Was ich mal sagen wollte: Weg mit dem Stigma für Geschlechtskrankheiten

Eine Geschlechtskrankheit ist kein Grund, sich zu schämen. Leider passiert das oft. Meist aus Unwissenheit. Vorurteile besagen, dass Geschlechtskrankheiten etwas mit mangelnder Hygiene zu tun haben, aber dem ist nicht so.

In meiner Schulzeit mussten wir im Sportunterricht immer unsere Handys auf dem Mattenwagen ablegen. Sie lagen dort also für alle einsehbar herum. Eine Schulfreundin hatte damals mit ihrem Partner per SMS darüber geschrieben, dass sie eine Pilzinfektion hatte. Seine Antwort darauf wiederum sahen ein paar Mitschüler, erschlossen sich den Kontext und schon bald redete die ganze Stufe über ihre Geschlechtskrankheit und erkor sie zur Schlampe.

Das war einfach nur scheiße, denn diese Menschen waren nicht nur respektlos und übergriffig, sondern auch wahnsinnig dumm. Die Ursache einer Pilzinfektion ist gar nicht zwangsläufig Sex, sondern kann auch häufig a, b oder c sein. Auch ich habe mittlerweile in meinem Leben mehrfach eine gehabt. Das ist alles nicht dramatisch. Glücklicherweise wissen das meine Sexpartner*innen auch und ich gehe nicht mehr zur Schule.

Verhüten gegen Geschlechtskrankheiten und nicht nur, um keine Kinder zu kriegen

Viele Menschen haben in ihrem Leben mindestens einmal eine Geschlechtskrankheit gehabt. Auch ich mittlerweile (wenn man eine Pilzinfektion nicht mitzählt). Ich hatte Chlamydien, weil mein Ex-Partner ohne mein Wissen auch anderweitig Sex ohne Kondom hatte. Wie bei mir frühzeitig erkannt, kann man diese Infektion mit Antibiotika heilen. Unbehandelt kann sie sowohl Menschen mit Vagina als auch mit Penis unfruchtbar machen.

Schutz (wenn auch nicht zu 100 Prozent) vor Geschlechtskrankheiten bieten Kondome (sowohl für Penis als auch Vagina) und Lecktücher. Deshalb ist Verhütung auch so wichtig. Es geht bei Verhütung schließlich nicht nur darum, dass Menschen keine Kinder kriegen wollen.

Über Geschlechtskrankheiten zu reden, ist mit viel Scham behaftet. Dabei sollte es gang und gäbe sein, dass sich Sexpartner*innen darüber (vor dem Sex) austauschen. Ebenso üblich sollten Routinetests auf Geschlechtskrankheiten sein. Gesundheitsämter bieten Tests (oft nur HIV) kostenlos und anonym an. Bei Ärzt*innen zahlt man dafür. Oft mangelt es dort an nötiger Unterstützung.

Mir wurde beispielsweise gesagt, solange ich keine Symptome habe, könne ich ja eh nichts außer HIV und Chlamiydien haben. Deshalb seien alle anderen Tests überflüssig. Allerdings treten Symptome ja nicht immer sofort auf, obwohl man schon krank ist. Ich sehe es sehr kritisch, dass solche Routinetests nicht von der Krankenkasse bezahlt werden, weil die teils sehr hohen Preise eine Hürde sind.

Auch Menschen in langjährigen, monogamen Partner*innenschaften sollten sich hin und wieder testen lassen, weil gewisse Krankheiten nicht nur über Sex übertragen werden können …

Ich lasse mich jetzt seit mehreren Jahren routinemäßig wenigstens zwei Mal pro Jahr testen. Gerade Menschen mit wechselnden Sexpartner*innen ist dazu geraten, auch wenn verhütet wird. Aber auch Menschen in langjährigen, monogamen Partner*innenschaften sollten sich hin und wieder testen lassen, weil gewisse Krankheiten nicht nur über Sex übertragen werden können (z.B. HIV über Spritzen, beim Tattoo stechen) und weil Menschen nicht immer ehrlich sind (und fremdgehen können), wie leider auch meine eigene Erfahrung zeigt.

Im Sexualkundeunterricht habe ich gewisse Dinge über Geschlechtskrankheiten gelernt. Vor allem über HIV und AIDS. Andere Geschlechtskrankheiten kamen gar nicht vor. Ebenso wenig wurde zur Entstigmatisierung von Geschlechtskrankheiten beigetragen. Ein weiterer Punkt, in dem Sexualkundeunterricht ausbaufähig ist.

Mehr Informationen zu Geschlechtskrankheiten führen zu weniger Erkrankungen 

Ist das Stigma erstmal weg, dann reden Menschen mehr darüber und lassen sich öfter testen. Gleiches gilt für Informationen. Menschen, die über Geschlechtskrankheiten und ihre Möglichkeiten, sich vor diesen zu schützen, informiert sind, können dies auch tun, Menschen, die nicht informiert sind, neigen dann eher dazu, dies nicht zu tun.

Nicht falsch verstehen, mir ist klar, dass es Menschen gibt, die theoretisch informiert sind und denen es trotzdem egal ist. Aber Menschen, die keine Informationen haben, können erst recht nichts für ihren Schutz tun. Viele Menschen wissen nämlich nicht, dass auch bei Oralsex oder wenn die Penisspitze an der Vagina gerieben wird Geschlechtskrankheiten übertragen werden können. Deshalb immer schön Safer Sex.

Headerbild: Stockfoto von Photographee.eu/Shutterstock. („Körperliches“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als sexpositive, intersektionale Feministin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Aktuell absolviert sie ihr letztes Semester im Master Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg. Ihre Masterarbeit behandelt – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

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