Anne | 34 | Hamburg

„Man kann auch Musikorgasmen haben.”

Wir sind schon Fans von Anne, bevor wir sie überhaupt kennenlernen. Denn eine perfektere Wohnlage in Hamburg muss man erst mal finden – ein süßer kleiner Altbau genau auf der Grenze zwischen Schanze und Eimsbüttel. Der Weg zu hervorragenden Cafés am Morgen ist kurz, der Heimweg nach einem Kneipenabend noch kürzer. Und gleichzeitig ist es hier grün und ruhig. Best of both worlds, sozusagen.

Frei nach dem alten Hollywood-Gesetz “stark anfangen und dann langsam steigern”, wenden wir uns nun unserem Single des Tages zu. Wir haben nicht zu hoch gepokert: Anne öffnet uns mit einem großen Strahlen die Tür und begrüßt uns so herzlich, als wären wir alte Freundinnen.

Annes gemütliche Zwei-Zimmer-Wohnung ist so ziemlich das Gegenteil einer durchgestylten Instagram-Bude – und das meinen wir als großes Kompliment. Die Einrichtung ist liebevoll zusammengewürfelt und besteht zu gleichen Teilen aus Familienerbstücken und Secondhand-Funden. Anne ist nämlich bekennender Ebay-Kleinanzeigen-Fan. Nicht nur, weil sie da alles findet, was sie sucht, sondern weil sie dadurch Einblicke in die verschiedensten Wohnungen bekommt. Ein Traum für neugierige Menschen wie diese Frau, die gerade ihre Lebensgeschichte mit uns teilt.

Anne, die laut Perso den zauberhaften Namen Annegret Marie trägt, kommt ursprünglich aus Kassel. Ihre Meinung zur Stadt: “Seit ich nicht mehr da wohne, finde ich Kassel ganz gut.” Leidenschaft klingt anders, aber es hat ja schließlich einen Grund, warum Anne seit über zehn Jahren so glücklich in ihrem Hamburger Schanzen-Pauli-Eimsbusch-Kosmos ist.

Ihre Jugend in der Stadt mit der Documenta und dem Bahnhof hat Anne – trotz intensiver Handballkarriere (“Den Sport mag ich, weil er so wild ist.”) – weitestgehend unbeschadet überstanden. Die richtige Sturm-und-Drang-Zeit begann für sie nämlich erst mit dem Abi.

Sobald das eingetütet war, packte Anne nämlich ihre sieben Sachen und verabschiedete sich für ein Jahr nach Portugal. In Almada arbeitete sie im Rahmen des europäischen Freiwilligendienstes mit Jugendlichen in einem sozialen Brennpunkt. Sagen wir so: Die Freizeit kam hier nicht zu kurz, und ganz nebenbei hat sie auch noch fließend Portugiesisch gelernt.

Zurück in Deutschland musste Anne feststellen, dass ihr Kindheitstraum, die erste Bundeskanzlerin Deutschlands (parteilos) zu werden, geplatzt war. Danke, Merkel! Ein Plan B zur Kanzlerschaft musste her. Und der war? Logisch: Pädagogik-Studium in Bielefeld.

Das Studium war super, aber mit der Stadt wurde sie nicht so richtig warm. “Ist ja wie mit Menschen, da kann man nichts machen”, sagt sie. So ergriff sie die erstbeste Chance, für ein Praktikum nach Hamburg überzusiedeln – und einfach dazubleiben. Glücklicherweise ließ sich das Studium auch aus der Ferne beenden.

Als Diplom-Pädagogin wollte Anne eigentlich nie im Schulbetrieb landen. Ratet mal, wo sie jetzt arbeitet? Jawohl, im Beratungsdienst an einer Schule in Eimsbüttel. Hier ist sie die erste Ansprechpartnerin für Schüler*innen, wenn es irgendwo kriselt. Ein spannender und bereichernder Job, der ihr allerdings oft ordentlich Humor abverlangt. Daran mangelt‘s der Hessin aber nun wirklich nicht.

“Inzwischen betrachte ich meinen Job einfach als Fernsehserie, und dann geht‘s”, erklärt sie grinsend. Außerdem hat sie viele Freiheiten, ihre Stelle selbst zu gestalten und tobt sich hier richtig aus. So organisiert sie unter anderem Boxkurse für ihre Schützlinge oder einen regelmäßigen Schüleraustausch nach Sarajevo.

Nebenbei hat Anne eine Weiterbildung zur Sexual-Pädagogin gemacht und bietet Aufklärungsseminare an Schulen sowie für geflüchtete Jugendliche an. Ob es schwer ist, mit Teenies über Tabuthemen zu sprechen, will ich wissen. Im Gegenteil, sagt sie, die Jungs und Mädchen würden in der Regel schnell Vertrauen zu ihr fassen und alles fragen, was sie bedrückt. Lachen ist in ihren Kursen außerdem ausdrücklich erlaubt.

Es wundert mich überhaupt nicht, dass diese offene, energische und empathische Frau einen guten Draht zu Jugendlichen hat. Auch Kinder findet Anne super, vor allem ihre zwei kleinen Neffen. “Tante sein ist ziemlich cool”, sagt sie. Eigene Kinder zu haben kann sie sich definitiv auch vorstellen.

