Was ich mal sagen wollte: Wokefishing ist echt das Letzte

Vor einer Weile lernte ich ein mir neues, englisches Wort für eines dieser Phänomene, das mich schon lange nervt: Wokefishing. Wokefishing meint, dass jemand vorgibt, besonders woke zu sein, also fortschrittliche politische Ansichten zu vertreten, um potenzielle (Sex-)Partner:innen zu verführen.

Ein:e Wokefisher:in wird zunächst vorgeben – beispielsweise auf einer Datingapp – , intersektional feministisch zu sein oder vegan zu leben und sich besonders für Umwelt- und Tierschutz einzusetzen. Aber in Wirklichkeit ist es diesen Menschen egal oder sie leben sogar aktiv das Gegenteil – äußern sich beispielsweise sexistisch, rassistisch und/oder queerfeindlich. 

Wokefishing funktioniert ähnlich wie Catfishing, nur mit politischen Überzeugungen. Es ist gerade dann besonders schädlich, wenn die Person, die gewokefisht wird, selbst zu einer oder mehreren marginalisierten Gruppen gehört, was im heteronormativen Dating-Kontext schon allein durch das Geschlecht der Fall ist.

Performative Wokeness

Besonders häufig erlebte ich dieses Verhalten mit cis Männern auf/von Datingapps oder mit selbigen, selbsternannten linken Feministen im Offline-Leben. Sie selbst halten sich für sehr reflektiert, unfehlbar, aber haben ihre Privilegien (meist weiß, cis, heterosexuell) nicht wirklich begriffen und sind in Wirklichkeit rassistisch, sexistisch und queerfeindlich.

Ist natürlich alles Spaß. Diese Männer zu daten ist aber kein Vergnügen. Sie zu enttarnen auch nicht. Je nachdem, wie gut sie in ihrem Schauspiel sind, dauert es ein Weilchen, bis man dahinterkommt. Bis man mitbekommt, worüber sie in ihren Männergruppen lachen, welchen sexistischen Content sie auf Instagram liken oder dass sie Billigfleisch aus Massentierhaltung kaufen und gleichzeitig andere dafür kritisieren.

Das ist besonders dann schmerzlich, wenn man sich schon körperlich und seelisch nähergekommen ist. Wenn einem diese Männer etwas bedeuten.   

Das Ganze kann sogar so weit gehen, dass diese Männer sich nach außen mit Worten wie bicurious und gender-nonconforming schmücken, um vermeintlich nicht hetero und cis zu sein, aber dies in Wirklichkeit sind und nur vor manchen Personen so tun, als sei es anders, um sich wichtig zu machen.

Häufig wird das Ganze mit performativem Social-Media-Aktivismus kombiniert – jüngst beispielsweise zu beobachten mit der häufig unreflektierten Social-Media-Solidarität mit der Black Lives Matter-Bewegung –, der aber seltenst auf reale Handlungen übertragen wird oder mit einer tiefergehenden Beschäftigung mit Diskriminierung und vorherrschenden Machtstrukturen einhergeht.

Dass sich cis Männer mir gegenüber als Feministen ausgeben und dann irgendwann durch ihre sexistische, queerfeindliche Kackscheiße auffallen, passiert nicht selten. Dass sie mich mansplainen, dass sie mir sagen, was sexistisch und bi-/homofeindlich ist und was nicht, und dass ich das bloß falsch aufgefasst hätte. Dass sie über rassistische Witze lachen. Das ist besonders dann schmerzlich, wenn man sich schon körperlich und seelisch nähergekommen ist. Wenn einem diese Männer etwas bedeuten.

Dating Men 2020

Natürlich muss man auch hier unterscheiden, zwischen bewusstem Wokefishing, das wirklich perfide gedacht ist, um Feminist:innen und andere Aktivist:innen rumzukriegen oder cis Männern, deren Beschäftigung mit ihren Privilegien noch ganz am Anfang steht, aber die von sich denken, sie hätten die Weisheit schon mit Löffeln gefressen. Ersteres hat eine klare Absicht, zweiteres ist cismännliche, heteronormative Arroganz und Ignoranz, wie wir sie an den meisten Orten erleben.

Wer jetzt auf eine Lösung hofft, wie man damit umgehen kann, den:die muss ich leider enttäuschen. Ich kann bloß das Übliche sagen: vorsichtig sein, genau hinschauen, dagegenhalten und sich nicht das Wort nehmen lassen.

Bianca Jankowska aka Groschenphilosophin schrieb in einem ähnlichen Zusammenhang vor Kurzem über #datingmen2020: „Manche Freund:innen schwören ja darauf, sofort wegzurennen! Den unreflektierten Mann konsequent abzuweisen und nach dem nächsten Kandidaten Ausschau zu halten. In der Hoffnung, dass der es checken wird, was es bedeutet eine Frau zu sein. Nur: ist das realistisch? Ich frage mich…

  1. Was können wir in anlaufenden Liebesbeziehungen von unserem Gegenüber voraussetzen
  2. wo dürfen (!) wir in sachten Dosen Nachhilfe geben und
  3. wann sind die Grenzen des Machbaren überschritten?“

Das Politische in heteronormativen Beziehungen

Da fragt sie sich, was ich mich auch schon lange frage. Biancas Fazit ist: „Was zählt, ist meiner Meinung nach nicht immer der Wissensstand, sondern die Bereitschaft, alte Denkmuster zu durchbrechen und sich zu reflektieren. Die Fähigkeit, zuzugeben, dass man in Fall XY falsch lag. Google zu benutzen. Ein Buch anzunehmen. (…) Wenn ein Mann wiederum Scheiße labert und sich von seiner geschätzten Frau konfrontieren lässt, ohne defensive zu werden, auszurasten oder wild herumzuschreien, kann man – meiner ganz subjektiven Meinung nach – durchaus weitermachen. (Wenn er sonst super ist, offen über Gefühle kommuniziert, seine Großmutter regelmäßig besucht, dich nach dem Kino nach Hause fährt, Tampons kauft, … you name it.)“

Liebe, Sex und Co. zu einem cis Mann sind und bleiben leider politisch.

Dieser Meinung kann ich mich nur anschließen. Die einzige „Alternative“, sich gar nicht mit cis Männern zu umgeben, halte ich aktuell noch für zu extrem, auch wenn ich in gewissen Momenten schon mit ihr geliebäugelt habe. Wie Laurie Penny in Bitch Doktrin schreibt, bin ich aber auch der Meinung, dass Frauen oft besser allein bzw. ohne Partner auskommen, als ihre Energie an einem cis Mann zu verschwenden, der ihnen nicht guttut und übermäßig viel Care-Arbeit abverlangt.

Das ist es einfach nicht wert. Wir sind nicht so abhängig von der romantischen Liebe, wie uns das Patriachat weismachen möchte. Wer das erkennt, hat gute Chancen auf ein erfülltes Leben. Liebe, Sex und Co. zu einem cis Mann sind und bleiben leider politisch. Ich für meinen Teil werde das nicht ignorieren.

In diesem Sinne ist das mein Beitrag zum Thema #datingmen2020.

Headerfoto: Austin Wade via Unsplash (Gedankenspiel Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür! 

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als sexpositive, intersektionale Feministin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Aktuell absolviert sie ihr letztes Semester im Master Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg. Ihre Masterarbeit behandelt – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

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