Was ich mal sagen wollte: Wir brauchen bi+sexuelle Sichtbarkeit | Sei Teil der Bi+Pride 2021

Es ist still geworden um mich. Vielleicht erinnern sich manche im-gegenteil-Leser:innen daran, dass es die letzten Jahre halbwegs regelmäßig meine queer-feministischen Kolumnentexte „Was ich mal sagen wollte“ zu lesen gab. Dieses Jahr habe ich den Großteil meiner Zeit für queer-feministische Arbeit in die erste Bi+Prides Deutschlands gesteckt und kann euch jetzt ausführlich davon erzählen.

Als Teil einer eifrigen Gruppe Bi+Aktivist:innen organisiere die Bi+Pride 2021 für bi+sexuelle Sichtbarkeit. Bi+ wird in aktivistischen und wissenschaftlichen Kontexten als Überbegriff für alle Identitäten verwendet, bei denen eine Person Menschen von mehr als einem Geschlecht anziehend finden kann.

Also alle Menschen, die nicht monosexuell sind. (Mono kommt aus dem Griechischen und bedeutet „allein“, „einzig“ oder „ein“. Damit gemeint sind Identitäten wie homo- und heterosexuell, die sich nur auf ein Geschlecht beziehen.)

Bi+ wird in aktivistischen und wissenschaftlichen Kontexten als Überbegriff für alle Identitäten verwendet, bei denen eine Person Menschen von mehr als einem Geschlecht anziehend finden kann. Also alle Menschen, die nicht monosexuell sind.

Unter Bi+sexualität fallen also beispielsweise bisexuell, pansexuell, queer, omnisexuell, polysexuell, homo- oder heteroflexibel und bi-curious (bi-neugierig). Manche Menschen unterscheiden auch zwischen sexueller und romantischer Orientierung. Sie bezeichnen sich beispielsweise als bisexuell und homoromantisch.

Die Endung „-sexuell“ bei den Orientierungen wird in der Regel noch als Überbegriff verwendet, aber macht asexuelle Personen unsichtbar. Manche Menschen nutzen deshalb auch explizit „-romantisch“, um sich noch deutlicher auszudrücken.

Unsere Bi+Pride am 23.09. – 25.09.2021

Unsere Veranstaltung besteht aus drei Tagen und beginnt am 23. September, dem offiziellen Tag der Bisexualität. Am Donnerstag, 23. September, wird an verschiedenen Orten – online und offline – die Bi-Flagge in den Farben Pink, Lila und Blau gehisst.

Auf unserer Homepage findest du eine Übersicht zu den genauen Orten, an denen die Flagge gehisst wird. Bisher haben mehr als 14 Städte und 23 Gebäude zugesagt. Am Freitag, 24. September, und weiteren Tagen wird es Workshops (offline und online) geben. Auch hier findest du auf der Homepage eine Übersicht. Am Samstag, 25. September, ist dann die Demonstration durch die Innenstadt in Hamburg. Die vollständige Route der Demonstration seht ihr hier.

Oft werde ich gefragt, warum das wichtig ist. „Reicht nicht ein CSD für alle?“ Gemeinsam unter dem Regenbogen? Auf jeden Fall! Aber es gibt auch bi+-spezifische Themen. Und leider auch immer wieder Ignorieren, Unsichtbarmachung und Nichternstnehmen von Bi+ – auch in der queeren Community. Darüber möchten wir aufklären und das natürlich auch verändern.

Oft werde ich gefragt, warum das wichtig ist. „Reicht nicht ein CSD für alle?“ Gemeinsam unter dem Regenbogen? Auf jeden Fall! Aber es gibt auch bi+-spezifische Themen. 

Bi+ Erasure (Unsichtbarmachung von Bi+sexualität) bedeutet unter anderem mangelnde Repräsentation, mangelnde Gemeinschaft, mangelndes Bewusstsein fürs Thema, mangelnde Sprache und mangelnde Anerkennung. Dies bedeutet, dass der größte Teil unserer Kultur die meiste Zeit unter der Annahme steht und agiert, dass es Bi+sexualität nicht gibt und nicht geben kann.

Daraus ergeben sich auch viele schädliche Vorurteile über Bi+sexuelle, über die ich hier bereits vor zwei Jahren geschrieben habe. Wer sich jetzt ganz ausführlich informieren möchte, kann das auf meiner Homepage tun, dort habe ich das Thema Bi+sexualität in vielen Facetten recherchiert und aufgearbeitet. Wer lieber hören mag, kann das in meinem Podcast tun.

Gründsätzlich lässt sich sagen: All das hat gravierende Folgen für diejenigen, die mehr als ein Geschlecht lieben und/oder begehren können.