Die langen Schulferien nutzt unsere Pädagogin zum ausgiebigen Reisen, und das am allerliebsten auf den Balkan. Vor allem an Bosnien und insbesondere Sarajevo hat sie ihr Herz verloren. Begonnen hat diese Balkan-Faszination im Politikunterricht: “Die junge Kriegsgeschichte dieser Länder hat mich einfach wahnsinnig bewegt und deshalb wollte ich mehr erfahren”, erklärt sie.

Und so brach sie nach dem Studium zu einem Roadtrip von Budapest nach Istanbul auf und war bis heute sechs Mal in Europas Südosten unterwegs. Couchsurfen bei einem alleinstehenden Mann auf einem abgelegenen Einsiedlerhof ist für sie dabei nicht die Einstiegsszene eines Horrorfilms, sondern die beste Art, Land und Leute kennenzulernen. Stark!

Schlechte Erfahrungen hat sie dabei noch nie gemacht, dafür aber eine Liebe zu Rakija, dem bosnischen Nationalschnaps, entwickelt. “Wollt ihr?”, fragt sie mit einem Griff ins Spirituosenregal. Wir fühlen uns an einem Sonntagvormittag allerdings nicht mutig genug für Selbstgebrannten vom Balkan und bleiben daher lieber bei Johannisbeerschorle.

In diesem Sommer war sie dann auf eigene Faust zum Wandern in Georgien und Armenien – “irgendwie zieht es mich in Konfliktregionen”, analysiert sie. Und außerhalb von Konfliktzonen steht Anne auf Aktivurlaub. Paddeltouren findet sie zum Beispiel spitze. Das passt auch dazu, dass sie weniger fliegen möchte. Und so lange sie sich den Traum vom eigenen Bus noch nicht erfüllt hat, erpaddelt sie sich eben deutsche Binnengewässer wie die Fulda oder die Mecklenburgische Seenplatte.

“Ich bin zwar ein Öko, aber nicht so ein uncooler Öko”, sagt Anne lachend. Dass ihr die Umwelt am Herzen liegt, zeigt sich auch in ihrem Engagement in der Foodsharing-Community. Regelmäßig rettet sie Lebensmittel davor, weggeworfen zu werden, wodurch sie kreativer in der Küche wird – und Geld spart.

Dieses gesparte Geld investiert sie dann im Bistro Tati in der Bellealliancestraße, im Kuchnia oder in der Kombüse. Was Bars und Kneipen betrifft, mag Anne es ehrlich und bodenständig: Ihr findet sie wahrscheinlich eher am Tresen des Nobiskrugs oder in der Doppelschicht als in irgendeiner fancy Cocktail-Bar.

Lieber noch als Bars und Kneipen besucht Anne jedoch Konzerte. Etwa einmal pro Woche steht bei ihr Live-Musik auf dem Programm und ihr Musikgeschmack ist dabei ziemlich breit aufgestellt. Das beste Konzert der letzten Zeit hat ihrer Meinung nach das australische Hip-Hop -Trio Hilltop Hoods in der Großen Freiheit abgeliefert. Später an diesem Sonntag ging es für sie noch zum Konzert von The Slow Show – und wir waren dezent neidisch.

Ihre Freizeit füllt das Energiebündel darüber hinaus mit Laufen, Yoga, Ben (ihr Fahrrad) und seit diesem Jahr auch mit Gärtnern. Zu ihrer Wohnung gehört nämlich ein kleiner Garten, in dem sie sich in diesem Sommer an verschiedenen Projekten versucht hat. Bei der Gartenarbeit oder beim Laufen hat Anne meist einen Podcast auf den Ohren. Einige ihrer Favoriten: Lage der Nation, Aufwachen, Ballaballa-Balkan, Ist das normal? und Eine Stunde Liebe.

Ein Partner wäre für Anne jetzt die Kirsche auf der – bereits ziemlich tollen – Torte. Denn diese Frau ist ein herzliches, offenes Energiebündel, mit der ihr Pferde stehlen könnt. Oder lieber keine Pferde, denn Haustiere findet Anne nicht ganz so super. Vor allem Katzen findet sie irgendwie unheimlich.

Wer bei ihr landen kann? Surprise! Ein Mann, der aktiv ist, Hobbies hat, sich für Dinge begeistern kann und auch politisch nicht völlig desinteressiert ist. Und natürlich jemand, der keine Angst vor allem hat, was da so kommt, wenn Anne vielleicht die erste Bundespräsidentin Deutschlands wird – denn das wäre ein ganz okayer Trostpreis dafür nicht die erste Kanzlerin geworden zu sein, findet Anne. Also Männer, worauf wartet ihr noch?

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SUSI hat nach ihrer Fotografenausbildung lange in der Modefotografie gearbeitet und vor zwei Jahren nochmal angefangen, Fotojournalismus zu studieren. Ihre Leidenschaften sind in der Tat Bananen und Sport (laufen, surfen und so eine Art Crossfit) und ihr Bulli, mit dem sie gerade unterwegs ist.
ANNA hat nach zahlreichen Stationen rund um die Welt in Hamburg ihren Heimathafen gefunden. Hier arbeitet sie als Audio Redakteurin und wird beim Anblick der Hafenkräne im Sonnenuntergang immer noch sentimental. Sie liebt Sommer im Norden und Winter im Süden, mag laufen, surfen und Wermut trinken und träumt von einem Cottage in Irland. Jede Woche schreibt sie im Verve Letter über Freundschaft, Feminismus und #popculturepleasures.