Was ich mal sagen wollte: Wer schön sein will, muss nicht leiden

„Wer schön sein will, muss leiden.“ Ich habe lange daran geglaubt, dass in dem Satz ein wahrer Kern steckt. Ich habe hohe Schuhe getragen, auch wenn das (irgendwann) weh tat. Ab der 7. Klasse wollte ich in der Schule und auch sonst überall keinen Rucksack mehr tragen, weil das nicht „ladylike“ ist. Es musste eine Handtasche sein, in die ich all die schweren Schulbücher steckte und dann auf einer Schulter, mit dem Gewicht schlecht verteilt, durch die Gegend schleppte. Fühlte sich nicht nur scheiße an, sondern ist auch ungesund.

Übrigens sind mir viele Handtaschenriemen gerissen, weil sie dafür nicht ausgelegt waren. Ich habe erst gegen Ende des Bachelorstudiums damit aufgehört. In die Uni gehe ich heute nur noch mit Rucksack. Auch in der Freizeit benutze ich jetzt oft lieber einen Rucksack, Jutebeutel oder Bauchtaschen. Handtaschen trage ich nur noch ab und zu, obwohl ich davon immer noch unfassbar viele besitze.

Viele Menschen verbinden mit dem Spruch auch ein ungesundes Pensum an Bewegung.

Viele Menschen verbinden mit dem Spruch auch Sport und Diäten. Ich meine damit nicht ein gesundes Pensum an Bewegung oder eine ausgewogene Ernährung, sondern sich mit viel zu viel Sport, einer strikten Diät und zu wenig Essen quälen. Sowas kann schnell zu Extremen führen. Sportsucht und Essstörungen. Glücklicherweise kann ich in diesem Beispiel nicht aus persönlicher Erfahrung sprechen, da ich Sport nie viel abgewinnen konnte und mich deshalb auch nie damit beschäftigt habe.

Auch mein Essverhalten ist glücklicherweise nie in den Bereich einer Essstörung abgedriftet, auch wenn es Tage gab, an denen ich nur „Grünzeug“ gegessen habe und Phasen, in denen ich mich jeden Tag gewogen habe. Das ging so weit, dass ich mir sogar im Auslandssemester eine Körperwaage gekauft habe, weil ich es ohne Waage nicht ausgehalten habe.

Viel zu oft habe ich im Winter zu dünne Kleidung getragen, um sexy zu sein.

Ein anders Beispiel, das ich auch noch von mir kenne, ist die Kleidung. Viel zu oft habe ich im Winter zu dünne Kleidung getragen, um sexy zu sein. Keine dicke Winterjacke, keine Strumpfhose unter der Hose, sondern einen Tanga unter einer dünnen Hose bei Minusgraden. Oder aber ich quetschte mich in unbequeme Kleidung, weil sie gut aussah. Ich weiß noch, dass meine Mutter das immer mal wieder kritisiert hat.

Es gibt noch andere Beispiele, dich ich von anderen mitbekam: Abführmittel nehmen, um abzunehmen oder gelockte und gekräuselte Haare so oft aggressiv glätten, dass sie brechen und ausfallen.

Wer entscheidet, was schön ist?

Und wozu das alles? Um schön zu sein? Wer entscheidet, was schön ist? Die Wahrheit ist, das Leben verändert sich nicht radikal, wenn man auf einmal Turnschuhe und Rucksack trägt. Wenn man im Winter eine dicke Jacke anzieht und sich auch sonst öfter mal für einen gemütlichen Pulli entscheidet. Man verwahrlost nicht. Man ist immer noch schön.

Wer schön sein will, muss nicht leiden. Wer schön sein will, könnte die Perspektive wechseln. Wie immer ist dies kein leidenschaftliches Plädoyer dafür, nie wieder hohe Schuhe zu tragen, sondern dafür, kurz inne zu halten und sich nach dem Warum hinter den Dingen zu fragen.

Wer schön sein will, könnte die Perspektive wechseln.

Niemand sollte leiden. Alle sollten sich gut fühlen. Dass das utopisch ist, ist klar. Aber sich bei Äußerlichkeiten gegen Leid zu entscheiden, ist etwas, das in unserer aller Macht steht. Und ja, es kann sein, dass es Dinge gibt, unter denen eine Person leidet und eine andere nicht. Ich zum Beispiel finde Strumpfhosen schrecklich, sie kratzen. Meine beste Freundin findet sie bequem.

Headerfoto: Bryan Dijkhuizen via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!  

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“ Melinas Kolumnen gibt es jetzt auch in Buchform - und zwar hier.

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