. Und dieser Neid. Ja, merkte ich denn noch überhaupt was?

Am selben Abend wieder ein Tränchenvergießen, mein Freund beantwortet mir meine Frage nach „Warum bin ich so schrecklich? Ich möchte so nicht sein.“ mit „Instagram ist dein Problem. Ehrlich, Nasti, Instagram macht dich so krank.“

Ich nicke einsichtig und vergrabe mich in seinem Bauch.

 

Das Leben der anderen

Meine Erlebnisse fliegen an mir vorbei. Sind nur noch so viel wert wie ihre Instagramtauglichkeit. Und Mithaltetauglichkeit. Aus 40 Milliarden Bildern kann man sich sein persönliches Unzufriedenheitsgefühl zusammenbasteln. Die anderen sind alle dünner, schöner, besser tätowiert, veganer, cooler, waren öfter im Berghain, werden von Nike gesponsert, machen die und die geile Karriere, in der und der geilen Start-Up-Firma, wo ich doch auch hin will. Aber nicht bin. Jetzt gerade eben nicht. Scheiße das alles.

Ich entschließe mich also für die Instapause und mache einen Selbsttest. Flucht nach vorn. Die sechs Symptome der stofflichen und non-stofflichen Sucht – here we go.

1. Craving: Ja, ich denke und bin Instagram. Ich poste, also bin ich. Es fehlt mir. Ich habe die mobilen Daten ausgestellt, tippe aber nun doch auf das vertraute bunte Symbol. Keine Internetverbindung. Es ist besser so. Aber das Verlangen ist da.

2. Kontrollverlust: Noch nicht, aber kurz davor.

3. Toleranzentwicklung: 100% Ja! Immer öfter, immer länger wird im Bett noch gesuchtet. Keine Bahnfahrt ohne iPhone in der Hand, Kopf nach unten.

4. Vernachlässigung wichtiger Lebensbereiche: Könnte man so nennen. Genuss, Erlebnisse speichern (und zwar in meinem Kopf, nicht auf dem Smartphone), wirklich Freude (auch für andere) empfinden.

5. Inkaufnahme negativer Konsequenzen: Wieder 100% Ja. Das (zu Recht) abgenervte Gesicht meines Freundes, wenn ich,  statt ihm zuzuhören, auf mein Smartphone starre oder für Instagram filme, das ist eine negative Konsequenz. Streit, den ich in Kauf nehme, um bei Instagram zu surfen. Sad, but true.

6. Entzugssymptome: Nicht so schlimm wie gedacht – Zittern und Nervenzusammenbrüche gab es noch keine.

 

Mehr Zeit, mehr Freiheit

Schon der erste Tag gibt mir mehr Zeit, mehr Freiheit. Ich schreibe, gehe zum Friseur, verpasse die Bahn (weil ich ja keine mobilen Daten habe, tralalala), schaue aus dem Fenster. Eigentlich ganz erträglich. Es hätte schon zehn Anlässe gegeben, eine Story zu posten. Aber der Drang verfliegt langsam.

Ich kaufe mir ein Eis und fotografiere es nicht.

Instafluch(t)*Teil 2 folgt nach Abschluss der 7 Tage-Instapause. Nämlich hier.

Headerfoto: Henry Laurisch („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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