Du Idiot, du Idiot, du Ausgeburt der Beschissenheit

Keine Ahnung, wie das passieren konnte, aber es ist passiert! Nach mehr als vier Jahren ununterbrochener Scheu vor ernsthaften Kontakten zu Frauen, habe ich es doch wieder getan. Und 14 Tage nachdem ich meinen inneren Magneten eingeschaltet habe, ist er schon wieder aus.

Wir haben uns getroffen und dann einen ganzen Abend lang nur geredet! Ich glaube, ich habe mehr gesabbelt als sie. Schon mal nicht so gut. Aber sie hat immer gelacht. Deshalb egal. Habe mich gut gefühlt dabei; ihr meine Musik gezeigt und als ich bemerkte, dass sie einen guten Geschmack hat, beschloss ich ein Mixtape auf USB-Stick zu machen. Seit Mixtapes auf Kassette kein Abspielgerät mehr finden, ist es prinzipiell nicht mehr dasselbe. Egal ob auf CD oder anderem Datenträger.

Wir spielten uns mit geteilten Kopfhörern unsere Lieblingssongs vor. Der Abend endete und ich konnte spüren, wie alles nach einem Kuss verlangte, ich allerdings zu schüchtern war, es zu wagen. Wir tauschten Nummern und ich machte den Highfive. Sie lachte. Ich drehte mich um und flüsterte in mich hinein. Du Idiot. Du Idiot. Du Ausgeburt von Beschissenheit.

Zwei Tage später; ich war am anderen Ende der Stadt auf einem Konzert und fuhr danach auf ihre Einladung hin, den ganzen Weg zu ihr. Ich war betrunken, und das obwohl die fetten Jahre längst vorbei sind.

Ich schaue ihrem Mund dabei zu, wie schön er sich bewegt, wenn sie redet. Ich spüre das Kribbeln in meinem Bauch und suche mir Mut zusammen.

Wir stehen in ihrem Zimmer und reden irgendwelchen Unsinn, weil wir beide wissen, was passieren muss, wenn ein halbbetrunkener junger Mann kurz vor Mitternacht zu einer hübschen jungen Dame fährt. Ich schaue ihrem Mund dabei zu, wie schön er sich bewegt, wenn sie redet. Ich spüre das Kribbeln in meinem Bauch und suche mir Mut zusammen. Zwischen dem Hartgeld in meiner Hosentasche, den Fusseln in meinem Bauchnabel und dem Nebel in meinem Kopf, finde ich dann doch noch etwas, das meine Lippen auf ihre drückt.

Und dann ist es da, das Ziepen in meiner Brust. Sie lädt mich ein, über Nacht zu bleiben. Typisch für jemanden, der vollkommen dumm geboren wurde, und seither auch nicht viel dazugelernt hat, lehne ich natürlich ab. Ich muss nichts ja überstürzen. Morgens um 5 Uhr sitze ich im Taxi und ohrfeige mich selbst. Du Idiot. Du Idiot. Du Ausgeburt der Beschissenheit. Du triffst kein Scheunentor.

Sie will mich am nächsten Tag sehen. Nicht nur abends, sondern den ganzen Tag. Wir treffen uns am Straßburger Platz und küssen uns und als wir nebeneinander an der Ampel stehen, wühlen sich ihre Finger in meine Hand und mein Herz macht einen Satz. Wie schlendern durch den großen Garten und das Wetter ist herrlich. Ich fühle mich – trotz beeindruckendem Kater – frisch. Zwischen uns steht eine riesige Schüssel Fritten und wir schweigen ein paar Sekunden. Eigentlich das Todesurteil, aber ich habe keine Furcht. Wir beschließen später am Abend nur noch einen Film zu schauen. Und ich denke, du Glückspilz, du Glückspilz, du elender Glückspilz.

Ich bin unter der rauen Hand eines Stiefvaters erzogen geworden. Ich wusste immer schon bevor es Prügel gab, dass es welche geben wird.

