Zwischen uns der Abgrund: Ich war einfach nicht genug für Dich

Eigentlich war ich vor unserem ersten Treffen gar nicht aufgeregt. Es war nur eines in einer Reihe von Dates in diesem Sommer, ein Kaffee am Nachmittag, nichts Besonderes.

Ich wischte mir einen Schweißtropfen von der Stirn und schaute mich um, mein Blick glitt suchend über die vielen Menschen auf der Wiese im Park. Dann sah ich Dich, erkannte Dein Haar, Dein Grinsen von Fotos.

Es war unkompliziert, am nächsten Abend gingen wir tanzen. Das war alles nichts Besonderes für mich, ich war das doch gewohnt. Wir verbrachten die zweite Nacht gemeinsam, betrunken und wie beflügelt vom Rausch. Ich war es gewohnt. Die Müdigkeit am nächsten Tag, das Kitzeln im Bauch.

Das war alles nichts Besonderes für mich, ich war das doch gewohnt. Die Müdigkeit am nächsten Tag, das Kitzeln im Bauch.

Ich wollte Dich wiedersehen, doch auch das war nichts Neues für mich. Ich war es gewohnt, die lauen Sommerabende nicht alleine zu verbringen. Alles war wie immer.

Bis Du Dich seltener meldetest. Mein Telefon blieb länger stumm, ich schob es auf den Sommer, auf die Ferien, lenkte mich ab. Festivalzeit, wilde Sommernächte, neue Dates, neuer Rausch. Ich war gewohnt, immer weiter zu machen. Nichts anbrennen zu lassen, auch wenn man sich verbrannte.

Doch mein Herz wollte nicht mehr. Es konnte sich nicht daran gewöhnen, so sehr ich es auch dazu zwingen wollte. Es wollte nicht akzeptieren, dass Du es nicht sein solltest. Wollte nicht wahrhaben, dass Du es hättest sein können, wenn ich doch nur genug gewesen wäre.

Ich war es gewohnt, dass ich ab und zu mal wieder etwas von vergangenen Bekanntschaften hörte. Immer mal wieder, wenn sich eine Lücke im Liebes-Lebenslauf auftat, ein Abend, der gefüllt werden wollte. Doch mit Dir war es anders, es fühlte sich immer an wie das erste und wie das hundertste Mal. Es war jedes Mal vertraut und fremd zugleich, jedes Mal fiel ich wieder auf Dein Lächeln herein.

Doch mein Herz wollte nicht mehr. Es wollte endlich das Gefühl haben, genug zu sein. Aber ich war nicht genug.

Ich wollte mich daran gewöhnen, ohne Dich zu sein. Ich wollte mich daran gewöhnen, nicht zu wissen, was Du machst und mit wem. Doch mein Herz wollte nicht mehr. Es wollte nicht mehr einfach weiter machen und Augen und Ohren verschließen. Es wollte nicht mehr trinken, um zu vergessen. Es wollte endlich das Gefühl haben, genug zu sein. Aber ich war nicht genug.

Ich war nicht genug, um wirklich von Dir gesehen zu werden. Zwischen meiner Sehnsucht und Deiner Bedürftigkeit nach Liebe war zu Beginn nur ein hauchdünner Spalt, ein Abgrund, der mit der Zeit größer und größer wurde und mich irgendwann daran hinderte, nach Dir zu greifen, Dich fest zu halten.

Wenn Du Dich wegdrehtest von mir, um zu schlafen, ohne ein Abschiedswort das Licht löschtest und die Nacht herein ließest.

Headerfoto: Riccardo Fissore via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Paula Charlotte Kittelmann ist M.Sc. Psychologin in Leipzig. Sie schreibt als Autorin und Redakteurin über intersektionalen Feminismus mit Fokus auf Körperakzeptanz und psychische Erkrankungen/mentale Gesundheit. 2018 hat sie außerdem das Fotoprojekt „pure bodies“ gegründet, welches die individuelle Schönheit und Diversität von Körpern in den Fokus rückt.

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