Ein kleiner Einblick:

Bi+sexuelle Jugendliche benötigen Vorbilder und Sichtbarkeit, da sie deutlich häufiger als homosexuelle (und heterosexuelle) Gleichaltrige gemobbt werden oder zu Drogenmissbrauch neigen, deutlich seltener geoutet sind, und bi+sexuelle Mädchen sexualisierte Übergriffe beklagen. (US-Studie „Supporting And Caring For Our Bisexual Youth“)

Bi+sexuelle werden auch in der LGBTQIA+-Community oft nicht ernst genommen und ihnen wird auch immer wieder mal das Recht abgesprochen, dazuzugehören. (DW-Artikel)

Bi+sexuelle sind keine kleine unwichtige Minderheit, sondern 21% der deutschen Erwachsenen ordnen sich selbst im bi+sexuellen Spektrum ein (bei 18- bis 24-Jährigen sogar 39%). (repräsentative Studie von YouGov)  

6 von 10 bi+sexuellen Frauen (61%) haben Vergewaltigung, körperliche Gewalt und/oder Stalking durch eine*n Intimpartner*in erfahren müssen – deutlich mehr als Lesben (44%) oder heterosexuelle Frauen (35%). (US-Studie “Sexual Violence, Stalking, and Intimate Partner Violence by Sexual Orientation”; gut nachzulesen hier)

Ich wusste all das lange selbst nicht und fand es sehr erschreckend, diese Zahlen zu lesen. Es war für mich ein jahrelanger Prozess, meine persönlichen Erlebnisse als Bisexuelle ins große Ganze einzuordnen. Wie sehr ich Community gebraucht habe, habe ich erst jetzt gemerkt – mit den Menschen, bei denen man nichts erklären muss, weil sie es selbst kennen.

Ich wusste all das lange selbst nicht und fand es sehr erschreckend, diese Zahlen zu lesen. Es war für mich ein jahrelanger Prozess, meine persönlichen Erlebnisse als Bisexuelle ins große Ganze einzuordnen.

Zum ersten Mal eine Demo mit Event drumherum zu organisieren, ist grundsätzlich schon ein krasses Gefühl. Zum ersten Mal wirklich von der eigenen Community umgeben zu sein und einen Safe Space zu haben ein noch krasseres.

Der Zugang zur Bi+ Community und Infos über die vielen Beispiele von Bi+ Aktivist:innen, die zur LGBTQIA+ Community beigetragen haben, kann einen Teil der Isolation und des Stresses abbauen, sich nicht „queer genug“ zu fühlen. Es kann Menschen auch helfen, ihre Identität besser zu verstehen, da sie dann Zugang zu den Gedanken und Texten von anderen bi+sexuellen Menschen haben und erfahren, was es für diese bedeutet(e), bi+sexuell zu sein.

Ich wünsche mir von hetero- oder homosexuellen Personen, die Ally (Verbündete) für Bi+Personen sein wollen, dass sie sich über Bi+sexualität informieren und bi+sexuellen Menschen zuhören. Ihr könnt bi+sexuelle Menschen auch fragen, was sie sich von euch als Ally wünschen.

Ganz wichtig: Anerkennen, dass es Bi+sexualität gibt und es sich bei ihr um eine eigen- und vollständige Orientierung handelt. Und: Anerkennen, dass es eine bi+spezifische Diskriminierung und deren Folgen gibt, die sich von Homofeindlichkeit unterscheidet. Auch wenn es natürlich Aspekte gibt, die beide Seiten betreffen.

Ich wünsche mir von hetero- oder homosexuellen Personen, die Ally (Verbündete) für Bi+Personen sein wollen, dass sie sich über Bi+sexualität informieren und bi+sexuellen Menschen zuhören.

Grundsätzlich werden auch Paare und sexuelle Praktiken noch viel zu oft danach bezeichnet, welche Geschlechter oder  – cis-normativ gedacht – welche Genitalien vorkommen. Haben zum Beispiel zwei Menschen mit Vulva Sex, wird er lesbischer Sex genannt. Sex hat aber keine sexuelle Orientierung. Nur Menschen, die ihn haben, haben eine.

Wenn ihr die sexuelle und romantische Identität einer Person nicht kennt, dann labelt sie nicht fremd. Auch dann nicht, wenn ihr glaubt, sie aus der Partner:innenwahl ablesen zu können. Sexuelle und romantische Identität sowie auch Geschlecht sind von außen nicht sichtbar. Diese Informationen können Menschen euch nur mitteilen.

Wenn ihr die sexuelle und romantische Identität einer Person nicht kennt, dann labelt sie nicht fremd. Auch dann nicht, wenn ihr glaubt, sie aus der Partner:innenwahl ablesen zu können. Sexuelle und romantische Identität sowie auch Geschlecht sind von außen nicht sichtbar.

Am Ende des Tages sind wir alle Menschen und ich wünsche mir, dass wir irgendwann in einer Welt leben, in der alle Menschen diskriminierungsfrei leben, sodass man weder CSD noch Bi+Pride braucht. Solange das nicht der Fall ist, kann ich nur alle Menschen – egal ob bi+ oder nicht – herzlich zur ersten Bi+Pride in Deutschland einladen. Offline, online, alles möglich.

Headerfoto: Melina Seiler/Bi + Pride (Kategorie-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als intersektional denkende, sexpositive Oueer-Feministin, Bi-Aktivistin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Ihren Master of Arts in Journalistik und Kommunikationswissenschaft absolvierte sie an der Uni Hamburg. In ihrer Masterarbeit behandelte sie – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.