Gemeinsam mit ihren Mitbewohnern kreuzen wir durch die Neustadt und stranden in einer winzigen Eckkneipe, die mich an mein geliebtes Berlin erinnern lässt. Schweiß tropft von der Decke und ich freue mich über alles. Sie geht auf die Toilette und dort ist sie dann ewig. Sie kommt gemeinsam mit ihrem Mitbewohner zurück, schaut mich an, ohne eine Reaktion, und geht einfach an mir vorbei.

Ich bin unter der rauen Hand eines Stiefvaters erzogen geworden. Ich wusste immer schon bevor es Prügel gab, dass es welche geben wird. Irgendwie habe ich ein Gespür für die Menschen. Sie und ihre Mitbewohner wollen weiter, auf irgendeine Indie-Rockparty. Sie denkt nicht mehr an Filme. Und ich weiß, diese Nacht wird nichts mehr passieren. Gar nichts mehr. Ich winke und gehe Heim.

Ich schlafe schon wie ein angetrunkenes Baby, als von mir unbemerkt, meine Funkpeitsche eine Nachricht empfängt. Sie schreibt, es wäre was für mich gewesen – die Indieparty. Später schreibt sie, sie hat noch einen Kater und möchte aber Filme schauen. Okay, ruh dich erst mal aus.

Sie versetzt mich und schreibt, ihr sei das alles etwas zu schnell gegangen und dieses Händchenhalten und Küssen in der Öffentlichkeit, das möchte sie nicht, oder noch nicht. Oder was weiß ich. Sie mag mich, aber will mich erst mal besser kennenlernen. Sie wurde kaputtgemacht, eingeengt und mag sich gerade selber nicht. Kein Problem, wir können uns ja trotzdem kennenlernen. Ich fühle mich zu ihr hingezogen, rede deswegen aber nicht gleich über Kinder oder das Heiraten (obwohl ich gern würde). Bloß nicht den Ted Mosby machen.

Eine Woche zieht sich wie Watte und es wird Sonntagabend. Sieben Tage nur seichtes Geplätscher via Instant Messenger.

Ich schreibe gerne, ja. Ich schreibe gerne solche Sachen hier, ja. Aber ich hasse WhatsApp, ich hasse den Facebook-Messenger und ich hasse SMS! Ich liebe telefonieren. Ganz sehr. Eine Woche zieht sich wie Watte und es wird Sonntagabend. Sieben Tage nur seichtes Geplätscher via Instant Messenger. Ich bin trotz Leberentzündung von zwei Gläsern Rotwein ziemlich angeschickert. Da wir nicht telefonieren, schreibe ich natürlich.

Sie ist kackig, weil ich trinke und ich bin frustriert und mutig, weil ich getrunken habe. Den Rest kennen wir ja schon. Dutzendfach hat man diesen Fehler gemacht. Du Idiot. Du Idiot. Du Ausgeburt der Beschissenheit. Du Strudeltrinker!

Ich würde ihr gern schreiben, dass ich rückblickend betrachtet gern den One Night Stand gewählt hätte. Dann wäre da zumindest dieses Ziehen in meiner Leistengegend Geschichte.

Kein Problem, ich säge sie ab. Schreibe, dass sie nicht mehr in meinem Kopf sein soll, weil sie da gar nicht sein will. Sie antwortet mit der Nachricht, dass sie das nicht gewollt habe. Ich würde ihr gern schreiben, dass ich rückblickend betrachtet gern den One Night Stand gewählt hätte. Dann wäre da zumindest dieses Ziehen in meiner Leistengegend Geschichte. Aber das wäre gemein und deswegen schreibe ich, dass es mir leid tut, dass sie so kaputt ist.

Während ich am Ladebalken sehe, wie die Nachricht gesendet wird, denke ich: AUTSCH. Ja, und genau so wird die Nachricht auch verstanden. Du Idiot. Du Idiot. Du Ausgeburt der Beschissenheit. Du Personifikation der Debilität.

Das war von einer Woche. Seitdem habe ich nicht viel von ihr gehört. Ich denke an sie. Weiß ihren Namen bei Facebook, füge sie aber nicht hinzu. Ich muss hart bleiben. Habe mich schon wieder lächerlich genug gemacht. Ich sitze im Wartezimmer einer Allgemeinmedizinerin. Mein Hals brennt. Mein Kopf implodiert.

Neben mir liest eine junge hübsche Frau Stieg Larsson. Ich könnte sie etwas darüber fragen. Ich kenne die Bücher. Aber nein, ich quäle mich mit der Erinnerung an irgendwas, das nie etwas war. Du Idiot. Du Idiot. Du Ausgeburt der Beschissenheit. Du Personifikation der Debilität. Du Strudeltrinker. Du Ted Mosby. Du “niemals der Glückspilz”. Du triffst kein Scheunentor.

Headerfoto: heddaselder via CC BY-CC-SA 2.0. Danke dafür!

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21 Comments

  • wow 😯
    wieso mich facebook jetzt nach 3 Jahren auf diesen Artikel hinweist?! Die Gedanken & Erlebnisse kenne ich, wenn auch „nur“ in ähnlicher Form. Bei mir waren es die Hände meiner Mutter&meines Bruders in der Kindheit, später schlugen sie mit verbaler, psychischer Gewalt zu… bis heute spreche ich Gefühle nicht aus, aus Angst vor „Strafen“, negativen Gefühlen und Zurückweisung…

  • So ein wahnsinnig toller Text. Kann ich nur zustimmen – da verguckt man sich direkt in den Autor. Kopf hoch du liebevolles Wesen!!

  • Gut, dass ich die alten Beiträge durchforstet hab. Wieder einer, in dem ich mich wiederfinde; leider wohl auch in meinem momentanen Alkoholkonsum.
    Wie oft ich schon gedacht hab: Idiotin! Gerade neulich. Jedes Mal wieder neu… Und ich prophezeie meist schon vorher allen, wie es laufen wird. Ich hätte gern nur einmal nicht recht…

    Ansonsten: Dem Kommentar von Elke kann ich mich anschließen 🙂 Ich wünsch dir, dass du mittlerweile beim Beginn vom Happy End angekommen bist, Markout.

  • Dieser Text ist so ehrlich und so wunderschön geschrieben, dass ich mich fast ein kleines bisschen in den Autor verguckt habe… Im Winter fühlen wir uns doch alle nochmal tausend mal mehr einsam als sonst.
    Wo bist du? Ich warte….

  • Ach, ich glaube manchmal ich bin (im Moment) ein weiblicher Ted.

    „Sie versetzt mich und schreibt, ihr sei das alles etwas zu schnell gegangen und dieses Händchenhalten und Küssen in der Öffentlichkeit, das möchte sie nicht, oder noch nicht. Oder was weiß ich. Sie mag mich, aber will mich erst mal besser kennenlernen. Sie wurde kaputtgemacht, eingeengt und mag sich gerade selber nicht. Kein Problem, wir können uns ja trotzdem kennenlernen“

    Allzugut. Gerade wieder passiert.
    Und die Selbstachtung, das aufgebaute Selbstvertrauen schwimmt davon und man denkt an irgendwen, vor dem es einem unangenehm wäre zuzugeben, dass einen keiner richtig lieben will. Warum auch immer.

    High-Five! 😉

  • Ich bin Mitte 30 und es geht mir ständig so. Die ONS-Variante ist nicht besser. Lieber dieses Ziehen, das dir zeigt, dass du nicht abgestumpft bist als diese Leere danach. Diese Frauen…

  • Da hat jemand ihr Glück verschenkt..tsktsk. Traurig, aber toll geschrieben! Wo sind bloß diese Männer abgeblieben in Berlin?!!?

  • Ich glaube nicht er war der Idiot… sondern sie. :))

    Schön(!): „Es ist Winter und alles, was er will, ist doch nur, dass da eine Person an seiner Tür klingelt, der von Kälte und Wind die Nase läuft. Und dass diese kalte Nase sein Gesicht berührt, wenn er sie küsst.“

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